Reichsgemeinschaft

Dänemarks Selbstbild von der guten Kolonialmacht in Grönland bröckelt

Veröffentlicht Geändert
Die Aussagen der Demonstrierenden in Kopenhagen sind unmissverständlich.

Bislang ist es Dänemark gelungen, frühere Übergriffe auf die Inuit-Bevölkerung als Fehlentwicklungen von an sich gut gemeinten Initiativen darzustellen. Neue Informationen bringen jedoch diese Darstellung gehörig ins Wanken – und der Abstand zwischen Dänemark und Grönland wächst rapide. Eine persönliche Einschätzung von Walter Turnowsky.

Dienstag, 10. Dezember: Demonstrationen in den grönländischen Städten Nuuk, Ilulissat, Aaasiaat, Ittoqqortoormiit, Tasiilaq, Nanortalik und Narsaq; aber auch Kopenhagen, Aarhus, Reykjavik, der kanadischen Provinz Nunavut und dem norwegischen Samenland.

Der Hintergrund der Proteste ist, dass die Behörden in Dänemark fünfmal so häufig grönländische Kinder aus dem Elternhaus zwangsentfernen als dänische Kinder, wie die Zeitung „Sermitsiaq“ in einer Reihe von Artikel aufgedeckt hat. Die Protestierenden sehen es als Ausdruck kultureller Diskriminierung und nicht nur sie, auch Grönlands Regierungschef Múte B. Egede sieht das so.

Der aktuelle Konflikt lässt Dänemarks eigene Auffassung von dem Staat, der es nur gut mit den Grönländerinnen und Grönländern gemeint hat, ins Wanken geraten. Denn er kommt in Verlängerung von einer ganzen Reihe historischer Übergriffe, die erst in diesen Jahren aufgedeckt werden.

Das Kinderexperiment

Der aktuelle Fall wird besonders virulent, weil er fast nahtlos an einen dieser (aus heutiger Sicht fast unverständlichen) Übergriffe anknüpft: das sogenannte Kinderexperiment vor mehr als 70 Jahren. 22 Kinder in Grönland wurden 1951 von der Kolonialverwaltung ihren Eltern weggenommen und nach Dänemark verfrachtet. Die Eltern hatten keine Ahnung, warum das geschah – und die Kinder erfuhren es erst Jahrzehnte später.

Ich habe mit mehreren dieser Kinder gesprochen. Eines von ihnen, Helene Thiesen, erzählte mir, dass sie weinte, als sie als Siebenjährige auf „das große schwarze Schiff“ nach Dänemark gebracht wurde – und dass sie die darauffolgenden anderthalb Jahre in Dänemark eigentlich laufend weinte.

Ihre Muttersprache wurde ihr aberzogen, sie hat sie bis heute nicht wieder erlernt. Als sie nach Godthåb (dem heutigen Nuuk) heimkehrte, durfte sie nicht zu ihrer Mutter zurück, sondern wurde mit einer Reihe anderer Experimentkinder in ein Heim gesteckt.

Die Kinder sollten die neue Elite werden

Erst in den 90er-Jahren deckte die dänische Sozialberaterin Tine Bryld gemeinsam mit Helene Thiesen auf, wieso ihr und den 21 anderen Kindern dies widerfuhr. Dänemark war aufgrund der Armut in Grönland in die Kritik geraten. Nun wollte der dänische Staat ein modernes Grönland aufbauen.

Die 22 Kinder sollten die Elite bilden, die diesen Aufbau vorantreiben sollte. Nach damaliger Vorstellung konnte das nur geschehen, indem sie ihre grönländische Kultur ablegten und zu kleinen Däninnen und Dänen wurden. Das war das Experiment, und es ist in den damaligen Akten auch so benannt.

Die dem dänischen Staat gegenüber durchaus kritische Bryld nannte ihr Buch über das Experiment „Mit den besten Absichten“ (I den bedste Mening). Doch mit dieser Einschätzung lag sie nicht richtig; dazu weiter unten mehr.

Die Folgen des Experiments waren, dass die 22 Kinder „Einsamkeit, Entfremdung, Entwurzelung und eine zerrissene Identität“ erlebten, wie ein von Historikerinnen und Historikern erarbeiteter Bericht feststellte. Teil irgendeiner Elite wurde keines von ihnen.

