Interview

Bürgermeister über Fleischverzicht und Flugpragmatismus

Bürgermeister über Fleischverzicht und Flugpragmatismus

Bürgermeister über Fleischverzicht und Flugpragmatismus

Sonderburg/Sønderborg
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Erik Lauritzen vor seinem Arbeitsplatz: dem Sonderburger Rathaus Foto: Karin Riggelsen

Wie sieht Sonderburgers Bürgermeister die Begriffe Klimahysterie versus Klimaschutz, auf welche Großveranstaltung freut sich Erik Lauritzen (Soz.) 2020 ganz besonders und wie feiert der Bürgermeister Silvester? „Der Nordschleswiger“ hat Erik Lauritzen zum Neujahrs-Interview getroffen.

Worauf freust du dich 2020 mehr: Deine Teilnahme am Royal Run oder das große „Genforening“-Volksfest am 11. Juli auf den Düppeler Schanzen?

„Ich würde sagen, das Volksfest. Das wird für das ganze Land eine große Sache und wir können in Sonderburg zeigen, dass wir Großveranstaltungen gut durchführen können. Wir haben da eine große Verpflichtung, wenn wir die zentrale Feier für ganz Dänemark abhalten und die königliche Familie zu Besuch kommt. Königin Margrethe kommt und vielleicht auch weitere Mitglieder der Familie. Das wird ein Fest für ganz Dänemark und Nordschleswig. Gleichzeitig soll es vor allem auch für die Bürger der Sonderburger Kommune ein unvergessliches Erlebnis werden. Wir nehmen schließlich einen großen Betrag an Steuergeldern in die Hand, um diese Großveranstaltung durchzuführen.“

Wie wirst du als Bürgermeister in einem Jahr wie 2020 Luft holen können?

„Gute Frage, das werden wir sehen. Wir müssen das Jahr ja auch meistern können und genug Kraft dafür haben. Meine Sekretärin kann jetzt schon sagen, dass mein Kalender voll ist. Einige Termine, die ich in einem ,normalen‘ Jahr für die Kommune als Bürgermeister wahrgenommen hätte, werde ich aber sein lassen müssen.“

Bürgermeister Erik Lauritzen schätzt, dass die Kommune in Zukunft rund 10 bis 20 Millionenn Kronen weniger erhält. Foto: Karin Riggelsen

In zehn Jahren, 2029, will Sonderburg CO2 -neutral sein. Die Jugend fordert radikal neue Lebensgewohnheiten zugunsten des Klimaschutzes, andere sind genervt von einer „Klimahysterie“ und sagen, Dänemark produziert ohnehin kaum CO2 . Wie handhabst du als Bürgermeister dieser Kommune den Spagat zwischen Klimaschutz und einem ganz normalen Alltag, in dem CO2 produziert wird?

„Meiner Meinung müssen wir nicht aufhören Fleisch zu essen oder zu fliegen. Doch wir sollten höhere Anforderungen an die Fleischproduktion und an die Treibstoffe stellen. Ich habe keine Wunschvorstellung, dass wir jetzt nicht mehr fliegen sollen oder dass wir auf unser Rindfleisch verzichten. Aber nachdenken, wie viel nötig ist und wie man es besser machen kann, das sollten wir.

Ich bin auch nicht dafür, sich keine neue Kleidung mehr zu kaufen. Aber man kann doch wohl überlegen, ob man die alte nicht doch ein bißchen länger auftragen kann.

Wir benötigen prinzipiell nationale Vorschriften, etwa bei der Ausleitung von umweltschädlichen Stoffen durch die Landwirtschaft.“

Viele fragen sich derzeit, wie die Sonderburger Pläne zum Flughafenausbau mit dem Klimaschutz zusammenpassen. Ganz einfach: Es ist teuer, das Klima zu schützen. Klimaschutz kostet Geld. Das können wir uns als Kommune nur leisten, wenn Arbeitnehmer und Unternehmen zu uns kommen, wenn wir ein Produktionsstandort sind, wenn wir Arbeitsplätze haben und Steuern einnehmen. Wir müssen da eine Balance finden.

