Porträt

Ein Leben für die Minderheiten mit Basis auf dem Dorf: Johannes Callsen wird 60

Mann im Anzug in Kunstgalerie vor Banner und Wandbildern
Johannes Callsen bei einem Termin in Mikkelberg bei Hattstedt. Der Politiker wird am 14. April 60 Jahre alt.

Engagement: Johannes Callsen setzt sich seit Jahrzehnten für den Erhalt von Kultur und Geschichte im Grenzland ein. Als Minderheitenbeauftragter und Dänemark-Bevollmächtigter hat er seine Berufung gefunden und prägt heute die Zusammenarbeit zwischen Minderheiten und Mehrheiten im Grenzland. Ein Porträt eines leidenschaftlichen Brückenbauers.

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Zusammenfassung

  • Johannes Callsen verbindet seine Heimatverbundenheit mit dem Einsatz für nationale Minderheiten in Schleswig-Holstein.
  • Als Minderheitenbeauftragter und Dänemark-Bevollmächtigter stärkt er kulturelle Projekte und Sprachförderung im Grenzland.
  • Am 14. April feiert der Politiker aus Angeln seinen 60. Geburtstag und könnte sich vorstellen, nach der Landtagwahl 2027 weiterzumachen.

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„Für die Minderheiten ist es wichtig, wertgeschätzt zu werden und dass man ihre Arbeit sieht und entsprechend würdigt“, sagt Johannes Callsen Ende März am Rande einer Kabinettssitzung der Kieler Landesregierung in Hattstedt (Hatsted) in Nordfriesland.

Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und seine Ministerinnen und Minister besuchten am Mikkelberg das Kunstmuseum und den Cricketplatz der dänischen Minderheit als Auftakt einer Reise quer durch Schleswig-Holstein anlässlich des 80. Geburtstags des Bundeslandes.

Für die Minderheiten ist es wichtig, wertgeschätzt zu werden und dass man ihre Arbeit sieht und entsprechend würdigt.

Johannes Callsen

Für die dänische Minderheit sei es seinem Empfinden nach auch eine Anerkennung gewesen, dass sich die Landesregierung dort getroffen hat, sagt Callsen, der seit 2017 Minderheitenbeauftragter der Landesregierung ist. 

Menschen stehen auf einer Wiese und lauschen einem Redner im Freien.
Johannes Callsen (Bildmitte) beobachtet seinen Chef, Ministerpräsident Daniel Günther, bei dem Versuch, Cricket zu spielen.

Weil Callsen ohnehin in Nordfriesland ist, macht er, anders als das Kabinett, eine extra Runde und besucht am Nachmittag noch die Friesische Volksgruppe im Friisk Instituut in Bredstedt (Bräist, Bredsted) und das Niederdeutsch-Zentrum in Leck (Læk, Leek).

Aus den Terminen nimmt Callsen aber vor allem Anregungen und Hinweise mit. So ging es bei den Treffen mit den beiden Volksgruppen auch um die Frage, Niederdeutsch und Friesisch als Fach in der Schule zu etablieren. „Ich merke, da sind wir auf dem richtigen Weg und auch, dass wir weiter daran arbeiten müssen.“

Aufgabe eine Herzensangelegenheit

Für Johannes Callsen ist die Arbeit als Minderheitenbeauftragter eine Herzensangelegenheit, wie er im Gespräch bestätigt. „Es ist eine sehr erfüllende Aufgabe, weil ich schon merke, dass wir die vielen und zum großen Teil auch ehrenamtlichen Organisationen der Minderheiten darin unterstützen können, nicht nur ihre Minderheit, ihre eigene Kultur und Sprache zu pflegen, zu leben und weiterzuentwickeln.“

Gruppe von Personen steht im Büro um einen Tisch voller Dokumente und Akten.
Johannes Callsen (rechts) lässt sich im Archiv des Friisk Instituut erklären, was es mit dem jüngsten Nachlass auf sich hat.