Als Reaktion auf den Bericht entschuldigte sich Staatsministerin Mette Frederiksen (Soz.) im Namen des dänischen Staates im Dezember 2020 bei den Experimentkindern. Nur noch 6 von den 22 waren am Leben, um die Entschuldigung entgegenzunehmen.

Helene Thiesen spricht bei der Zeremonie, bei der Mette Frederiksen sich für das Kinderexperiment entschuldigt.

Dänemark befürchtete, Grönland zu verlieren

Zurück zu den angeblich guten Absichten Dänemarks. Denn bei den Motiven für das Kinderexperiment ging es auch darum, dass die damalige Regierung befürchtete, man könne Grönland verlieren. Die UNO machte aufgrund der Armut und der geringen Lebenserwartung der Bevölkerung Druck auf Dänemark, wollte es weiter Schirmherr des strategisch wichtigen Grönlands sein.

Auch war es die Zeit der Entkolonialisierung, und obwohl Dänemark als Kolonialmacht in der internationalen Diskussion kaum eine Rolle spielte, wurde immer klarer, dass das Königsreich etwas unternehmen musste.

Norwegen versuchte bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, Ansprüche auf Grönland geltend zu machen. In der Kulisse lauerten auch die USA, die bereits 1946 versuchten, Grönland Dänemark abzukaufen.

Die Modernisierung Grönlands

Der dänische Staat reagierte mit zweierlei Initiativen. Zum einen legte er ein Programm auf, das Grönland im Zeitraffertempo von einer traditionellen Jägergemeinschaft in eine moderne Gesellschaft nach dänischem Vorbild umwandeln sollte. Das Kinderexperiment war nur eines der vielen Elemente des Programmes, das in schönster Bürokratensprache G50 getauft und vom G60-Programm abgelöst wurde. Die großen Plattenbauten in den Städten Grönlands sind stumme Zeugen dieser Politik.

Der Betrug

Die zweite Initiative war, dass Dänemark Grönland anbot, es könne eine (angeblich gleichberechtigte) Region Dänemarks werden. Was man bei dem Angebot an das grönländische Landesparlament „vergaß“ zu erwähnen, war die Tatsache, dass die Kolonie Recht auf einen selbstständigen Staat hatte. Und vor allem erwähnte man nicht, dass Kolonialmächte nach Auffassung der UNO weiterhin finanzielle Verpflichtungen gegenüber ihren ehemaligen Kolonien hatten.

Die Journalistin Anne Kirstine Herrmann hat in ihrem Buch „Imperiets Børn“ (Die Kinder des Imperiums) aufgedeckt, dass von dänischer Seite keineswegs von Vergesslichkeit oder Unwissenheit die Rede sein kann. Im Gegenteil hat die damalige dänische Regierung große Anstrengungen unternommen, um diese Information vor der grönländischen Seite zu verbergen.

Und so stimmte das grönländische Parlament dem dänischen Vorschlag zu, und Grönland wurde mit der Grundgesetzänderung im Jahr 1953 ein Amt Dänemarks.

Die bittere Ironie der Geschichte ist, dass mit dem Ende des Status als Kolonie die Kolonialisierung Grönlands erst richtig begann. Zuvor hatte die Kolonialverwaltung weitgehend den Grönländerinnen und Grönländern ihre Kultur und Lebensweise gelassen (bis auf das nicht ganz unwesentliche Detail mit der Christianisierung). Doch jetzt sollten aus den Inuit schwarzhaarige Däninnen und Dänen werden.

Zwangseinsetzung von Spiralen

Um diese Modernisierung nicht zu behindern, sollten die Frauen nicht ungewollt, zu früh oder nur ohne Partner Kinder bekommen. Und da die Behörden den „Eingeborenen“ offensichtlich die Verhütung nicht zutrauten, nahmen sie kurzerhand die Aufgabe selbst in die Hand und verpassten jungen Mädchen eine Spirale – ungefragt und ohne Zustimmung.

Das war jedoch bis vor drei bis vier Jahren in der Öffentlichkeit unbekannt. Die Frau, die das änderte, ist die Psychologin Naja Lyberth. Ich habe mehrfach mit ihr gesprochen, wenn ich über Themen wie sexuellen Missbrauch von Kindern berichtet habe. In ihrer ruhigen Art hat sie immer eine enorme Kraft ausgestrahlt, wenn sie erklärt hat, welche Folgen diese Übergriffe für die Opfer haben.

