Vor 40 Jahren

Die Mutter aller Schneestürme

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Nordschleswig
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Überall im Lande mussten Autofahrer den Wagen verlassen und ihr Auto auf der Straße stehen lassen. Foto: Jedbo John/Ritzau Scanpix

Sagt man „Schneesturm“ und „1978/79“, dann haben die meisten Grenzlandbewohner und Dänen eine Geschichte „von damals“ – vom schlimmsten Schneesturm der Geschichte.

Schneesturm 1978/79

TV2 hat historische Fotos von dem Schneesturm 1978/79

Es ist die Schneekatastrophe überhaupt in Dänemark, und wer die dramatischen Tage um den Jahreswechsel 1978/79 selbst miterlebt hat, wird sie nie vergessen.

Es fängt am 28. Dezember noch ganz harmlos an. Es schneit. Doch in den kommenden Tagen nimmt der Schnee zu (es schneit bis zu 22 Stunden am Tag), und erschwerend kommt hinzu, dass ein starker Wind weht.

Die ersten Tage können Autobahnen, Flughäfen und der Bahnverkehr noch mit Mühe offen gehalten und aufrechterhalten werden, doch am 30. Dezember heißt es vor allem in Süddänemark, Fünen und den südlich gelegenen Inseln sowie Schleswig-Holstein schließlich „Land unter".

Eine dicke Schneedecke hat sich über große Teile des Landes gelegt. Über 1.000 Autos haben sich in den Schneemassen festgefahren – das wird später bei der Räumung ein Problem, denn sie versinken in den Schneemassen und sind für den Räumdienst nicht zu erkennen. Die Autofahrer werden aus ihren Pkws auf der nordschleswigschen Autobahn evakuiert, die Züge fahren nicht weiter und überall entlang der Bahn werden in Schulen und privaten Heimen Notunterkünfte eingerichtet.

Schneeberge verwandeln die Straßen fast zu Tunneln. Foto: Jedbo John/Ritzau Scanpix

Das Wetter schlägt auch in den Tagen darauf Kapriolen: Zu Silvester ist es in Mannheim 10 Grad warm, unweit davon in Frankfurt sind es minus 16 Grad.

Im deutsch-dänischen Grenzland fällt noch mehr Schnee, und es stürmt. Mit 27 Metern Wind pro Sekunde werden für die Tage neue Höchstwerte erreicht. Meterhohe Schneewehen entstehen an Häusern und auf Straßen: Wer auf den Schneemassen geht, könnte die Stromleitungen anfassen.

Doch es ist nicht mehr überall Strom in den Leitungen. Viele Bürger haben jetzt nicht nur mit Schnee und Kälte zu kämpfen: Der Strom ist ausgefallen. Vor allem für die Landwirte wird das zum Problem:

„Das war schlimm für die Bauern. Sie hatten kein Wasser für ihre Tiere, und viele Bauern konnten ihre Kühe nicht melken. Die Kühe haben gebrüllt", erinnert sich Claus Erichsen vom Landwirtschaftlichen Hauptverein für Nordschleswig.

Es zeigte sich, dass die Bereitschaftsschule in Tingleff Stromaggregate hatte. Landwirte in der Gegend holte sich die Aggregate ab und produzierten ihren eigenen Strom für die Melkanlage. „Danach fuhren sie das Aggregat weiter zum nächsten Hof, damit der Nachbar auch melken konnte", erzählt Erichsen.

Fotos und Eindrücke vom Katastrophenwinter

Wenn Sie Bilder vom Katastrophenwinter 1978/79 in Nordschleswig haben und diese mit uns und den Lesern des Nordschleswigers teilen möchten, dann schicken Sie sie uns in digitaler Form – gern auch mit ein paar Zeilen, wie es war damals 1978/79. Chefredakteur Gwyn Nissen freut sich auf E-Mails unter gn@nordschleswiger.dk.