So wird Callsen beim Treffen mit der friesischen Volksgruppe nicht nur das Archiv gezeigt, wo derzeit ein großer Nachlass gesichtet und sortiert wird, sondern auch eine neue Abteilung namens „Nordfriisk Liirskap“, die sich unter der Leitung von Lena Terhart mit der Entwicklung von analogen und digitalen Lernmaterialien für die friesischen Dialekte Fering, Sölring und Öömrang beschäftigt. 

Mann im Anzug sitzt bei einer Besprechung an einem Konferenztisch in Büroatmosphäre.
Johannes Callsen im Gespräch mit Leiterin Gesa Retzlaff und Klaus Jensen vom „Plattdüütsch Raat för SH“

In Leck im Niederdeutsch-Zentrum stehen auch die aktuelle Marketingkampagne und diverse Veranstaltungen des Jahres im Fokus. Hier engagiert sich Gesa Retzlaff als Leiterin für den Erhalt und die Verbreitung des Niederdeutschen. Während der Termine wird deutlich, wie wichtig diese Zusammentreffen sind – und wie eng getaktet der Zeitplan an so einem Tag ist. 

Callsen wirkt dabei immer wie ein ruhiger Pol. Er hört zu, macht sich Notizen, bringt ein paar Anekdoten, erklärt zu bestimmten Themen die politischen Zusammenhänge – ruhig und bedacht, mit Verständnis. 

Ich bin nicht derjenige, der mit der Faust auf den Tisch haut. Insofern passt diese Aufgabe wesentlich besser zu mir und meinem Charakter als die des Oppositionsführers damals.

Johannes Callsen

Der Job ist nicht vergleichbar mit dem als Oppositions- und Fraktionschef der CDU, den er Anfang der 2010er-Jahre innehatte. Damals trat er als starker Kritiker der „Küstenkoalition“ auf. Heute hat seine Arbeit einen repräsentativen Charakter. Er nimmt von seinen Terminen Themen, Befindlichkeiten und Interessen mit und platziert sie an den entscheidenden Stellen in Kiel. 

„Es ist, glaube ich, viel mehr meine tatsächliche Persönlichkeit“, sagt er. Er sei eigentlich ein ausgleichender Mensch. „Ich weiß, für welche Inhalte und Interessen ich stehe und wofür ich mich einsetze. Aber ich bin nicht derjenige, der mit der Faust auf den Tisch haut. Insofern passt diese Aufgabe wesentlich besser zu mir und meinem Charakter als die des Oppositionsführers damals.“ Als Minderheitenbeauftragter ist er Überzeugungstäter. 

Kulturelles Engagement und Heimatgeschichte

Das kommt nicht von ungefähr. Er sei in die Politik gekommen, weil er sich schon als Jugendlicher mit Heimatforschung und Heimatgeschichte beschäftigte und sich  ehrenamtlich im Kulturbereich engagierte. Über den Kreistag, wo er Vorsitzender des Kreiskulturausschusses war, ging es dann in den Landtag.

Er selbst hatte eine politische Karriere nicht als Ziel. „Ich bin vom Elternhaus her eher unpolitisch. Meine Eltern waren konservativ, wir hatten einen Bauernhof. Eine Grundeinstellung habe ich sicher mitbekommen, aber Politik war nie das große Thema am Küchentisch.“ Die Prägung habe sich dann ergeben. 

Johannes Callsen Mitte der 2000er im Kieler Landtag

1986 trat er in die CDU ein, 1987 gründete Callsen in Mohrkirch als 21-Jähriger den Kulturverein, um das Dorfmuseum zu sichern. Das kulturelle Engagement führte ihn Anfang der 1990er-Jahre in die Gemeindevertretung. „Das sind alles Dinge, die man nach meiner Überzeugung in der Politik nicht planen kann.“

Dem jungen Callsen war klar, dass er sich durch seine Verbundenheit zur Region und den Menschen vor Ort auch für diese einsetzen wollte. „Das hat mich dann wahrscheinlich motiviert, da immer weiterzumachen – auch politisch.“

Vom Journalismus in die Politik

Als Jugendlicher hätte er auch eine andere Laufbahn einschlagen können. So schrieb er als Reporter für den „Schleiboten“ sowie die „Schleswiger Nachrichten“ und verbrachte Anfang der 90er-Jahre einige Zeit als fester freier Mitarbeiter bei „Radio Schleswig-Holstein“  im Studio Flensburg. Danach bewarb er sich erfolglos auf eine Festanstellung. Eine spannende Zeit, wie er sagt. Auch als Autor war er tätig. 

