Leitartikel

Ein wenig mehr Respekt bitte

Ein wenig mehr Respekt bitte

Ein wenig mehr Respekt bitte

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Die Arbeit in der Pflege wird nicht gut entlohnt, gering schätzen sollte man die Arbeitnehmer aber nicht, meint Gwyn Nissen. Foto: dpa/(Symbolfoto)

Über Arbeitnehmer in der Pflege wird die Nase gerümpft, die Branche hat kein gutes Image. Das darf nicht sein, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

„Ach, du arbeitest in der Gesundheitspflege. Dabei kommst du eigentlich ganz gebildet rüber.“
Camilla Pedersen (26) und Linda Søndergaard (48) erleben es immer wieder: wenn es um ihren Job geht, rümpfen Leute die Nase. Denn wer sonst nichts werden kann, kann immer noch bei der Sozial- und Gesundheitspflege einsteigen, so der Tenor.

Die beiden Frauen berichteten im dänischen TV2 über ihren Alltag in der Gesundheitspflege und über das schlechte Image ihres Berufs, das nicht nur für sie, sondern auch für unsere Gesellschaft Konsequenzen haben kann.
Dabei gebührt ausgerechnet dieser Gruppe vielleicht unser allergrößter Respekt, denn für einen verhältnismäßig niedrigen Lohn haben sie das Leben anderer in ihrer Hand. Es geht eben nicht nur darum, dass sauber gemacht wird, dass Pflegebedürftige ins Bad geholfen werden und volle Windeln gewechselt werden müssen.

Auch davor sollten wir zwar den Hut ziehen, vor allem aber weil diese Mitarbeiter trotz immer schwieriger werdenden Arbeitsbedingungen (mehr Bürokratie, straffere Zeitpläne und größere Einzugsgebiete, die oft mit dem Rad erreicht werden müssen) weiterhin ihr Bestes geben, um den Alltag alter Menschen würdig und so angenehm wie möglich zu gestalten. In der kurzen Zeit, die den Mitarbeitern heute zur Verfügung steht, wird die Pflege großgeschrieben.

Eine Studie zeigt, dass jeder vierte sogenannte Sosu-Mitarbeiter überlegt, sich einen neuen Job zu suchen. Dabei werden 2026 bereits 40.000 Pflegemitarbeiter fehlen, weil die Gruppe der Pflegebedürftigen immer weiter wächst. Aber wo sollen diese Mitarbeiter herkommen, wenn der Job schlechtgeredet wird? Wenn wir ihnen nicht den verdienten Respekt zeigen? Und wenn niemand – außer vielleicht die Betroffenen – diesen Mitarbeitern für ihren Einsatz dankt?

Es ist eine große Baustelle, denn es reicht nicht, den Job schönzureden. Auch politisch muss sich um die Pflege herum einiges ändern, damit die Mitarbeiter nicht nur am Schreibtisch, sondern auch vor Ort die notwendige Zeit für ihre Arbeit bekommen.

Ein Land kann sich unter anderem daran messen, wie wir unsere Alten behandeln, aber eben auch wie wir mit unseren Pflegekräften umgehen. Und das beginnt bei uns selbst.

Mehr lesen

Kulturkommentar

Claudia Knauer
„Was macht die deutsche Kultur aus?“

Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Provinz-Stereotype“