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Die Soundschmiede der Dreifragezeichen-Hörspiele

Die Soundschmiede der Dreifragezeichen-Hörspiele

Die Soundschmiede der Dreifragezeichen-Hörspiele

Frank Jung/shz.de
Flensburg/Hamburg
Zuletzt aktualisiert um:
Das bekannte Europa-Label. Foto: Michael Ruff, SHZ

Zweihundert Folgen über 40 Jahre auf mehr als 50 Millionen verkauften Tonträgern: „Die drei Fragezeichen“, die beliebteste deutsche Hörspielserie, feiert 2019 ein Doppel-Jubiläum. Von Anfang an führt Heikedine Körting bei den Aufnahmen über die Detektiv-Abenteuer aus dem imaginären Rocky Beach in Kalifornien Regie.

Frau Körting, Sie haben jede Menge Hörspielserien produziert, so etwa „TKKG“, „Hanni und Nanni“ oder „Die Fünf Freunde“ – warum haben gerade die „Drei Fragezeichen“ alle anderen überflügelt?

Ganz viel geht auf die Multiplikatorenwirkung der Fans der ersten Generation aus den 80er-Jahren zurück. Viele haben die Hörspiele als junge Erwachsene für sich wiederentdeckt, wohl weil sie einen Ruhepol brauchten zu der Hektik, die so vielen anderen Freizeitangeboten eigen ist. Sie teilen diese Begeisterung jetzt mit ihren eigenen Kindern. Als ich im Herbst bei der Einschulung meiner beiden Patenkinder in Düsseldorf war, saß da doch tatsächlich ein sechsjähriger Justus Jonas mit in ihrer Klasse. Und Schultüten mit den „Drei Fragezeichen“ drauf gab es dort gleich mehrere.

Aber nur mit Nostalgie-Gefühlen bekäme die Serie keine neuen Hörer im Kinder- und Jugendalter hinzu, und die hat sie ja laut Marktforschung.

Ich denke, die Serie ist für Kinder schon dadurch so besonders spannend, dass die Geschichten nicht in irgendeiner deutschen Stadt spielen, wie sie jeder kennt, sondern im exotischeren Rocky Beach in Kalifornien. Punkt zwei: Die Erwachsenen mischen sich nicht großartig ein in das, was die drei Jungs dürfen oder nicht dürfen. Und dann sind da die ganz besonders hervorstechenden Cover von Aiga Rasch mit knalligen Farben und reduzierten Formen auf einem schwarzen Hintergrund. Sie waren vor 40 Jahren so revolutionär, dass sie noch heute modern wirken.

Und Ihren eigenen Beitrag zum Erfolgsunternehmen erwähnen Sie nicht?

Sicher spielt auch eine Rolle, dass es mir gelungen ist, die ideale Besetzung für drei Jungen zu finden, die total unterschiedlich sind – von der Stimme, von der ganzen Art – und die trotzdem miteinander Freunde sein können.

Wie haben Sie die Fragezeichen-Sprecher Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich denn entdeckt?

Oliver Rohrbeck hatte ich im Fernsehen gesehen, bei den „Montagsmalern“ – so was von bezaubernd, da habe ich gleich angerufen beim Sender und gesagt, den brauche ich. Als erstes habe ich ihn bei den „Fünf Freunden“ eingesetzt. Andreas Fröhlich habe ich über die Mutter von Oliver Rohrbeck gefunden, die eine Kinderagentur in Berlin hatte. Die hat für alle „Montagsmaler“-Sendungen die Kinder ausgesucht. Jens Wawrczeck kam direkt aus Hamburg. Ihn hatte ich im NDR in Kinderhörspielen erlebt, in Geschichten wie „Emil und die Detektive“.

Welchen Einfluss hat es auf Ihre heutige Beziehung zu den Sprechern, dass Sie sie schon als Kinder kennengelernt haben?

Ich habe das Gefühl: Das sind heute noch meine Kinder, auch wenn sie über 50 sind. Ich duze sie natürlich, weil ich sie immer geduzt habe. Aber sie haben immer noch den Respekt, dass sie mich Frau Körting nennen.

Die Aufnahmen mit den Schauspielern entstehen in Ihrem Tonstudio an der Hamburger Rothenbaumchaussee. Wie viel Hasselburg steckt womöglich trotzdem in den „Drei Fragezeichen“?

Eine ganze Menge! Die Aufnahmetage sind ja das Allerkürzeste bei der Entstehung einer neuen Folge. Was in den „Drei Fragezeichen“ an Hasselburg steckt, ist die ganze Vorbereitung. Zum Beispiel die Besetzung aller weiteren Rollen neben den drei Hauptfiguren. Dann die Organisation, dass alle Mitwirkenden drei, vier Mal im Jahr in Hamburg für die Aufnahmen zusammenkommen. Einer der Komponisten, Constantin Stahlberg, spielt seit 23 Jahren viele der Musiken zur Serie auf Hasselburg ein. Na ja, und dann sind da vor allem die Geräusche, mit denen die Hörspiele ganz und gar unterlegt sind. Die nehme ich zum allergrößten Teil hier in Hasselburg und Umgebung auf.

Zum Beispiel?