Mann steht vor Apfelbaum und zeigt eine kleine Produktverpackung
Johannes Callsen auf einem früheren Bild mit seinem Angeln-ABC

So schrieb er ein Buch über das Kloster Mohrkirchen, arbeitete an der Dorfchronik mit und veröffentlichte eine Sammlung historischer Texte aus der Landschaft Angeln und ein Angeln-ABC mit typischen Besonderheiten der Gegend. Ein Schleswig-Holstein-Spiel mit 500 Fragen stammt ebenfalls aus der Feder Callsens.

Das ist ein Ort, der mir Kraft gibt, wo ich ein Umfeld habe, das ich liebe.

Johannes Callsen

Eine Basis im Grenzland

Der Hof in Langdeel war dabei immer seine „Heimbasis“. Hier wurde er 1966 während eines Schneesturms geboren, hier nahe Mohrkirch lebt er noch heute mit seiner Familie. Seit 250 Jahren ist der Hof in Familienbesitz. Selbst sitzt er zwar nicht mehr auf dem Trecker, lässt den Hof aber nach wie vor bewirtschaften. 

Mann im karierten Hemd steht vor einem weißen Wohnhaus im Garten.
Johannes Callsen im Jahr 2022 vor seinem Haus auf Langdeel.

Langdeel liegt günstig zwischen Kiel, Flensburg und Kappeln, was seiner Rolle als Minderheitenbeauftragtem und Dänemarkbevollmächtigtem zugutekommt. Montags und dienstags sei er meist in Kiel zur Staatsekretärsrunde und Kabinettssitzungen. Die Termine im Grenzland ließen sich aus Angeln gut erreichen, sagt er bei einer Pausenzigarette.

Nie habe es die Überlegung gegeben, von dort wegzuziehen. „Das ist ein Ort, der mir Kraft gibt, wo ich ein Umfeld habe, das ich liebe. Wo ich mich zu Hause fühle, wo ich geerdet bin und mit dem ich mich tief verbunden fühle.“  

Zur Entspannung ins Landesarchiv

In seiner Freizeit versucht Johannes Callsen, viel Zeit mit seiner Partnerin zu verbringen, geht aber auch seinem Hobby nach: der Heimat- und Familienforschung.  „Das heißt, ich bin ab und zu mal im Landesarchiv und stöbere in alten Akten herum. Das ist für mich dann auch keine Arbeit, sondern Entspannung.“ 

Die kulturelle und heimatliche Wurzel ist auch das, was mich ein Stück in der jetzigen Funktion antreibt.

Johannes Callsen

So forschte er auch zur Geschichte des eigenen Hofes, der nach Erzählungen seiner Oma im Mittelalter zu einem Kloster gehörte. „Diese alten Urkunden, die zum Teil aus dem 15. Jahrhundert stammen und die es noch gibt, zu sehen und auch anfassen zu dürfen, das ist schon etwas Besonderes.“

Zwei Männer betrachten in einem Archiv einen aufgeschlagenen historischen Zeitungsband.
Johannes Callsen blättert während seines Besuchs bei der Friesischen Volksgruppe in einem historischen Atlas und lässt sich das Werk von Institutsleiter Christoph Schmidt erklären.

So nimmt sich der Minderheitenbeauftragte im Friisk Instituut auch ein paar Minuten mehr Zeit, um drei von Direktor Christoph G. Schmidt aus dem Archiv herbeigeholte Bücher zu begutachten – unter anderem eine historische Dankwerthsche Chronik von Schleswig-Holstein.

„Die kulturelle und heimatliche Wurzel ist auch das, was mich ein Stück in der jetzigen Funktion antreibt“, sagt er. Die Minderheiten im Grenzland seien eine Bereicherung. Hier einen Beitrag leisten zu können, sei eine schöne Aufgabe. 

