Geschichte

So erinnert sich Ellen Blume an die Witwe des Hitler-Attentäters Jessen

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Bei Ellen Blume hat Jens Peter Jessens Witwe einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Jens Peter Jessen aus Stoltelund war einer der führenden Köpfe hinter dem Attentat auf Hitler 1944. Als Jugendliche besuchte Ellen Blume die Witwe des zum Tode Verurteilten in Berlin. An was für eine Frau sie sich erinnert und welche Worte von „Tante Käthe“ ihr heute noch wie ins Gedächtnis gebrannt sind, hat sie dem „Nordschleswiger“ erzählt.

20. Juli 1944: Auf Hitler wird in der Wolfsschanze ein Attentat verübt – und ein Nordschleswiger ist einer der führenden Köpfe dieses Plans – vermutlich sogar der Erste, der ebendiesen konkretisiert.

Von der Rolle eines anderen prominenten Charakters aus der Gruppe der Verschwörer überschattet – Claus Schenk Graf von Stauffenberg –, gerät der gebürtige Stoltelunder Jens Peter Jessen etwas in Vergessenheit.

Die Lügumklosteranerin Ellen Blume ist über familiäre Bande mit der Familie von Jens Peter Jessen verbunden. „Mein Opa fiel 1915 im Ersten Weltkrieg, und meine Oma hat dann Christian Jessen aus Stoltelund geheiratet. Er war einer der Brüder von Jens Peter Jessen“, erklärt die 79-Jährige die Verbindungen.

Jens Peter Jessen aus Stoltelund bei Tingleff gilt zunächst als glühender Nazi. Bis er ins Umdenken kommt und sich in Berlin einer Gruppe von Widerständlern anschließt. Die Witwe Ulrich von Hassells – ein weiterer Beteiligter am Attentat – berichtet nach dem Krieg, die ersten Pläne habe Jessen bereits im Jahr 1943 skizziert: An diesem Abend sagte Jessen verzweifelt: „Es wäre in der Theorie so einfach, diesen Verbrecher zu beseitigen: Der vortragende Offizier bringt eine Mappe mit herein, die Sprengstoffladung enthält, legt die Mappe auf den Schreibtisch von Hitler, lässt sich zu einem verabredeten Telefonanruf herausholen, und Hitler ist beseitigt!“ (Quelle: „Der Mann, der Hitler töten wollte“ von Søren Flott)

Der Nordschleswiger wird als letzter der „Verschwörer“ vor dem Volksgerichtshof angeklagt und am 30. November 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Jessen hinterlässt neben seinen vier Kindern seine Ehefrau Käthe Scheffer, die er 1921 geheiratet hatte.

Mit dem späteren Hitler-Verschwörer kam ihr Vater direkt in Kontakt, als er während seiner Studienzeit bei ihm in Göttingen unterkam – Jens Peter Jessen arbeitete zu diesem Zeitpunkt als Professor an der dortigen Universität.

Das Dankeschön von „Tante Käthe“ wird zum Familienerbstück

Diese Tatsachen weiß Ellen Blume aus den Erzählungen ihrer Eltern und denen ihres älteren und kürzlich verstorbenen Bruders Peter Iver Johannsen.

Nach dem Verlust durch die Hinrichtung Jessens konnte sich Käthe Scheffer als nunmehr alleinerziehende Mutter auf die Unterstützung des Ehepaars Johannsen, Ellen Blumes Eltern, verlassen. „Sie haben sich in der Zeit nach dem Tod von Jens Peter sehr intensiv um ‚Tante Käthe', wie wir sie nannten, gekümmert“, erzählt Ellen Blume. Sie selbst wird 1945 geboren und wächst somit mit „Tante Käthe“ auf, die zwischenzeitlich nach Flensburg (Flensborg) zurückkehrt.

„Zum Dank hat sie meinen Eltern einen goldenen Kerzenständer geschenkt, der seitdem in unserer Familie in Ehren gehalten wird.“ Heute hütet Ellen Blumen dieses geschichtsträchtige, wertvolle Erbstück. „Nachdem unsere Mutter gestorben war, habe ich den Nachlass verteilt und ihn erst einmal meinem Bruder überlassen. Jetzt – nach seinem Tod – ist er bei mir.“

Die einprägsamsten Erinnerungen an „Tante Käthe“ entstehen, als die jugendliche Ellen Blume sie in Berlin besucht. „Da war ich auf Klassenfahrt und durfte einen Nachmittag von den geplanten Aktivitäten fernbleiben. Das habe ich dann ausgenutzt. Das war im Jahr 1963.“

Der Kerzenständer war ein Dankeschön von „Tante Käthe“.

Eine Witwe, die das Schicksal nicht kleingekriegt hat

Die Frau, die sie an diesem Nachmittag ganz neu kennenlernt, beeindruckt Ellen Blume so nachdrücklich, dass sie auch heute nur wenige Sekunden braucht, um die Worte zu finden, die „Tante Käthe“ charakterisieren: „Sie wirkte sehr selbstbewusst – aber im guten Sinne. Und sie hatte viele Lebensweisheiten. Sie war eine starke Persönlichkeit.“

Ihre Sicht auf die Dinge und der Umgang mit dem erlebten Schicksal haben bei Ellen Blume einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlassen.

„Ich erinnere mich, dass sie sagte: Damit muss man fertig werden. Er hat das Gute gewollt, und dass es so traurig ausgegangen ist, da ist nichts zu machen. Aber er hat versucht, dagegen anzukämpfen“, gibt die gebürtige Hoptruperin die Worte wider.

Mir hat ihre Haltung so gut gefallen – ich habe sie sehr bewundert.

Ellen Blume

„Mir hat ihre Haltung so gut gefallen – ich habe sie sehr bewundert. Sie hat nicht gejammert und ihre Söhne alleine großgezogen. Und einen – Uwe Jessen – habe ich noch kennengelernt. Der kam auch oft zu uns nach Flensburg“, fügt sie hinzu. Letzterer habe sich noch intensiv um ein ordentliches Verfahren für seinen Vater bemüht. Jedoch ohne Erfolg – es gab keine Möglichkeit, vorzudringen.

In den Folgejahren wird innerhalb der Familie über das Geschehene geschwiegen. „Niemand hat davon gesprochen. Auch nicht mein Vater. Er hat nichts erzählt. Er hat nur immer wieder seinen Hass zum Ausdruck gebracht. Dass Hitler ein Verbrecher war und deren Jugend verdorben hat“, erinnert sich Ellen Blume.