Geschichte und Kultur

Wie viel Spiel darf in der Geschichtsvermittlung sein? Diskussionen um das Fröslevlager

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Das Fröslevlager ist auch ein Ort des Gedenkens. Kritikerinnen und Kritiker finden, dass die Geschichte des Lagers und der dort einst internierten Menschen nicht durch Spiele vermittelt werden sollte.

Ein neues Projekt soll die Geschichte des Fröslevlagers lebendiger werden lassen. Das Wort „Spiel“ hat dabei allerdings eine lebhafte Debatte ausgelöst.

Das Wort „Spiel“ entfachte eine hitzige Debatte auf der Facebook-Seite von Flensborg Avis, als die Zeitung die neue Museumskuratorin des Fröslevlagers, Mathilde Skaarup Marker, vorstellte.

Einige der Debattierenden sind der Ansicht, dass „Spiel“ nicht zu einem Ort wie dem Fröslevlager passt, das eine ernste und tragische Geschichte erzählt. Obwohl das Internierungslager 1944 errichtet wurde, um dänische Polizisten und Grenzsoldaten vor der Deportation in deutsche Konzentrationslager zu bewahren, wurde es für rund 1.600 Gefangene zum Verhängnis. Entgegen Verlautbarungen der deutschen Besatzungsmacht wurden sie in die Konzentrationslager südlich der Grenze deportiert. Etwa 220 von ihnen starben.

Experten im Bereich Spiel

Anlässlich ihres Amtseintritts wurde Mathilde Skaarup Marker im Wochenblatt „Gråsten Avis“ wie folgt zitiert: „Ich bin an einem großen Projekt beteiligt, MMTP (Moving Museums Through Play), das von der LEGO Stiftung gefördert und in Zusammenarbeit zwischen dem Nationalmuseum und der Designschule Kolding entwickelt wird. Das Projekt befasst sich mit der Entwicklung spielerischer Museumserlebnisse und -aktivitäten. Es passt hervorragend zu unserer aktuellen Entwicklungsarbeit im Fröslevlager-Museum, die darauf abzielt, die Vermittlung durch spielerische Aktivitäten verständlicher und zugänglicher für Familien mit Kindern zu machen.“

„Spielen“ sei ein Begriff, der oft missverstanden wird. Gemeint sei hier, dass nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene bei bestimmten Aktivitäten interagieren und sich so auf andere Weise mit Geschichte befassen“, so Mathilde Skaarup Marker.

Der Begriff wird im Forschungskontext verwendet. Das Fröslevlager arbeitet mit der Designschule Kolding zusammen, von der mehrere „Spiel“-Experten an dem Projekt beteiligt sind. Deshalb ist es auch ein Wort, das Teil der Vermittlung ist, sagt Mathilde Skaarup Marker.

Mathilde Skaarup Marker ist als neue Museumsinspektorin im Fröslevlager in die Vermittlung der Lagergeschichte eingebunden (Archivfoto).

Entscheidung der obersten Leitung

Die 26-jährige Historikerin ist nicht glücklich über die Formulierung in Flensborg Avis. Sie wolle, dass „Kinder und Eltern die dunkle Geschichte des Ortes spielerisch erleben“.

„Ich bin einfach Teil des Projekts. Es ist nichts, was ich mir ausgedacht habe“, sagt sie.

Die Teilnahme des Nationalmuseums in Fröslee am Projekt „Museen spielerisch erleben“ erfolgte nach einer Entscheidung der übergeordneten Museumsleitung. Das Fröslevlager ist Teil des gemeinsamen Projekts und reiht sich ein. Verschiedene spielerische Aktivitäten werden dabei getestet. Ob sie in Fröslee oder in anderen Museen dauerhaft angeboten werden, ist noch unklar.

Eine konkrete Aktivität wurde bereits ausprobiert: Man erhält beispielsweise eine „Gesprächskarte“, die man durch die Ausstellung mitnimmt und auf der man unterwegs Fragen beantworten muss und dabei vor ein Dilemma gestellt wird. Die Karten sollen eine Diskussion anregen, erklärt Mathilde Skaarup Marker.

Nicht die erste Kritik

Morten Teilmann-Jørgensen ist Museumsdirektor im Fröslevlager. Er ist der Ansicht, dass es in der Debatte „vor allem um Worte“ geht.