Dass Callsen im Niederdeutsch-Zentrum Plattdeutsch spricht, passt ins Bild des heimatverbundenen Politikers. „Meine Eltern haben mit mir immer Hochdeutsch gesprochen“, sagt er rückblickend, dabei hätten sie untereinander und mit der Oma Platt geschnackt. Durch das Zuhören habe er selbst ein Gefühl für die Sprache bekommen. Durch die Arbeit im Kulturverein und als Jugendlicher im Dorf habe er dann vorsichtig angefangen. 

Ein „Türöffner“ sei Plattdeutsch dann bei der Landtagskandidatur 2005 gewesen. „Mein Wahlkreis ging bis Stapelholm. Das ist eine Gegend, da ist Plattdeutsch noch selbstverständlich.“ Heute werde bei Terminen meist Hochdeutsch gesprochen, sagt er etwas wehmütig.

Netzwerke von besonderer Bedeutung

2022 legte Callsen sein Landtagsmandat nieder, um zusätzlich als Dänemark-Bevollmächtigter der Landesregierung von Minsterpräsident Daniel Günther zu arbeiten. Das Spannende und Schöne sei, dass sich viele Netzwerke aus beiden Bereichen decken – gerade bei den Norschleswigerinnen und Nordschleswigern, aber auch der dänischen Minderheit. „Ich habe da auch Menschen, die nicht nur persönlich richtig gut sind, sondern auf die ich mich verlassen kann und von denen ich weiß, dass sie sich auch konstruktiv in Prozesse einbringen.“ 

Je mehr wir den Alltag der Menschen über die Grenze hinweg einfacher machen können, desto besser.

Johannes Callsen

Ein Ergebnis sei etwa das Cross-Border-Panel zum Abbau von Grenzhemmnissen, das 2024 eingerichtet wurde. Diese feste Struktur sei ein riesiger Erfolg, so Callsen. Die Idee dafür sei von der deutschen Minderheit gekommen. „Insofern zeigt auch das die enge Verbindung und Bedeutung der Minderheiten als Brückenbauer über die Grenze hinweg.“

Weitermachen nicht ausgeschlossen

Wenn am 18. April 2027 ein neuer Landtag gewählt wird, ist Callsen zehn Jahre Minderheitenbeauftragter und fünf Jahre Dänemark-Bevollmächtigter. Im Interesse der Minderheiten, aber auch der deutsch-dänischen Zusammenarbeit könne er sich schon vorstellen, weiterzumachen. „Die Aufgabe macht mir sehr viel Freude.“

Ideen und Visionen hat Callsen allerdings schon noch. „Je mehr wir den Alltag der Menschen über die Grenze hinweg einfacher machen können, desto besser.“ Callsen würde sich auch wünschen, dass die Politik einen neuen Absatz für nationale Minderheiten in Artikel 3 des Grundgesetzes aufnimmt. „Dafür setze ich mich weiter ein, weil es ein wichtiges Signal ist – gerade in der jetzigen Zeit.“

Johannes Callsen
Johannes Callsen bei einer Begegnung mit dem scheidenden BDN-Chef Hinrich Jürgensen (Archiv)

Er könne angesichts der Stimmungslage verstehen, dass sich Minderheiten in ganz Europa Gedanken und Sorgen machen. „Umso wichtiger ist es für mich, dass wir immer wieder gerade in Schleswig-Holstein oder aus Schleswig-Holstein heraus die Bedeutung unserer Minderheitenpolitik klarmachen und unsere positiven Erfahrungen an andere Regionen in Europa weitertragen.“

Das Minderheitenkompetenznetzwerk, das aus der ursprünglichen Idee eines Hauses der Minderheiten in Flensburg hervorgegangen ist, habe angesichts der angesprochenen Entwicklungen eine wichtige Aufgabe, so Callsen. 

Für die kommenden Jahre gibt es also genug zu tun. Am 14. April steht nun der runde Geburtstag an. Den will Callsen ruhiger angehen und im kleinen Kreis mit der Familie feiern. „Nichts Großes“, verrät er.