Auf den Pfaden der Hauptstadt

Von mondän bis kriminell – eine Radtour

Von mondän bis kriminell – eine Radtour

Von mondän bis kriminell – eine Radtour

Kopenhagen
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Fiskerhavnen im Süden des Hafengeländes Foto: Walter Turnowsky

Jeden Monat führt der Kopenhagener Korrespondent Walter Turnowsky durch seine Stadt und zeigt uns einige seiner Lieblingsorte. Diesmal geht es per Rad den Hafen entlang, wo wir so allerlei entdecken. 

Man soll ja in diesen Corona-Zeiten nicht unbedingt zu einem Besuch in Kopenhagen animieren. Aber vielleicht haben wir gerade jetzt Bedarf, für andere Zeiten zu planen oder auch einfach virtuell andere Orte zu besuchen.

Langer Rede kurzer Sinn: Schwingt euch doch einfach bei mir auf den Gepäckträger und folgt mir durch Gebiete des Kopenhagener Hafens.

Los geht's Foto: Walter Turnowsky

Es bläst ein kalter Januarwind, also Thermoskanne gepackt (im Sommer darf es auch ein eisgekühlter Weißwein sein), Mütze auf, Handschuhe an, und schon geht es los.

Wir beginnen unsere Rundfahrt am Hafenende der Vester Voldgade. Hier sehen wir gleich links das relativ neu gebaute Architekturzentrum „Blox“. Die Architektur des Hauses selbst ist wohl Geschmackssache.

Architekturzentrum „Blox“ Foto: Walter Turnowsky

Wir finden auch sogleich das Schild „Havneringen“, das den Rad- und Fußweg anzeigt. Der Weg ist also nicht gerade geheim, aber vielleicht finden wir ja doch das eine oder andere versteckte Plätzchen.

Zunächst fahren wir südwärts dem Bollwerk entlang und gelangen zur Kalvebod Brygge. Die Bürohäuser hier entstanden Ende der 90er Jahre als eine der ersten Etappen der Umgestaltung des ehemaligen Industriehafens. Viel Lob ernteten die Gebäude zunächst nicht. Zu steril und abweisend erschien Fachleuten wie Bürgern das Gelände.

Die Glaspaläste an der Kalvebod Brygge sind mit viel Eifer kritisiert worden. Foto: Walter Turnowsky

Die Anzahl der Leute, die selbst an einen kalten Januartag hier entlangspazieren oder joggen, zeigt uns, dass die Kopenhagener die Gegend längst angenommen haben.

„Bølgen“ hat das Gelände belebt. Foto: Walter Turnowsky

Mit dazu beigetragen hat auch „Bølgen“, das wir links im Wasser entdecken. Die Stege bilden Spaziermöglichkeit, Fitnessbereich, Aussichtspunkt und Wassersportstätte zugleich. Bei milderen Temperaturen kann man hier Kajakslalom fahren, und sogar eine Kajakrutsche gibt es.

Hafenbad und Bootsverleih bei „Fisketorvet“ Foto: Walter Turnowsky

Weiter geht es am Einkaufszentrum „Fisketorvet“ vorbei. Wir folgen den Schildern des „Havneringen“ über einen Kanal und an weiteren Bürogebäuden vorbei. Als wir bei Skibbroen um die Ecke biegen, ändert die Gegend ihren Charakter.

Hausboote mit dem H.-C.-Ørsteds-Werk im Hintergrund Foto: Walter Turnowsky

Vor uns dümpeln Hausboote im Wasser, dahinter steigt Rauch auf aus den Schornsteinen des H.-C.-Ørsted-Werkes, und rechter Hand haben neu gebaute Wohnungen die Glaspaläste abgelöst.

Wohnungen bei Skibbroen Foto: Walter Turnowsky

Weiter geht es die Nelson Mandela Allé entlang. Hier dominieren die Baukräne, denn das Viertel ist erst im Entstehen.

