Analyse

Die friedliche Arktis gerät unter Druck

Die friedliche Arktis gerät unter Druck

Die friedliche Arktis gerät unter Druck

Kopenhagen
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US-Außenminister Mike Pompeo traf am Mittwoch in Kopenhagen ein. Er führte Gespräche mit (v.l.) Naalakkersuisoq für Äußeres, Steen Lynge, Landesrat für Äußeres, Jenis av Rana, und Außenminister Jeppe Kofoed (Soz.) Foto: Niels Christian Vilmann/Ritzau Scanpix

Mittwoch traf sich US-Außenminister Mike Pompeo in Kopenhagen mit den Kollegen aus Dänemark, Grönland und den Färöern. Bislang war die Arktis die friedliche Ausnahme in einer konfliktreichen Welt. Doch diese Periode könnte sich dem Ende zuneigen, meint Walter Turnowsky, Korrespondent des „Nordschleswigers“ und Beobachter grönländischer Politik.

Es machte weltweit Schlagzeilen, als US-Präsident Donald Trump im August vergangenen Jahres verkündete, er wolle Grönland kaufen. Von grönländischer und dänischer Seite wurde das „Angebot“ als absurd zurückgewiesen.

„Greenland is open for business, not for sale“, lautete die Antwort des Naalakkersuisut-Vorsitzenden (Premierministers) Kim Kielsen. Bei der Antwort sollte man den ersten Teil des Satzes nicht übersehen. Darauf werde ich zurückkommen.

So abstrus das „Angebot“ von Trump auch erscheinen mag, so hat es zumindest eines verdeutlicht: Die Großmächte USA, Russland und China liegen zunehmend in einem Wettstreit in der Arktis. Dies wird nicht nur auf Grönland und Dänemark Einfluss haben, sondern auch auf Europa und darüber hinaus.

„Ausnahme Arktis“

Die Arktis war bislang von friedlicher Zusammenarbeit geprägt, auch zwischen den USA und Russland. Ein Bild davon war eine Pressekonferenz in Reykjavik nach einer gemeinsamen Seenotrettungsübung des Arktischen Rates im Herbst 2017. Hier saßen ein russischer und ein amerikanischer General friedlich nebeneinander. Wir sollten nicht vergessen, dass dies während der Ukraine-Krise geschah.

Dieses friedliche Nebeneinander in der Arktis ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis eines gezielten Einsatzes nicht zuletzt von Dänemark und Grönland.

Friedlich aus Eigeninteresse

Im Jahr 2008 berief der damalige dänische Außenminister Per Stig Møller die Anrainerstaaten der Arktis zu einer Konferenz im grönländischen Ilulissat ein. Er befürchtete ernste Konflikte um den Kontinentalsockel unter dem Polareis.

Die Staaten einigten sich darauf, eventuelle Differenzen friedlich im Rahmen der UNO zu lösen. Die Großmächte USA und Russland hatten und haben große Interessen in der Arktis. Um diese zu schützen, erschien es ihnen sinnvoller, Uneinigkeiten untereinander auszumachen, als das Risiko einer Konfliktspirale und einer Einmischung von außen einzugehen.

Der bisherige Ausnahmezustand in der Arktis ist also vor allem den Eigeninteressen der Großmächte geschuldet. Der Arktische Rat, dem mehr Länder angehören, unterstützt diese durch Zusammenarbeitsprojekte wie die erwähnte Seenotübung.

Russische Aufrüstung

Doch die Situation in der Arktis ändert sich in diesen Jahren rapide. Eine wesentliche Ursache sind der Klimawandel und das dadurch verursachte Schwinden des Meereises. Dies öffnet mögliche neue Handelsrouten durch die Nordwestpassage sowie die Nordostpassage, also westlich und östlich an Grönland vorbei. Das schwindende Eis ermöglicht auch den Zugang zu bisher verborgenen Bodenschätzen.

Gleichzeitig bedeutet es jedoch auch, dass Russland einen steigenden Bedarf sieht, die nördliche Seeroute zu überwachen und zu schützen, auch weil das Eis keinen natürlichen Schutz mehr bietet. Daher hat Russland Militärstützpunkte in der Arktis wieder aktiviert und ausgebaut. Sie hätten vor allem defensiven Charakter, jedoch auch ein „offensives Potenzial“, lautet die Einschätzung des dänischen militärischen Nachrichtendienstes, FE.

Von einem Stützpunkt auf dem Sankt-Josef-Land aus können russische Bombenflugzeuge die Thule Air Base in Grönland erreichen. Die Thule Air Base ist ein zentraler Baustein des US-Frühwarnsystems für einen Atomkrieg.

Pompeo-Rede von großer Reichweite

Mindestens ebenso besorgniserregend sind aus Sicht der USA die Aktivitäten Chinas in der Arktis. Das Land bezeichnet sich als „Nah-Arktischer Staat“, der legitime Interessen in der Region habe. China geht es unter anderem auch um den Seeweg nördlich von Russland, den man zur „Polaren Seidenstraße“ ausbauen möchte. Auch an Bodenschätzen in Grönland gibt es chinesisches Interesse.

Im Mai 2019 kam es beim Treffen des Arktischen Rates in Finnland zu einem Ereignis, das eine wesentlich einschneidendere Bedeutung hat als Trumps Kaufangebot. Eben jener Mike Pompeo, der nun Kopenhagen besucht, hielt eine Rede, in der er China und Russland scharf angriff. Damit brach er mit dem bisherigen Ton der friedlichen Auseinandersetzung und läutete den Anfang vom Ende für die friedliche „Ausnahme Arktis“ ein.

Genau darüber haben der dänische Außenminister, Jeppe Kofoed, der grönländische Steen Lynge und der färöische Jenis av Rana in Kopenhagen mit ihm gesprochen.

USA suchen freundschaftlichen Kontakt zu Grönland

Doch parallel zur immer konfliktreicheren Rhetorik hat es eine weitere Entwicklung gegeben. Die USA arbeiten seit ungefähr drei Jahren daran, sich bei den Grönländern populärer zu machen. Trumps Angebot war da letztlich nur eine kurze Unterbrechung. Im Juni haben die Vereinigten Staaten in Nuuk ein Konsulat eröffnet, und es gibt erste US-Gelder für Projekte in Grönland unter anderem im Bildungsbereich.

Von grönländischer Seite sieht man wiederum Möglichkeiten in dem steigenden amerikanischen Interesse, wobei man sich durchaus bewusst ist, dass die USA strategische Ziele verfolgen. So ist auch das eingangs erwähnte Zitat des grönländischen Premiers einzuordnen. Auch Außenminister Lynge betont vor dem Treffen mit Pompeo, es gehe auch um wirtschaftliche Entwicklung in Grönland. Und er verdeutlichte, hier könnten die Interessen Dänemarks und Grönlands auseinandergehen.

„Die Sicherheit ist selbstverständlich wichtig, das kann man nicht abstreiten. Aber die Entwicklung zugunsten der Bevölkerung darf nicht durch Einzelinteressen beschädigt werden“, betont Lynge.

Schließlich möchte Grönland eines Tages auf eigenen Beinen stehen. Und zu einem immer selbstständigeren Grönland wird die USA enge Kontakte pflegen. Bereits seit dem Zweiten Weltkrieg gilt die Doktrin, dass Grönland Teil der territorialen Verteidigung der USA ist.

An einer konfliktreicheren Arktis kann Grönland mit 56.000 Einwohnern jedoch am wenigsten von allen interessiert sein. Daher heißt es, geschickt zwischen den Eisbergen zu navigieren.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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