Angst vor der Rezession

Tourismus boomt an der Westküste: Dennoch soll der Staat zahlen

Westküstentourismus boomt: Dennoch soll der Staat zahlen

Westküstentourismus boomt: Dennoch soll der Staat zahlen

Tondern/Tønder
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Den Sonnenuntergang auf Röm liebt jeder (Archivfoto) Foto: Karin Riggelsen

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Die Tourismusbranche an der Westküste Dänemarks ist sehr gefragt und fordert nun dennoch öffentliche Gelder als Antwort auf eine Rezession in Deutschland, sinkende Vorbuchungszahlen der Sommerhäuser für das nächste Jahr und andere schwächelnde Industrien in der Region.

Für den Tourismus läuft es in der Kommune Tondern gut. Allein im August dieses Jahres wurden 356.752 übernachtende Gäste verzeichnet.

Dies entspricht einem Zuwachs von 67.315 Urlauberinnen und Urlaubern oder 23 Prozent, verglichen mit dem Jahr 2019. Die Jahre 2020 und 2021 werden aufgrund der Corona-Pandemie nicht in den Vergleich einbezogen.

Es kamen 26 Prozent mehr Gäste aus Deutschland. 20 Prozent mehr Däninnen und Dänen verbrachten ihre Ferien in der Kommune Tondern. Ein Plus von 9 Prozent wurde bei Gästen aus anderen Ländern verzeichnet.

Der Monat August liegt zwar in der Hauptsaison, aber die Zahlen sehen für alle acht Monate des Jahres gut aus. Es wurden 1.512.780 Gäste seit Anfang 2022 registriert, was einem Zuwachs von 200.000 Gästen – oder 16 Prozent – verglichen mit dem Jahr 2019 entspricht.

 

Spitzenreiter in Nordschleswig

Die Westküste ist auch im regionalen Vergleich innerhalb von Nordschleswig der Renner. Die Kommune Tondern liegt ganz klar an der Spitze. Von den vier Kommunen hat Apenrade mit 392.284 Übernachtungen das schlechteste Ergebnis. Tondern liegt mit 1.512.780 Gästen deutlich vor Sonderburg mit 1.146.463 übernachtenden Urlauberinnen und Urlaubern seit Jahresende bis August.

 

Die Urlauberzahl der Kommune Tondern steigt kräftig. Foto: Touristikverein Röm/Tondern

Die Tourismus-Beauftragten sind bemüht, mehr Urlauberinnen und Urlauber außerhalb der Hochsaison anzulocken. Dies sei schon gelungen, meint der Touristikchef für Röm (Rømø) und Tondern, Colin John Seymour Jr.

„Die Sommergäste kommen fast von allein. Alle Ferienhäuser sind dann vermietet und die Campingplätze ausgebucht. Daher müssen wir die Werbetrommel kaum noch während der Ferien in der Hochsaison rühren, sondern uns auf den Winter und auf den Herbst konzentrieren, obwohl wir dort auch gut abgeschnitten haben“, meint er.

Die Autokarawane von und nach Röm sind an warmen Sommertagen lang (Archivfoto). Foto: Karin Riggelsen

Im Januar und Februar wurde ein Zuwachs von 16 Prozent verzeichnet. Das macht 8 Prozent einer verbesserten Teilbilanz von Januar bis August aus. Von März bis einschließlich Juni kamen 22 Prozent mehr Gäste, was 60 Prozent des Wachstums ausmacht. Um 10 Prozent ist die Urlauberzahl allein im Juli und August gestiegen.

Für den Tourismus in der Region läuft es zwar gut. Dies soll es auch weiterhin tun. Daher wünscht sich die Kommune Tondern gemeinsam mit zehn anderen Kommunen entlang der jütischen Westküste Fördergelder aus der Staatskasse.

Das Kopenhagener Ferienpaket „Wonderful Copenhagen“ wird mit vielen Millionen Kronen vom Staat unterstützt.  Die Westküste geht leer aus, obwohl sie die meisten Feriengäste in ganz Dänemark hat.

Die Branche kann merken, dass die Buchungen für 2023 leicht rückläufig sind. Daher muss eingesetzt werden, um den Tourismus zu festigen und zu stärken.

Jørgen Popp Petersen, Bürgermeister

So sehen es alle elf Westküstenkommunen von Tondern bis nach Frederikshavn, mit denen im Westküstenbereich eine Zusammenarbeit gibt. Die neun anderen Kommunen sind Fanø, Esbjerg, Varde, Ringkøbing-Skjern, Holstebro, Lemvig Thisted, Jammerbugt und Hjørring.

