Theaterkritik

Wenn Engelchen kichert und Elvis aufersteht

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Jan Wachtberg Schmidt, in der Hauptrolle als Felix Bollmann, trägt die Geschichte durch den Abend.

Mit ausdrucksstarker Mimik, charmanten Figuren und einer Prise Situationskomik gelingt ein Theaterabend, der berührt und begeistert. Die Inszenierungskunst von „Theater Drang“ unter der Leitung von Hannah Dobiaschowski macht das Stück „Der Neurosenkavalier“ zu einem Must-see, findet Anna-Lena Holm.

Dunkelheit – nur sparsam angebrachte Weihnachtsbeleuchtung taucht die Bühne in mattes Licht. In 80er-Jahre-Manier trällert Kinderstar Heintje „O, du fröhliche“ aus dem Retro-Radio.

Das genügt, damit sich der eigene Körper an das wohlige Vorweihnachtsgefühl von vor wenigen Monaten zurückerinnert. Hier, im Theatersaal auf dem Knivsberg, wo „Theater Drang“, unter der Leitung von Hannah Dobiaschowski, den „Der Neurosenkavalier“ auf die Bühne bringt.

Wir befinden uns in einer Praxis für Psychotherapie, das wird schnell deutlich. Auch dank des stimmigen Bühnenbilds, zu dem neben zwei Retro-Schreibtischen auch ein typischer Büroschrank mit Platz für Ordner und Karteikarten gehört. Ein Relikt aus den Achtzigern, das sich aber gerade in Zeiten blühender Bürokratie in den meisten deutschen Praxen und Ämtern bis heute als verlässlicher Ordnungshüter durchgesetzt hat.

Marion Petersen spielt Fräulein Engel, die gute Seele des Stücks, die das Publikum mit ihrer mütterlich-kümmernden Art in Empfang nimmt. Mit piepsiger Stimme und einem Auftreten, das die „brave“ Klischee-Sekretärin passend in das damalige Rollenbild einbettet, hat man das goldgelockte „Engelchen“ direkt gern.

„Engelchen“ im Gespräch mit dem angeblichen Herrn DeWitt: Wer hat hier ’ne Schraube locker?

Kleine Fehler, wie die herrliche deutsche Aussprache von „Merry Christmas“ während eines Telefonats, machen ihren Charakter umso liebenswürdiger.

Dann betritt Jan Wachtberg Schmidt die Bühne. Er leiht dem Hauptcharakter des Stücks, Felix Bollmann, sein Gesicht – insbesondere sein Gesicht. Denn diese Rolle lebt von der ausdrucksstarken, schnellen und zielgenauen Mimik Schmidts, die seinem ganzen Spiel extra viel Ausdruck und Lebendigkeit verleiht.

Er bedient eine Rolle, in der zwei kriminelle Adern aufeinandertreffen und gemeinsam das Volumen und die Kraft einer Hauptschlagader entwickeln, die dann für richtig viel Wirbel sorgt. Diesem ganzen Wirbel hält er Stand, ohne dass die Dynamik und die Intensität seines Spiels nachlassen. Und das, obwohl er das Stück durch den Abend trägt.

Ein gekonntes Zusammenspiel von Helmuth Petersen und Jan Wachtberg Schmidt.

Gerade im Zusammenspiel mit „Engelchen“ gelingt es, die gespielte Situationskomik so zu übertragen, dass diese nicht einstudiert wirkt, sondern so, als passiere alles auf ganz natürliche Weise just in diesem Moment.

Auch Helmuth Petersen überzeugt, indem er seinen beiden Charakteren, Dr. DeWitt und Kommissar Maiwald, durch unwillkürlich wirkende Gesten viel Natürlichkeit verleiht. Da kann es schon einmal passieren, dass seine Hand wie unbedacht bei einem Zwiegespräch unter dem Sakko im hinteren Hosenbund verschwindet.

Es ist eine Kunst, wie der Schauspieler es vermag, sich innerhalb von kurzer Zeit von einem Psychiater mit Bildungsbürgertum-Gehabe in einen dickbäuchigen, leicht verschrobenen Detektiv zu verwandeln. Innerlich wie äußerlich. Zweimal wird Petersen zu einem anderen Menschen. Der eine mit verschränkten Armen und erhobenen Kinn, der andere mit unruhigen Händen, die sich immer wieder falten wollen und einem Blick, der auch mal ins Löcher-in-die-Luft-starren abgleitet.

Jan Wachtberg Schmidt: eine ausdrucksstarke Mimik.

Dieter Søndergaard spielt einen Patienten, der in sich den Geist Elvis’ weiß. Elvis, der im echten Leben Jürgen Apelhans heißt, ist ein schüchterner Typ, der sich nicht traut, dem inneren Ich den Weg auf die Bühne freizumachen.

