Leitartikel

„Mettes Balanceakt“

Mettes Balanceakt

Mettes Balanceakt

Nordschleswig/Apenrade
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Staatsministerin Mette Frederiksen hat eine schwierige Entscheidung zu treffen. Wer möchte mit ihr tauschen, fragt Chefredakteur Gwyn Nissen.

Noch ist richtig Winter, doch vor uns wartet der Frühling. Viel mehr als sonst sehnen wir uns nach Licht und Wärme, aber vor allem nach einem normalen Alltag ohne zu viele Corona-Maßnahmen. Alle Blicke richten sich derzeit auf Staatsministerin Mette Frederiksen (Soz.). Seit März 2020 spricht sie in Sachen Corona das Machtwort. Können wir bald wieder raus aus der Blase, Mette?

Nach einem weiteren Shutdown seit Mitte Dezember und sinkenden Richtwerten sind die Erwartungen an Mette Frederiksen und die Regierung hoch. Die Rufe der Bürgermeister, Opposition, Schulleiter, Kulturträger, Wirtschaftsleute und vieler anderer wird immer lauter: Mette, öffne Dänemark. Hol uns hier raus. Gib uns eine Perspektive. Wir können nicht mehr.

Die Verlockung ist groß, sind doch mehrere Richtwerte besser als vor einigen Monaten, und die Geduld ist auch in Dänemark arg strapaziert – bei Geschäftsleuten, die um ihre Existenz bangen müssen, bei Jugendlichen, die endlich wieder feiern möchten, und bei allen anderen, denen die Decke auf den Kopf fällt.

Es gibt 10.000 Gründe, die Gesellschaft wieder in den Normalzustand zu schalten. Aber einen, es nicht zu tun.

Dieser eine Grund – das Coronavirus – macht die Entscheidung der Staatsministerin zu einem Balanceakt. Wer möchte schon tauschen? Der Ruf nach der Wiederöffnung ist zwar laut, doch es gibt immer noch Menschen, auf die wir Rücksicht nehmen müssen. Und wer hat nach einer möglicherweise verfrühten Wiederöffnung Lust, vielleicht wieder in den Shutdown-Modus gehen zu müssen? Gerade davon haben doch alle die Nase voll.

Welches Interesse sollten Mette Frederiksen und ihre Gesundheitsexperten haben, das Land länger im Tiefschlaf zu lassen als nötig? Aber sie trauen eben dem Frieden noch nicht – aus gutem Grund. Die Regierung setzt auf das Prinzip Vorsicht, kombiniert mit der Hoffnung, darauf, dass die Richtwerte weiter sinken und die Zahl der Geimpften steigt.

So lange werden wir uns noch gedulden müssen – und in der Zeit können wir uns fragen, wie wir selbst entschieden hätten, wenn wir die Verantwortung hätten – und nicht nur Meinungsfreiheit.

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