Geschichte

Ein Doppelagent mit Apenrader Wurzeln

Ein Doppelagent mit Apenrader Wurzeln

Ein Doppelagent mit Apenrader Wurzeln

Apenrade/Aabenraa
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Kurt Seifert Foto: Helge Möller

Geschichte kann sehr spannend sein. Kurt Seifert hat mit Menschen gesprochen und das Internet durchforstet, um mehr über das Leben von Johann Nielsen Jebsen, genannt „Johnny“, zu erfahren. Jebsen war ein Doppelagent im Zweiten Weltkrieg und wahrscheinlich ein Vorbild für Ian Flemmings James Bond mit familären Wurzeln in Nordschleswig.

Im Herbst 2015 machte mich ein Kollege auf einen Artikel im Nachrichtenmagazin Der Spiegel aufmerksam, in dem unter der Überschrift „Antifaschistische Playboys“ von einem Agenten die Rede war, der im Zweiten Weltkrieg sowohl für die deutsche Abwehr, als auch für das englische Pendent, MI5, gearbeitet haben soll. Laut Spiegel könnte er eines der Vorbilder für Ian Flemings legendäre Roman- und Filmfigur James Bond gewesen sein. Obendrein wurden ihm dänische, bzw. nordschleswigsche Familienbande zugeschrieben!

Mein erster Gedanke: Das kann doch nur der – vielen Apenradern bekannte – Doppelagent Wulf Schmidt, Codename „Double Cross Tate“, sein. Schmidt wuchs als Rechtsanwaltssohn in einer Villa in meiner direkten Nachbarschaft am Lindsnakkevej auf. Als Doppelagent spielte er eine wichtige Rolle bei der Irreführung der deutschen Heeresleitung bezüglich der Invasion in der Normandie. Wulf Schmidt wurde von der deutschen Abwehr auf einen geplanten Einsatz „hinter den Linien“ vorbereitet. Er sollte sich – mit falschen Papieren und einem Funkgerät ausgestattet – in einer englischen Ortschaft etablieren und die Abwehr über örtliche Gegebenheiten, bzw. alliierte Pläne informieren. Durch widrige Umstände wurde er jedoch kurz nach der Fallschirmlandung geschnappt und anschließend durch den britischen MI5 gezwungen, als Doppelagent die deutschen Stellen mit „fake news“ zu täuschen. Das Vorhaben gelang, und Schmidt erhält nachfolgend für „seinen hervorragenden Einsatz“ sogar „in absentia“ das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse. In England gilt Schmidt heute als einer der wichtigsten Doppelagenten des Zweiten Weltkriegs. Der Roman „Agent Tate“ (The Wartime Story of Harry Williamson, London, Amberley Publishing, 2011) beschreibt seinen Einsatz.

Aber der erwähnte Artikel im Spiegel bezog sich nicht auf Wulf Schmidt! Der Name des Agenten: Johann Nielsen Jebsen, Spitzname „Johnny“. Er wurde als Sohn eines reichen hanseatischen Reeders und Alleinerbe der ursprünglich in Dänemark gegründeten Reederei vorgestellt. Mein Kollege, der mich auf den Beitrag aufmerksam gemacht hatte, und ich waren uns einig, dass es sich dabei eigentlich nur um die Apenrader „Reederei M. Jebsen“ handeln könne, auch wenn einige Angaben nicht stimmig erschienen. Und da Jebsens Villa nur wenige Hundert Meter von Wulf Schmidts Elternhaus auf Lensnack entfernt liegt, wäre es natürlich kurios, wenn zwei englische Spitzenagenten ihre familiären Wurzeln in derselben Apenrader Straße hätten.

Dieses Bild von Johann Nielsen Jebsen stammt aus dem Familienbesitz. Foto: Björn Plenkers

Noch im Februar 1945 von der Gestapo verhört

Thomas Hüetlins Spiegel-Artikel wird wie folgt eingeleitet: Sie genossen den Luxus, als Agenten gerieten sie zwischen die Fronten des Zweiten Weltkriegs: Die Freunde Johnny Jebsen und Dušan Popov waren zwei der realen Vorbilder für Ian Flemings James Bond. Es gibt kein Grab für den hanseatischen Reedersohn und Spion Johnny Jebsen, nur einen Stolperstein in der Hamburger Hartungstraße 7A: „Johann-Nielsen Jebsen, Jg. 1917, ermordet Feb. 1945“.