Erik Lauritzen, Bürgermeister

Erik Lauritzen

  • Erik Lauritzen ist seit 2013 Bürgermeister in der Kommune Sonderburg.
  • Der 59-jährige Sozialdemokrat ist seit 2007 Mitglied im Sonderburger Stadtrat, zuvor war er Kommunalpolitiker der alten Kommune Sundewitt/Sundeved.
  • Bei der Kommunalwahl 2017 wurde er mit 8.024 persönlichen Stimmen als Bürgermeister wiedergewählt.
  • Erik Lauritzen ist ausgebildeter Landwirt und Wirtschaftsberater und arbeitete an der Landwirtschaftsschule Gravenstein als Lehrer.
  • Er wohnt mit seiner Frau in Blansskov, das Paar hat drei Kinder. Info: Wikipedia

Ich denke, unsere Aufgabe ist es, auf die Problemstellung aufmerksam zu machen. Zu zeigen, wie man klimafreundlich leben kann. Viele fragen sich derzeit, wie die Sonderburger Pläne zum Flughafenausbau mit dem Klimaschutz zusammenpassen. Ganz einfach: Es ist teuer, das Klima zu schützen. Klimaschutz kostet Geld. Das können wir uns als Kommune nur leisten, wenn Arbeitnehmer und Unternehmen zu uns kommen, wenn wir ein Produktionsstandort sind, wenn wir Arbeitsplätze haben und Steuern einnehmen. Wir müssen da eine Balance finden.

Und wenn die Geschäftsleute nicht ab Sonderburg fliegen, dann fliegen sie ab Billund. Wir können dafür sorgen, dass wir in allem das Beste machen – und noch ein bißchen besser als jetzt.“

Sonderburg ist landesweit eine der Kommunen, die in den vergangenen Jahren am meisten in neue Gebäude und Infrastruktur investiert hat. Wie kann sich Sonderburg das alles leisten?

„Ein Grund ist sicher, dass wir vor Jahren beschlossen haben, die Steuern leicht anzuheben. Das war damals hoch umstritten und kritisiert – macht sich jetzt aber bemerkbar und wir haben dadurch einige Vorteile. Zudem haben wir eine sehr effektive, sehr schlanke Verwaltung, das ist ganz klar auch ein Kostenfaktor, der geringer ausfällt als in anderen Kommunen.

Und wir haben mit großen Unternehmen in der Kommune starke Partner – durch Stiftungsgelder und Zusammenarbeit profitiert die Kommune ungemein. Auf der anderen Seite versuchen wir, den Unternehmen bestmögliche Bedingungen zu schaffen. Beispielsweise wenn es um den Bau einer neuen Produktionshalle geht, wie jetzt bei Linak, dass wir dafür schnell den nötigen Flächennutzungsplan erstellen.“

Der 59-Jährige sitzt seit 2007 im Sonderburger Stadtrat, zuvor war er Kommunalpolitiker der alten Kommune Sundewitt/Sundeved. Foto: Karin Riggelsen

Sonderburg konnte in den vergangenen zwei Jahren immer mehr Touristen anziehen, ein wachsender Tourismus ist erklärtes Ziel des Stadtrats. Die Tour de France Etappe rollt 2021 durch Sonderburg, auf Nordalsen entsteht ein Ferienresort, das pro Jahr rund 200.000 zusätzliche Touristen nach Alsen bringen soll. Andererseits vermarktet sich Sonderburg über Ruhe, Beschaulichkeit und Natur. Muss man da nicht aufpassen?

„Dieses Abwägen und die Sorge haben wir natürlich vor Auge. Aber meiner Meinung sind wir weit davon entfernt, uns einer Grenze zu nähern, die wir nicht mehr ertragen können. Und ich bin ganz klar der Meinung, dass Nordalsen die zusätzlichen Touristen sehr gut vertragen wird. Und die Geschäfte in den Städten und Orten werden davon sehr profitieren! Wir hätten auch an verschiedenen Stellen neue Segelhäfen bauen oder bestehende ausweiten können. Aber wir setzen voll und ganz auf das Ferienresort auf Nordalsen.“

Was war dein persönlicher Höhepunkt als Bürgermeister in 2019?

„Das war wohl der Besuch der Königin, als sie das Alsik und den Hafen besichtigt hat. Und einer meiner Höhepunkte war meine Teilnahme bei der Klimakonferenz in Kopenhagener und bei einer Konferenz in Colombia, wo Sonderburg als leuchtendes Beispiel für Nachhaltigkeit und Bildung vorgestellt wurde.“

Wie feierst du den Jahreswechsel?

„Ganz still und ruhig, zwei Paare und ,Grønlangkål‘, mit allem, was dazu gehört. Ein bißchen Feuerwerk wird es auch geben, das ist aber sehr begrenzt. Und natürlich die Rede der Königin! Allzu wild wird das Fest aber nicht, ich soll am nächsten Morgen nämlich die Lesung in der Kirche halten …“

Erik Lauritzen ist seit 2013 Bürgermeister in der Kommune Sonderburg. Foto: Karin Riggelsen
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