„Es ist nicht die erste Kritik, die uns im Hinblick auf die Geschichtsvermittlung im Fröslevlager begegnet, und schon gar nicht, wenn es um die Unterschiede in der Vermittlung zwischen Dänemark und Deutschland geht. Da gibt es einen großen Unterschied. Dieser Unterschied ist aber nicht mehr so groß, wenn man erklärt hat, was das Wort ‚Spiel‘ bei unserem Projekt bedeutet“, sagt Morten Teilmann-Jørgensen, der auch als Journalist gearbeitet hat.

„Wenn wir im Freilandmuseum oder im Museum ‚Kongernes Jelling‘ von ‚Spiel‘ sprechen, ist das kein Problem. Im Fröslevlager hingegen wird das Wort ganz anders ausgelegt. Es ist aber so, dass das Fröslevlager an einem gemeinsamen Projekt mit den anderen Museen beteiligt und somit nur ein Teil davon ist“, erklärt er.

Morten Teilmann-Jørgensen ist Leiter des Fröslev-Lagermuseums und der Museumsstätte „Kongernes Jelling“ (Archivfoto)

Weder Geschrei noch Fangen spielen

Morten Teilmann-Jørgensen möchte weg von traditionellen Vorträgen für Kinder und Erwachsene und hin zu einer lebendigeren Vermittlung.

„Worte können Gefühle wecken. Wenn wir von ‚Spielen‘ sprechen, sollte damit gemeint sein, dass man spielerisch lernen kann. Das hat nichts mit Geschrei oder Fangen spielen zu tun. Man kann beispielsweise Aufgaben lösen oder etwas durch Spiele lernen und sich so auf ganz andere Weise mit dem Lernstoff auseinandersetzen“, sagt Morten Teilmann-Jørgensen.

Das Fröslevlager geriet zuletzt in die Kritik, als es sogenannte „Escape Rooms“ einrichtete. Dabei handelt es sich um Räume, in denen die Teilnehmenden mithilfe von Einfallsreichtum und Teamarbeit eine Reihe von Rätseln und Aufgaben lösen müssen. Kritikerinnen und Kritiker bemängelten, dass so etwas nicht an einen Ort gehöre, an dem Menschen eingesperrt waren und mehrere ums Leben kamen.

Mit verbundenen Augen: intensiver zugehört

Morten Teilmann-Jørgensen betont: „Es ist wichtig, dass dies nicht missverstanden wird“. Er nennt ein Beispiel für ein Spiel, bei dem die Teilnehmenden Geschichte hautnah erlebten:

Ein Bus mit Schülerinnen und Schüler einer 7. Klasse fuhr zum Fröslevlager-Museum. Im Bus wurde den Kindern die Augen verbunden, sodass sie nichts sehen konnten. Während der Fahrt erzählte man ihnen dann die Geschichte des Fröslevlagers mit Geräuschen aus den 1940er-Jahren.

„Ich war selbst bei der Fahrt dabei und war beeindruckt, wie man die Siebtklässler dazu bringen konnte, aufmerksam zuzuhören. Indem wir ihre Augen verbanden, konnten wir andere Sinne viel stärker ansprechen, und sie erlebten das Fröslevlager viel intensiver als sonst“, so der Museumsleiter.

Fröslevlager

Das Internierungslager Fröslev (dänisch: Frøslevlejren) wurde 1944 kurz hinter der deutsch-dänischen Grenze errichtet und am 13. August 1944 in Betrieb genommen. Es war für etwa 1.500 Gefangene gedacht. Die Gesamtzahl der Inhaftierten beläuft sich auf etwa 12.000 Menschen.

Das Lager wurde auf eine dänische Initiative hin gebaut, um die Deportation von dänischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern in deutsche Konzentrationslager zu vermeiden. Entgegen aller Erwartungen wurden dennoch ca. 1.600 Gefangene aus Fröslee in Konzentrationslager weitergeschickt.

Kurz nach dem Krieg wurde der Name des Lagers in „Fårhuslager“ geändert. Von Mai 1945 bis in den Herbst 1949 hinein diente das Lager als Straflager für dänische Landesverräter.  In den viereinhalb Jahren waren für kürzere oder längere Zeit mehr als 5.000 Personen inhaftiert, darunter viele Mitglieder der deutschen Minderheit.

1983 beschlossen das damalige Amt Nordschleswig („Sønderjyllands Amt“) und die Gemeinde Bov (Bau) die Gründung der freien Trägerschaft des Fröslevlagers. Sie wurde am 1. Januar 1984 realisiert. Das Lager liegt seit der Kommunalreform in der Kommune Apenrade (Aabenraa). Im Lager befinden auch Ausstellungen verschiedener Organisationen.