Asger Jorn in Hamburg

Die Verjornung der Welt

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Hamburg
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Dirk Luckow
Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow. Foto: Cornelius von Tiedemann

In den Deichtorhallen ist erstmals in Hamburg eine Gesamtschau Asger Jorns zu sehen – neben dem Werk seiner Bewunderin Charline von Heyl.

Bei Asger Jorn, sagt Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow,, treffen zwei Welten aufeinander: „Das Abstrakte und das Traumhafte.“
Der 1914 geborene, als größter dänischer Künstler des 20. Jahrhunderts geltende Jorn war in vielen Beziehungen ein großer Freund des Zweideutigen, der mehreren Ebenen, des Zusammenspiels.

Nicht unwahrscheinlich, dass ihm der Ansatz Luckows, sein Lebenswerk in Hamburg neben dem Werk einer Bewunderin auszustellen, deshalb gefallen hätte.

Charline von Heyl, die in New York lebt und ihre Künstlerkarriere einst in Hamburg begann, hat die Ausstellung gemeinsam mit Intendant Luckow ersonnen. „Auf die Idee sind wir bei der Picasso-Ausstellung gekommen“, erinnert sich Luckow an Gespräche mit von Heyl anlässlich der Deichtorhallen-Schau „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ vor drei Jahren. Dort war auch Asger Jorn, der Picasso persönlich kannte, zu sehen. „Bei Asger Jorn fingen ihre Augen an, zu leuchten“, so Luckow über von Heyl.

Charline von Heyl
Charline von Heyl (rechts) bei der Ausstellungseröffnung. Foto: Cornelius von Tiedemann

Jorn beeinflusste Künstler weltweit – und bis heute

„Er setzte eine Lebendigkeit gegen das halbtote Nachkriegs-Abstrakte“, sagt die Künstlerin beim Pressetermin zur Eröffnung der Parallel-Ausstellungen „Asger Jorn – Without Boundaries“ und „Charline von Heyl – Snake Eyes“.

Von Heyl habe, erinnert sich Luckow, irgendwann von der „Verjornung der Welt“ gesprochen, „weil seine Kunst sich in der Welt ausbreitet.“
Und das auch im ganz profanen Sinne: Aus von Heyls eigenem Besitz ist ein Werk Jorns in Hamburg zu sehen („Rødt Lys“), in der laut von Heyl „schönsten Halle der Welt“. Nirgendwo, sagt sie würden ihre Bilder so wirken, wie in den Deichtorhallen.

Platz ist dort für ihr eigenes, großformatiges Werk allemal – was auch daran liegt, dass der Asger Jorn-Teil zwar einen umfassenden Überblick gibt – zumal dem, der sich zusätzlich den umfangreichen, von Dirk Luckow editierten Katalog besorgt – aber doch recht kompakt gehalten ist.

Doch vielleicht ist es gerade diese „Lust auf mehr“, die die Ausstellung so reizvoll macht. Niemand wird hier erschlagen von Jorns gewaltigen Ideenwelten, seinem Dunkel wird hier so viel Platz gelassen wie seinem Hell. „Das Bittere ohne Bitterkeit“, sagt Luckow. „Jorn war, denke ich, ein positiver Künstler, auch wenn seine Kunst viel Dunkelheit hat“.

Frühwerk: Aufgemaltes Licht auf einer kleinen Skulptur. Foto: Cornelius von Tiedemann

Asger Jorn, der Revolutionär

Dass sich Jorn schon früh mit Licht und Schatten befasste, zeigt eindrücklich eine kleine Skulptur, die er im zarten Alter von 18 Jahren schuf. Ein auf einer Wiese liegendes Mädchen. „Es war revolutionär“, begeistert Luckow sich für die zarte Figur: „Er malte das Licht auf die Statue!“

Apropos Revolution: Kommunist war er auch, der Jorn – und Widerstandsagitator während der Besatzung Dänemarks. Eigentlich hatte er sich damals schon in der Kunsthauptstadt Paris eingelebt, lernte dort bei Fernand Légers und Le Courbusier und pflegte Umgang mit den bedeutendsten Künstlern seiner Zeit. Auch nach der Befreiung verbrachte Jorn, der dreimal verheiratet war und acht Kinder zeugte, viel Zeit im Ausland, bereiste weite Teile der Welt und brachte sie mit nach Hause – und in seine Kunst. Paris aber war für ihn schon bald gestorben. Zu still standen ihm die Räder der Kunst dort.

„Mit seiner Rückbesinnung auf die Mythen und die Kunst des Nordens war Asger Jorn ein dänischer Künstler. Ebenso stark ist seine Kunst aber von internationalem Geist geprägt“, schreibt Dänemarks Kulturministerin Mette Bock (Liberale Allianz) im Vorwort des Kataloges. „Als Mitbegründer von CoBrA hat Jorn nicht nur nationale Grenzen gesprengt, sondern auch althergebrachte Ideen, wie Kunst auszusehen hat, für nichtig erklärt“, fährt sie fort – nicht ohne auch an der Stelle auf das dänisch-deutsche „kulturelle Frundschaftsjahr 2020“ hinzuweisen.

Kräftige Farben, kräftiger Strich. Foto: Cornelius von Tiedemann

Scharfe Kritik an althergebrachtem Denken

Gegen Freundschaft hätte Jorn sicherlich nichts einzuwenden gehabt. Gegen das, was noch immer das Denken vieler Menschen in Deutschland und Dänemark prägt, sehr wohl. „Warum sollten wir, die wir als Embryos alle Entwicklungsstufen des tierischen Lebens durchlaufen, unsere Natur verleugnen“, fragte Jorn, der gegen die Wert-Unterscheidung von menschlichem und tierischem Leben opponierte und der darin, sich über anderes Leben zu erheben, den Keim des Faschismus’ sah. Und der heftig gegen die Kirche, gegen die Religion argumentierte und anmalte.

Als Sohn strenggläubiger Lutheraner kannte er seinen Feind genau – und konnte ihn umso weniger verstehen. Einer seiner bissigen, comichaften Linolschnitte aus jungen Jahren, der auch in Hamburg zu sehen ist, macht seine Radikalität deutlich: Er zeigt durch das Fenster zu sehende Christen, die um Erlösung bitten. Über den Fenstern das Schild: „Irrenanstalt“.

Wer also sehen will, was nationalkonservative Politiker meinen, wenn sie einen politischen Widersacher als „kulturradikal“ beschimpfen, dem sei das Lebenswerk Asger Jorns anempfohlen, über das die Schau in Hamburg – vor allem den Neuentdeckern – einen inspirierten und inspirierenden Überblick gibt.

Eingang zur Ausstellung. Foto: Cornelius von Tiedemann
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