Diese Kraft sollte Lyberth benötigen, als sie der grönländischen Zeitung „AG“ von dem Übergriff berichtete, dem sie selbst ausgesetzt gewesen ist. Sie wurde als 14-Jährige, wie ihre Klassenkameradinnen auch, ins Krankenhaus bestellt. Der Arzt sagte, dass ihr zur Schwangerschaftsverhütung eine Spirale eingesetzt werden sollte – eine Möglichkeit zu widersprechen, gab es nicht.

Naja Lyberth ist von der „BBC“ zu einer der 100 inspirierendsten Frauen weltweit erkoren worden.

Da das Mädchen noch nie Geschlechtsverkehr gehabt hatte und die Spirale außerdem für erwachsene Frauen gedacht war, wurde das Einsetzen ausgesprochen qualvoll. „Es fühlte sich an, als ob ich mit Messern gestochen wurde“, hat sie unter anderem „KNR“ berichtet.

Dramatischer Geburtenrückgang

Als sie die ersten Male über den Übergriff berichtete, wusste sie noch nicht, dass sie und ihre Klassenkameradinnen nicht die Einzigen waren, denen die Gesundheitsbehörden ohne Zustimmung eine Spirale eingesetzt hatten. An mindestens 4.500 Mädchen und Frauen führten die Behörden zwischen 1966 und 1975 diesen Eingriff durch – weder sie selbst noch ihre Eltern wurden gefragt.

Um das Ausmaß zu verstehen, muss man wissen, dass in Grönland 56.000 Menschen leben. Es hätten deutlich mehr sein können. Aufgrund der Spiralenkampagne fiel die Geburtenrate rapide – mehr als in irgendeinem anderen Land. Etliche der Mädchen wurden aufgrund der zu großen Spiralen unfruchtbar.

Die dänische Regierung hat sich bis heute nicht dafür entschuldigt. Sie möchte zunächst eine Untersuchung abwarten.

Bei den bisherigen Fällen konnte Regierungschefin Mette Frederiksen darauf verweisen, dass es um historische Ereignisse ginge, ihre Regierung keine direkte Verantwortung tragen würde. Das sieht bei der eingangs erwähnten Zwangsverschleppung von grönländischen Kindern anders aus.

Zu grönlandisch, um ein Kind zu erziehen

Solche Pflegeunterbringungen mit Zwang erleben in Dänemarks ansässige Familien hier und heute. Um zu entscheiden, ob ein Kind in Obhut genommen werden muss, benutzen die Behörden – neben anderen Kriterien – Tests, die die Eignung der Eltern prüfen sollen. Doch diese Tests sind auf dänische Verhältnisse zugeschnitten und berücksichtigen nicht die grönländische Kultur. Für Eltern mit grönländischem Hintergrund sind sie ungeeignet, hat unter anderem das dänische Institut für Menschenrechte festgestellt.

In einem aktuellen Fall haben die kommunalen Behörden der Grönländerin Keira Kronvold ihre Tochter Zammi bei der Geburt weggenommen. Aus den Akten geht hervor, dass ihre Wurzeln dabei eine Rolle gespielt haben.

„Keira benutzt ihren grönländischen Hintergrund, bei dem wenig ausdrucksvolle Gesichtsausdrücke eine kommunikative Bedeutung haben“, heißt es dort. Da das Kind aber in Dänemark aufwachsen soll, meint die Kommune, dass es der Mutter schwerfallen würde, „es auf die sozialen Erwartungen und Signale vorzubereiten“, die für ein Leben in Dänemark notwendig seien.

Der aktuelle Fall wird zum Politikum

Gewiss gibt es auch Aspekte in dem Fall, die nicht öffentlich bekannt sind. Doch allein die Tatsache, dass ihre Kultur in die Beurteilung überhaupt einbezogen wird, hat bei Grönländerinnen und Grönländern in Dänemark wie im Heimatland Entsetzen und Wut ausgelöst.

Für sie führt ein roter Faden vom Schicksal Helene Thiesens zu dem von Keira Kronvold. Die Botschaft klingt in ihren Ohren heute wie dieselbe von vor 70 Jahren: Grönländisch ist minderwertig, um zurechtzukommen, muss man Dänisch werden.

Für die Demonstrierenden in Kopenhagen gibt es eine direkte Verbindung vom Kinderexperiment zu den Pflegeunterbringungen heute.