Hier entsteht ein weiteres, neues Stadtviertel. Foto: Walter Turnowsky

Wir überqueren Frederiksholmløbet und gelangen nach Teglholmen. Ebenso wie der Nachbar Sluseholmen ist das Gebiet bereits fertig ausgebaut. Mit den Häusern direkt an Kanälen ist die Inspiration ganz offensichtlich Amsterdam. Wer im Erdgeschoss wohnt, kann von der Terrassentür aus direkt in sein Boot oder Kajak steigen. Es sind nicht die Ärmsten der Stadt, die hier eingezogen sind.

Grillplatz direkt am Wasser Foto: Walter Turnowsky

Wir biegen links von unserer Strecke ab und kreuzen ein wenig durch das Viertel. Zwischen den Häuserzeilen erspähen wir das markante Metropolisgebäude, das auf einer kleinen Halbinsel im Hafenlauf liegt.

Metropolis - ob sie bei der Namensgebung an Fritz Lang oder Kraftwerk gedacht haben? Foto: Walter Turnowsky

Auf Sluseholmen führt uns die Route wieder direkt an den Kai. Als die Hafengesellschaft das Gelände entwickelte, erhielten einige Boots- und Segelklubs die Erlaubnis, trotzdem hierbleiben zu dürfen. So haben Alt und Neu, Schlicht und Mondän nebeneinander Platz gefunden.

Bootsvereine vor vornehmen Wohnungen Foto: Walter Turnowsky

Bei der Schleuse biegt die Route nach links ab. Wir jedoch machen einen Abstecher und folgen der Hafenkante. Vorsichtig überqueren wir den vierspurigen Autobahnzubringer Sjællandsbroen und erwischen auf der anderen Straßenseite einen Pfad in Richtung Fiskerhavnen. Dort finden wir weitere Bootsklubs und kleine Gewerbe.

Galerie im Fiskerhavnen Foto: Walter Turnowsky

Doch im Laufe der Jahre sind hier auch immer mehr Leute eingezogen. Die Häuser sind weitgehend Marke Eigenbau. Die Hafengesellschaft hat soeben den Mietvertrag um weitere 20 Jahre verlängert, und so können die Bewohner nun getrost weiter an ihren Häuschen werkeln.

Am Übergang zwischen Hafen und Natur finden wie dies: Kunst oder Müll? Foto: Walter Turnowsky

Allmählich verlassen wir den städtischen Bereich und gelangen auf den Sydhavnstippen. Das aufgeschüttete Gebiet ist eigentlich eine Müllhalde. Sogar ausgemusterte Straßenbahnwaggons wurden hier seinerzeit hingebracht und abgebrannt. Jahrelang war es dann ein Gestrüpp mit einigen wenigen Trampelpfaden, die Angler, aber vor allem auch Jugendliche nutzten. Hier konnten sie, von Erwachsenen ungestört, jugendlichen Aktivitäten nachgehen.

Sydhavnstippen: Heute muss man schon genau hinschauen, um zu entdecken, dass wir hier auf Müll stehen. Foto: Walter Turnowsky

Doch mittlerweile ist es ein durch weidende Schafe gepflegtes Naturgebiet, in dem sich unter anderem seltene Schmetterlingsarten tummeln.

Guldkysten Foto: Walter Turnowsky

Wir erreichen wieder Wasser und erspähen auf der Gegenseite einige recht großzügig ausgebaute Hütten. Sie sind als „Guldkysten“ bekannt. Die Goldküste ist der „vornehme“ Teil eines Geländes mit dem weniger charmanten Namen „Lorterenden“. In der „Siedlung“ herrschen eigene Gesetze: Nicht alles, was sich hier abspielt, soll angeblich mit den Gesetzen, die für den Rest des Landes gelten, vollständig konform sein.

Die Kleingärten gegenüber der Lorterenden Foto: Walter Turnowsky

Das wollen wir uns dann doch genauer anschauen und fahren daher die Rinne entlang, die dem Gebiet den Namen gegeben haben. Hier wurden einst Abwässer eingeleitet, heute sind hier Eisvögel zu finden, die wir allerdings nicht erspähen.