Søndergaard spielt die Unsicherheit so überzeugend, dass man nicht vermutet, es wäre ein Charakterzug, in den er sich hat einarbeiten müssen. Den kurzen Pony in die Stirn gegelt, mit unsicherem Lächeln und schweifendem Blick wirkt Elvis wie ein Schuljunge, der nicht ganz weiß, wohin mit sich. Das Sofakissen gekonnt als Stilmittel inszeniert – immer in Reichweite, um es entweder schützend auf den Knien liegend zu spüren oder als Trostspender fest umklammern zu können.

Silke Lorenzen und Dieter Søndergaard bei der Gruppentherapie.

Auch das Sprechen in einem leichten Stakkato transportiert die Unsicherheit, ohne übertrieben zu wirken und die noch anstehende Verwandlung so ad absurdum zu führen.

Sieht man Søndergaard so auf der Bühnen-Couch sitzen – dann liegt das Bild von Tom Hanks in der Rolle des Forrest Gump nicht mehr fern, wartend auf der Bank einer Bushaltestelle, mit der berühmten Pralinen-Schachtel auf dem Schoß. Diese unwillkürlichen Parallelen sind ein eleganter Kniff, die Rolle noch nahbarer zu machen, als es in der kurzen Zeit möglich ist.

Ein bisschen Elvis gefällig? Dieter Søndergaard begeistert mit Gesang und Performance.

Aber Søndergaard kann nicht nur den unsicheren Typen – er kann auch den Ausbruch. Die Metamorphose von Jürgen zu Elvis. Die folgende Performance ist ein Fest. Er singt und bewegt sich wie der King of Rock 'n' Roll himself. Das Publikum kann nicht anders als mitgehen – die Blicke kleben auf ihm. Und man fragt sich doch: Ist es wirklich Jürgen Apelhans, der hier zu Elvis geworden ist? Die Leidenschaft lässt auch andere Vermutungen zu.

Purer Stolz: Regisseurin Hannah Dobiaschowski, umgeben von ihrer Theater-Truppe.

Als Tipp: Man lasse sich nur nicht dazu verleiten, auf das im Hintergrund tanzende „Engelchen“ aufmerksam zu werden, die auf ihre unbeholfenen, leicht steife Art versucht, das Lockerste aus sich herauszuholen und sich der Musik hingibt. Es fällt schwer, sich von diesem Anblick wieder loszureißen. Diese Szene ist das i-Tüpfelchen einer rundum stimmigen Rollen-Interpretation.

Auch Silke Lorenzen geht in der Rolle der Patientin des zwiespältigen Doktors auf. Ihr gelingt es, den Balanceakt zwischen dem Emotionen-Reichtum ihres Charakters gekonnt in Szene zu setzen. In dem einen Moment niedergeschlagen, verwandelt sie sich im nächsten Moment zu Pippi Langstrumpfs Schwester im Geiste – befreit, überschwänglich und ganz nach ihrem Willen lebend. Das Kostüm ist perfekt auf diese Rolle abgestimmt: Mit ihren offenen Haaren, den Neon-Stulpen, passend zum neonfarbenen Rock, sieht sie aus, als sei sie direkt aus einem Aerobic-Video entsprungen.

Silke Lorenzen alias Claudia Carrera im formvollendeten 80er-Jahre-Look.

Frau Bast, gespielt von Desirée Pacelli, hat mit Pippi Langstrumpf vor allem eines gemeinsam: das viele Geld. Die Rolle der vermögenden Kleptomanin ist Pacelli wie auf den Leib geschneidert. Sie schafft es, die Attitüde einer überheblichen, etwas über den Dingen schwebenden Rolle so treffend und fesselnd zu verkörpern, dass man gar nicht möchte, dass die Schauspielerin zwischenzeitig die Bühne überhaupt verlässt. Das stetige selbstzufriedene Lächeln auf den Lippen unterstreicht die charmante Arroganz der Rolle gekonnt.

Die größte Stärke des Stücks sind die bis zur Perfektion inszenierten Charaktere mit all ihren Eigenheiten. In ihrer Gesamtheit ergeben sie ein Potpourri aus verschiedenen, zum Teil gänzlich gegensätzlichen Persönlichkeiten, die das Geschehen tragen, ihm ihre Dynamiken und Spannungen geben.

Zwischen Frau Bast (Desirée Pacelli) und Felix Bollmann knistert es ordentlich.

Eigentlich sollte die Gruppe rund um Regisseurin Hannah Dobiaschowski mit diesem Kunstwerk durch die Lande ziehen, um den von Politik, tristem Wetter und sonstigen persönlichen und weltlichen Entwicklung getrübten Seelen eine kurzweilige Zerstreuung mit dem wieder auferstandenen Elvis und dem sympathisch kichernden Engelchen zu ermöglichen.

Kurzum: eine klare Empfehlung.

Aufgeflogen!