Das ist auch der Grund, weshalb die Frage mit den Eltern-Tests jetzt zum Politikum und Konflikt zwischen Grönland und Dänemark geworden ist. Zwei Tage nach den Demonstrationen ist der Vorsitzende des Naalakkersuisuts, wie der Titel des grönländischen Regierungschefs lautet, höchstpersönlich nach Kopenhagen gereist, um sich mit der dänischen Sozialministerin Sophie Hæstorp Andersen zu treffen.

Der Vorwurf vom Völkermord

Nach der Begegnung war Múte B. Egede alles andere als zufrieden. Er wollte Hæstorp Andersens Aussage, ihr fehle die Gesetzesgrundlage, um die Tests bei grönländischen Kindern zu verbieten, nicht gelten lassen. In „DR“s Nachrichtenmagazin „Deadline“ forderte er einen sofortigen Stopp der Tests und eine Neubewertung der bisherigen Entscheidungen. Er wolle dies mit der dänischen Regierungschefin Mette Frederiksen erörtern.

Im Nachrichtenmagazin wurde er auch zum Spiralenskandal befragt. Er forderte eine unverzügliche Entschuldigung, sprach von einem „Völkermord“ und meinte damit die grönländischen Kinder, die nicht geboren wurden, die Menschen, die es in Grönland heute nicht gibt. Die Reaktionen auf den Ausdruck sind unterschiedlich: in Dänemark weitgehend Unverständnis und Empörung; in Grönland Zustimmung quer durch die politische Landschaft.

Ich kenne Egede fast seit Beginn seiner politischen Karriere, und auf mich hat er immer den Eindruck eines besonnenen Mannes gemacht. Seit er 2021 Regierungschef geworden ist, ist seine Rhetorik gegenüber Dänemark jedoch laufend härter geworden.

Múte B. Egede hat klare Worte gefunden.

Auf dem Weg zum selbstständigen Staat

Das ist nur eines von mehreren deutlichen Zeichen dafür, dass Dänemark und Grönland immer weiter auseinanderdriften. Seit Jahrzehnten steht nach meiner Einschätzung fest, dass Grönland eines Tages einen eigenen Staat gründen wird. Diese Nachricht ist jedoch in Dänemark nur bei den wenigsten angekommen.

Als Donald Trump 2019 Grönland kaufen wollte, wurde das Angebot in Grönland wie Dänemark mit Kopfschütteln abgewiesen. Doch gleichzeitig war es ein Weckruf in Dänemark und eine Verdeutlichung der eigenen Bedeutung in Grönland.

Trumps Lockrufe

Und was ist, wenn der US-Präsident diesmal der arktischen Nation eine Assoziierungsvereinbarung anbietet – inklusive Zahlungen von Subventionen in derselben Höhe wie Dänemark? Dies ist kein Hirngespinst, sondern Personen aus Trumps Umfeld arbeiten laut Medienberichten mit genau so einem Modell. Und kurz vor Weihnachten hat er selbst bestätigt, dass er weiter Interesse an Grönland hat.

Für einige Menschen in Grönland klingt so ein Angebot attraktiv, für die meisten eher nicht. Es würde aber zumindest das Gleichgewicht bei Verhandlungen zwischen Grönland und Dänemark entscheidend verschieben. Múte B. Egede hat im „DR“-Interview deutlich gesagt, dass er das dänische Grundgesetz als Fessel für ein ebenbürtiges Miteinander empfindet.

Wann kommt die Selbstständigkeit

Laut dem Autonomievertrag aus dem Jahr 2009 entscheidet allein das grönländische Volk, wann es sich vom dänischen Königreich lossagt. Doch trotz massiver wirtschaftlicher Hürde könnte dieser Tag näher sein, als so manche vermuten.

Auf alle Fälle sollten sich die dänische Politik und Gesellschaft darauf vorbereiten, dass ihr immer selbstbewusstere Grönländerinnen und Grönländer gegenüberstehen werden. Naja Lyberth wurde 2022 vom „BBC“ zu einer der hundert einflussreichsten und inspirierendsten Frauen weltweit erkoren.

Bei der Demo in Kopenhagen war nicht nur Keira Kronvold selbst, sondern laut „KNR“ auch ihre erwachsene Tochter Zoe dabei. Sie fordert vom dänischen Staat, dass er ihrer neugeborenen Schwester Zammi nicht das antut, was er ihr angetan hat, als er sie in Pflege gegeben hat.

Der Artikel ist ürsprünglich im Blog „VOICES“ der Gesellschaft für bedrohte Völker erschienen.