Wer Ordnung liebt, der sucht sich nicht Lorterenden als Wohnort aus. Foto: Walter Turnowsky

An der Straße, die in das Gebiet führt, liegen rechts die Kleingärten der „Haveforeningen Musikbyen“, links die zum Teil recht abenteuerlichen Hütten den Lorterende. Am äußersten Ende finden wir wieder die „Paläste“ der Guldkysten. Auf einen Container ist eine Warnung vor frei laufenden Hunden gepinselt, Eintritt auf eigene Gefahr. Fremde sind hier nicht unbedingt willkommen. Gerüchten zufolge sollen Rocker die Goldküste kontrollieren, aber es sind eben nur Gerüchte.

Zurück geht es wieder durch die Lorterende. Eine der Hütten ist am April abgebrannt. Das passiert hier immer wieder. Es soll eine Form der Justiz sein. Doch auch das sind wieder Gerüchte, auch die selbst gebauten Installationen können die Ursache sein.

Ein Weihnachtsmann denkt über das Leben in der Lorterende nach. Foto: Walter Turnowsky

Nun geht es über das Bahngleis zu anderen Kleingartenvereinen, wo jedoch auch die Leute vielfach eingezogen sind. Unter ihnen ist die Sängerin der Band The Savage Rose, Anisette Koppel. Die Straße, die wir entlangfahren, ist nach ihrem verstorbenen Mann Thomas benannt. Er hatte gemeinsam mit Bruder Anders 1967 die immer noch aktive Band gegründet.

Kleingartenhaus an der Thomas Koppel Allé Foto: Walter Turnowsky

Ich erinnere mich an ein Doppelinterview mit Thomas und Anisette Koppel. Auch bei dem kurzen Gespräch war die tiefe Zuneigung zwischen dem großen Thomas und der kleinen Anisette deutlich spürbar. Seelenverwandtschaft nennt man so etwas wohl.

An der Schleuse Foto: Walter Turnowsky

Während wir wieder die Eisenbahnbrücke in die entgegensetzte Richtung überqueren, summe ich die Zeilen „Dear little Mother, whats in your bag“ (Fußballfans unter unseren Lesern dürfen gerne auch „Nu tænder de lyset i Parken“ summen).

Pause Foto: Walter Turnowsky

An der Bahn entlang geht es zurück zum Pfad in Richtung Schleuse. Diesmal überqueren wir die Schleuse. Ab hier geht es wieder stadteinwärts. Es ist genau der richtige Zeitpunkt, ein Plätzchen im Windschatten zu suchen und unseren Tee, Glühwein, Weißwein, Limonade oder Bier herauszukramen.

Zurück Richtung Stadt Foto: Walter Turnowsky

Auf dem Rückweg haben wir rechts das Naturgebiet Amager Fælled, links können wir über den Hafenlauf hinweg auf die Gebäude blicken, an denen wir vorher vorbeigefahren sind. Mit „Nokken“ erreichen wir ein weiteres Gelände, das die Leute ursprünglich besiedelt haben, ohne groß um Genehmigung zu fragen.

Eine Installation bei Nokken Foto: Walter Turnowsky

Danach sind wir wieder in der Stadt und schauen, dass wir möglichst schnell wieder an die Hafenkante kommen. Hier finden wir die Gemini Residence, die aus zwei runden Gebäuden besteht. Es sind zwei ehemalige Silos, die umgebaut wurden.

In den ehemaligen Silos befinden sich jetzt Wohnungen. Foto: Walter Turnowsky

Wir sind jetzt auf Islands Brygge und nähern uns dem Ende unserer Rundfahrt. Im Sommer würden wir hier haltmachen und uns in die Fluten des Hafens stürzen. Entweder direkt vom Kai oder in dem ältesten Hafenbad der Stadt, das seit 2002 hier liegt.

Nach unserer Fahrt im kalten Wind überlassen wir das jedoch den jugendlichen Winterbadern, die wir hier antreffen.

Islands Brygge mit dem Hafenbad im Hintergrund Foto: Walter Turnowsky

Wir fahren stattdessen unter der Langebro hindurch, über die seinerzeit schon die Band Gasolin gewandert ist. Über die neue Fußgänger- und Radbrücke Lille Langebro gelangen wir an unseren Ausgangspunkt zurück.

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