Die ganzen Knarr- oder Steinschritte etwa stammen hier aus dem Herrenhaus. Das eignet sich dafür ganz wunderbar. Wenn wir auf den Schrottplatz von Justus’ Onkel Titus gehen, wo die „Drei Fragezeichen“ ihre Zentrale haben, und dort alle möglichen Sägen oder Ähnliches hören, dann habe ich den Klang mit Werkzeugen aus Hasselburg erzeugt. Weil Rocky Beach am Wasser liegt, kommen öfter Meeresgeräusche vor – alle aufgenommen hier an der Ostsee. Rettin ist zum Beispiel ideal, das ist nicht so bevölkert. Kommen Krähen vor, habe ich mir die aus dem Wald unterhalb von Neustadt geholt. Hier ist es auch schön leise. Wenn ich in der Stadt Geräusche aufnehme, hat man immer dieses Rauschen der Autos. Für eine Folge brauche ich ungefähr 100 Spezialgeräusche. Mein Motto ist: Augen zu, Ohren auf, Film ab – Kino im Kopf. Das einfach vorzulesen, hätte ich viel zu uninteressant gefunden.

Was waren die schwierigsten Geräusche für Sie?

Die, die ich mit meiner eigenen Stimme mache. Wie etwa den „Schreienden Wecker“, wie ja eine der ältesten Folgen heißt.

Was kommt an Rückmeldungen der Fans bei Ihnen an?

Das meiste läuft über eine Facebook-Fanseite, die hat allein 190 000 Mitglieder. Lange vor dem Digitalzeitalter, in den 80er-Jahren, bekam ich ungelogen pro Monat einen Wäschekorb Fanpost, darunter oft gemalte Bilder und Hörspielideen. Das hat leider sehr abgenommen. Aber immerhin: In der letzten Adventszeit bekam ich von zwei Mädchen einen „Drei Fragezeichen“-Adventskranz, mit schwarzen Kerzen und den Schmuck in den Farben des Serienlogos Blau-Weiß-Rot.

Andere sind in Ihrem Alter von 73 Jahren längst im Ruhestand. Wie lange sind Sie noch dabei?

Ich gebe zu: Als ich Jahrzehnte jünger war und beim Radio mal mit einer Kinderfunkchefin zu tun hatte, die 60 war, dachte ich: In dem Alter kann man doch mal seinen Platz frei machen. Aber das war damals der Blick von außen. Ich fühle mich frisch genug, noch weiterzumachen. Wenn ich merken würde, dass das, was ich mache, so gar nicht mehr ankommt, dann würde ich von mir aus schnell Schluss machen bevor jemand anders sagt: Verzieh dich mal. Aber ich habe vor nicht allzu langer Zeit mit Sony noch einmal einen Drei-Jahres-Vertrag gemacht. Der geht bis 2020/21.

Wie lange kann die Serie „Die Drei Fragezeichen“ noch funktionieren?

Wenn Sie mich vor 30 Jahren gefragt hätten, hätte ich gesagt: vielleicht noch zehn Jahre. Wenn Sie mich jetzt fragen, sage ich: Vielleicht noch fünf Jahre. Aber besser ja doch noch länger.

Jedes Jahr sieben Abenteuer mit Justus, Peter und Bob

Mit der Folge „Der Super-Papagei“ begann am 12. Oktober 1979 der Hörspiel-Dauerbrenner „Die Fragezeichen“. Die Serie beruhte anfangs auf der US-amerikanischen Jugendbuch-Serie des Schriftstellers Robert Arthur.

Die drei Fragezeichen stehen für die drei Jugenddetektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Mit ihrer Zentrale auf dem Schrottplatz von Justus’ Onkel Titus Jonas als Dreh- und Angelpunkt knacken sie im erdachten Küstenort Rocky Beach bei Los Angeles die ominösesten Rätsel. Die Hörspiele erscheinen von Anbeginn an im Label „Europa“.

Der 2016 verstorbene Mann von Heikedine Körting, der Musikwissenschaftler und Physiker Andreas Beurmann, hat es 1965 in Quickborn nördlich von Hamburg mitbegründet. Gemeinsam pachtete das Paar 1977 das Gut Hasselburg in Altenkrempe (Kreis Ostholstein).

Heikedine Körting ist in Lübeck aufgewachsen und hat nach ihrem Jura-Studium zunächst als Anwältin in Hamburg gearbeitet. 1969 verfasste sie erste Skripte für „Europa“-Hörspiele, 1973 wurde sie Produzentin sämtlicher Hörspiele von „Europa“. Diese Funktion hat sie bis heute inne, auch nachdem „Europa“ von Sony Music übernommen worden ist.

Körting hat mehr als 2000 Hörspiele produziert. Für die „Drei Fragezeichen“ bringt sie jedes Jahr sieben neue Abenteuer heraus.Die Sprecher-Aufnahmen entstehen in ihrem eigenen Studio an der Hamburger Rothenbaumchaussee. Die Romanvorlagen der Serie erscheinen im Kosmos-Verlag, seit der 57. Folge durch wechselnde Autoren von vornherein auf Deutsch geschrieben. Das amerikanische Original ist längst eingeschlafen. In den USA hat es nie eine Hörspiel-Version gegeben.

Heikedine Körting Foto: Michael Ruff, SHZ
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