Auf dem Dach des Tankwagens

Hinrich Jürgensen, heute Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger, ist damals 19 Jahre alt und arbeitet auf einem Hof in Perebüll/Perbøl. „Wir konnten noch melken und haben die Milch in allen möglichen Behältern gelagert, doch irgendwann hatten wir keine mehr. Auf dem Trecker habe ich den Fahrer des Meiereitankwagens abgeholt und dann zur Meierei in Klipleff gefahren, von wo aus wir Richtung Hof fuhren. Bei Behrendorf/Bjerndrup blieben wir in einer großen Schneewehe stecken, und wir konnten nicht einmal die Türen öffnen. Ich musste aus dem Fenster aufs Dach des Lkws steigen und danach konnten wir den Tankwagen frei schaufeln", erinnert sich Hinrich Jürgensen.

Mit dem Fahrer steuerte er dann noch andere Höfe an, damit auch dort die Kühe gemolken werden konnten.

Da Feiertage waren, hatte Hinrich Jürgensen die nächsten Tage frei, aber auf der Straße ging gar nichts mehr. Deshalb ging er zu Fuß über die Felder nach Hause nach Baistrup, um in der Nachbarschaft Silvester zu feiern. Der Schwiegervater dagegen musste „arbeiten": „Er hatte einen neuen Stall gebaut und der war jetzt unisoliert – genau wie die Wasserleitungen. Er versuchte, alle Rohre aufzutauen, damit die Kühe etwas zu trinken hatten", erzählt Hinrich Jürgensen.

Dieses Handballteam aus Gravenstein saß tagelang auf Fünen fest. Foto: Gwyn Nissen

1.500 Sportler eingeschneit

In den dänischen Radionachrichten heißt es nun: „Die Verkehrs- und Wetterlage ist im gesamten Lande völlig unüberschaubar." In Nordschleswig sind alle Straßen mehr oder weniger geschlossen, und der Schnee türmt sich an einigen Orten auf über vier Meter. Dort wo die Straßen „frei" sind, ist das Fahren auch schlecht: Die Sicht ist wegen des Schnees gleich null.

Auch die deutsch-dänische Grenze macht zu und im Radio heißt in deutscher Sprache, dass Urlauber in ihren Sommerhäusern bleiben sollen: Auf den Straßen kann ihnen niemand mehr helfen. In Nordschleswig sind an den drei Tagen bis zu 50 Zentimeter Schnee gefallen – in einigen Orten in Schleswig-Holstein sogar mehr als ein Meter.

Auf Südfünen haben mehrere Tausend Sportler an einem Jugend-Handballturnier teilgenommen. Jetzt kommen viele von außerhalb nicht wieder nach Hause. Auch ich sitze mit meinen Handballkameraden vom DRG in Gravenstein in Ollerup fest. Dort stellen die Veranstalter eine Silvesterparty auf die Beine, und es gibt Suppe für alle.

Handballspielen in der riesigen Halle von Ollerup (vier Spielfelder) geht inzwischen auch nicht mehr: Ein Wasserrohrbruch füllt die Halle mit Wasser.

Erst am Tag danach am späten Nachmittag holt uns ein Bus ab, und wir fahren durch eine „Mondlandschaft" von Schnee über Fünen nach Nordschleswig. Ich muss sogar noch einen Tag in Bedstedt bei einem Freund drauflegen, bevor ich am 2. Januar nach Hause zurückkehre – drei Tage später als geplant.

Am 2. Januar wird die Grenze nach Deutschland wieder geöffnet – aber nur bis nach Flensburg. In Norddeutschland herrscht Fahrverbot, und erst am Tag darauf werden Tausende von Urlaubern von Schneepflügen Richtung Hamburg eskortiert. Quelle: vejr.tv2.dk

Rene Schneider in der Schneehöhle seines Opas. Foto: Rene Schneider

Kindheitserinnerungen

Der Leiter des Jugendhof Knivsbergs, René Schneider, erinnert sich ebenfalls an die schneereichen Tage seiner Kindheit. Er war damals vier Jahre alt.

„Auf unserem kleinen Hof in Joldelund/Nordfriesland waren wir komplett von der Außenwelt abgeschnitten. In unserer Straße, der Bahnhofstraße, befanden sich nur drei Häuser. Wir waren der einzige Hof und haben immer die Nachbarn zum Essen bei uns gehabt, da die Versorgung der ländlichen Region nicht mehr gewährleistet war. Die Bundeswehr musste mit Kettenfahrzeugen die Straßen räumen und unser Hof war „Anlaufstelle".