Tonderns Bürgermeister Jørgen Popp Petersen, Schleswigsche Partei, begründet den Wunsch nach Staatsgeldern so: „Die Branche kann merken, dass die Buchungen für 2023 leicht rückläufig sind. Daher muss eingesetzt werden, um den Tourismus zu festigen und zu stärken. Kopenhagen bekommt sehr viel Geld. Es muss aber Gerechtigkeit herrschen und eine Balance gefunden werden“, fordert er.

Bedeutung wächst

Die Bedeutung des Tourismus wachse für die Westküstenkommunen im Zuge des Strukturwandels. „Hier ist die Minkzucht durch das Abschlachten der Tiere in der Corona-Pandemie zum Erliegen gebracht worden und für die Landwirtschaft und die Fischerei geht es wirtschaftlich auch zurück“, unterstreicht Popp Petersen. 

Der Westküstentourismus in Zahlen

Der dänische Tourismus machte 2019 einen Umsatz von 139 Milliarden Kronen. Hier gibt es 175.000 oder 5,8 Prozent aller dänischen Arbeitsplätze. Allein der Westküstentourismus verzeichnet 19,2 Millionen Übernachtungen und einen Umsatz von 24,5 Milliarden Kronen. An der Westküste übernachten 34 Prozent aller dänischen Feriengäste.

An der Westküste lässt es sich gut wandern (Archivfoto). Foto: Monika Thomsen

Daher müsse der Westküstentourismus im Staatshaushalt berücksichtigt werden, so die elf Kommunen der Westküste und bitten um eine Mitfinanzierung für zunächst vier Jahre.

 

Angst vor der Rezession in Deutschland

In den Westküstenkommunen übernachten 45 Prozent aller deutschen Reisenden in ganz Dänemark. Die deutschen Touristinnen und Touristen machen 58 Prozent aller ausländischer Urlauberinnen und Urlauber aus, die während ihrer Ferien in Dänemark übernachten. 67 Prozent davon sind auf Übernachtungen in den elf Westküstenkommunen zurückzuführen. Eine deutsche Rezession würde diese Region daher besonders hart treffen, heißt es in einem gemeinsamen Schreiben der elf Kommunen.

Mangel an Übernachtungsmöglichkeiten

Sie wünschen sich auch bessere Bedingungen, wenn neue und attraktive Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen werden sollen. Es herrsche ein aktueller Mangel. Daher bitten die elf Kommunen um mehr Befugnisse und größeres Bestimmungsrecht. Die strengen Auflagen bei küstennahen Bauprojekten würden ihnen weitere Steine in den Weg legen. Damit innovative und nachhaltige Projekt für den Tourismus an der Westküste schaffen zu können, bedürfe es einer Lockerung des strengen Planungsgesetzes, so die Kommunen.

Weit die meisten unserer Urlauberinnen und Urlauber kommen aus dem südlichen Nachbarland, obwohl auch mehr Reisende aus zum Beispiel Österreich, der Schweiz, aus Frankreich und Italien an die Westküste gekommen sind.

Colin John Seymour jr.,Direktor des Touristikvereins Rømø/Tønder

Touristikchef Seymour bestätigt nach Gesprächen mit mehreren Vermietungsanbietern für Ferienwohnungen und Sommerhäuser, dass die Gäste beim frühzeitigen Buchen von Sommerhäusern in der Hauptsaison zurückhaltender geworden sind.

Entwicklung bereitet Sorge

„Es könnte daran liegen, dass Urlauber aufgrund der eigenen finanziellen Situation wegen steigender Preise lieber später buchen. Dann sind die Sommerhäuser auch billiger. Wir betrachten die Entwicklung in Deutschland mit Sorge. Denn weit die meisten unserer Urlauberinnen und Urlauber sind Deutsche, obwohl auch mehr Reisende aus zum Beispiel Österreich, der Schweiz, aus Frankreich und Italien an die Westküste gekommen sind. Ihnen ist es im Süden einfach zu heiß geworden“, glaubt der Touristikchef.

Der Schwerpunkt der Vermarktungsarbeit liege jedoch weiter in Deutschland. 60 Prozent aller Feriengäste der Kommune Tondern kommen aus dem Nachbarland. Gäste aus Dänemark machen 31 Prozent und neun Prozent aus dem übrigen Ausland aus.

Betuchtere Zielgruppe soll angesprochen werden

„Wir wollen versuchen, in Deutschland neue Zielgruppen anzusprechen. Menschen mit einem höheren Bildungsstand, die an Natur und Kultur interessiert sind, und mehr Geld in der Tasche haben“, so beschreibt der Touristikchef die Strategie.

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