Zu Beginn der Schneekatastrophe war mir sehr langweilig und ich bin nach draußen gegangen, um im Schnee zu spielen. Unser Bryggers war der einzige relativ freie Ausgang, um in den Hinterhof zu kommen. Ich bin dann auf die Schneedecke gestiegen die mindestens 5-6 Meter hoch war. Nach einiger Zeit wollte ich zu den Nachbarn, um mit Glück eine heiße Schokolade zu bekommen. Hanni (Der Mann) war stets streng und liebte seinen Garten über die Maßen.

Ich ging also pfeifend über seinen Garten und hatte links und rechts von mir nur die kleinen Tannenspitzen, die aus dem Schnee heraus ragten. Da Hanni zur gleichen Zeit versuchte, sein Dach vom Schnee zu befreien, sah er mich von weiten schon kommen und schrie, dass ich von seinem Garten runter gehen sollte, da seine Tannen Schaden nehmen würden. Ich war da ganz anderer Meinung, da ich ja auf Schnee ging und es entwickelte sich eine Schneeballschlacht die keinen richtigen Sieger hervorbrachte.

Hanni ging rein, aber da ich es als unfair empfand, dass er das Spiel frühzeitig beendet hatte, trug ich eine große Menge Schnee zusammen, um sie in seinen Schornstein zu werfen. Das schmelzende Wasser hat man noch über 15 Jahre später in der Küche als schwarzen Fleck gesehen.

Man muss dazu wissen, dass ich eher ein Emil von Lönneberga gewesen bin und Hanni ein kratzbürstiger, aber unheimlich netter, alter Mann. Bis zu Hannis Tod haben wir über dieser Geschichte gelacht.

Die zweite Erinnerung ist, dass mein Morfar/Opa uns eine riesige Schneehöhle baute. Wir haben ewig lang an der Höhle mit gearbeitet, um dieses wunderbare Kinderversteck dann spielend in Besitz zu nehmen. Darin habe ich den ganzen Tag verbracht.

Es ist der Winter, in dem ich lernte, Schlitten zu fahren, wie man Schneebälle bastelt, einen Schneemann baut oder aus dem Schneemann eine Schneefrau macht (sehr zum Leidwesen meiner Mutter und Mormor), wie Eiszapfen entstehen, warum man die Dächer bei soviel Schnee frei schippt, das so viel Schnee gefährlich ist, das man Diesel braucht, wenn man keinen Strom mehr hat (Dieselgenerator), wie man Feuer macht, das Nachbarschaftshilfe so wertvoll ist, das Schweine verhungern können (wir hatten einen Schweinemastbetrieb), und dass nur die Gemeinschaft stark ist."

Die Milch musste weg gegossen werden

Auch Jette Erichsen aus Baistrup lebte auf einem Hof. „Wir waren alle eingeschneit – vor unserem Haus waren vier Meter hohe Schneewehen und wir konnten nicht aus dem Hofplatz", erinnert sie sich. „Die Milch von den Kühen mussten wir weg gießen – fast eine Woche lang. Außerdem wollte meine Schwester zu ihrem Freund, aber das ging nicht. Ach, war sie sauer."

Gestrandete auf dem Knivsberg

Nis-Edwin List-Petersen erinnert sich genau an den Schnee-Winter, denn der damalige Knivsbergleiter öffnete kurzerhand den Jugendhof Knivsberg als Hotel und ließ gestrandete Reisende dort übernachten. „Wir hatten 71 Leute verschiedener Nationalitäten wohnen“, erzählt List-Petersen.

Der Nordschleswiger vom 3. Januar 1979 Foto: DN

Zum Herunterladen: Einquartierung auf dem Knivsberg, Der Nordschleswiger vom 3. Januar 1979

Im Nordschleswiger-Archiv finden sie mehr Artikel zur Schneekatastrophe (Anmeldung erforderlich).

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