Jebsens Leiche wurde nie gefunden. Noch im Februar 1945 hat ihn die Gestapo im Konzentrationslager Sachsenhausen verhört. Dann brachte sie ihn um und verscharrte ihn, irgendwo. Der erwähnte „Stolperstein“ im Hamburger Stadtteil Rotherbaum sowie die Premiere des James-Bond-Films „Spectre“ waren Anlass für den Beitrag im Spiegel. Stolpersteine sind Gedenkplatten, die in deutschen Städten auf Bürgersteigniveau vor Häusern eingesetzt werden, die von Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bewohnt wurden.

Nach Lektüre des Spiegel-Artikels nahm ich mir zunächst vor, das Internet nach Johnny-Jebsen-Spuren zu durchforsten. Groß war meine Überraschung über die sich mir bietende Informationsflut. Einige Wikipedia-Einträge, zahlreiche Zeitungsartikel in verschiedenen Sprachen, YouTube-Clips, Besprechungen englischer Romane und Dokumentationen und sogar ein Verweis auf ein im Jahr 2013 in dänischer Sprache erschienenes Buch waren die reiche Ausbeute. Vieles bezog sich allerdings schwerpunktmäßig auf den Jebsen-Freund, Dušan Popov, genannt „Dusko“. Keine Quelle enthielt eindeutige Informationen über Jebsens familiäre Herkunft. Und wenn, fanden sich häufig widersprüchliche Angaben. Es gab aber auch stets wiederkehrende Elemente:

  • Die starke Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit der beiden Freunde, Johnny und Dusko,
  • der flamboyante 007-Lebensstil beider, sowie
  • die Verbindung zum James-Bond-Autor, Ian Fleming.

Der in Dänemark erschienene Roman „Dobbeltspil“ (Ben Macintyre, Spionerne bag D-Dag, Lindhardt og Ringhof 2013) beschreibt Jebsen und Popov wie folgt: Dusko und Johnny waren Freunde. Sie ergötzten sich beide an Geld, Autos, Partys und Frauen, zwar nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, eher vorzugsweise auf einmal. Ihre Beziehung, die zunächst ausschließlich auf „Lust und Tollerei“ basierte, bekam jedoch einen tiefgreifenden Einfluss auf die Weltgeschichte.

Dusan „Dusko“ Popov und Johann „Johnny“ Jebsen trafen sich 1936 an der Universität Freiburg in Süddeutschland. Popov fuhr einen BMW, während Jebsen den Mercedes 540 K Cabrio mit zusätzlicher Motorleistung bevorzugte. Die beiden unzertrennlichen internationalen Playboys machten Freiburg unsicher und benahmen sich grenzwertig, wo immer sie auch auftauchten. Popov studierte Jura und Jebsen Wirtschaftswissenschaften. Dieses, um das ererbte Familienunternehmen zu leiten. Keiner von beiden war jedoch besonders studienaktiv. „Wir hatten beide gewisse intellektuelle Prätentionen“, schrieb Popov, aber „wir waren besessen von schnellen Autos und feschen Mädchen und hatten genug Geld, um beides am Laufen zu halten.“ Das oben erwähnte „Familienunternehmen“ wird in Internetquellen einmal als „Jebsen & Jebsen“, dann wieder als die Firma „Jebsen und Sohn“ und sogar als “Jebsen & Co“ bezeichnet.

Dieser Hamburger Stolperstein brachte Kurt Seifert auf die richtige Fährte in seinen Recherchen. Foto: Wikipedia

Mit dänischer Herkunft schon früh verwurzelt

Sollte das wirklich die gesuchte Verbindung nach Apenrade sein? Auf einer englischen Internetseite www.revolvy.com (Stichwort: Johnny Jebsen) wird Folgendes behauptet: Jebsen wurde 1917 in Hamburg als Erbe der Reederei Jebsen & Jebsen geboren. Seine Eltern, die beide gestorben sind, als Jebsen noch Kind war, waren dänischer Herkunft, hatten aber die deutsche Staatsbürgerschaft, nachdem sie die Firma nach Deutschland verlegt hatten. Schon früh hielt Jebsen seine deutsche Staatsbürgerschaft zwar für eine Annehmlichkeit, blieb jedoch mit seiner dänischen Herkunft tief verwurzelt.

Die allermeisten Informationen über Jebsen stammen von Popov, der ja – im Gegensatz zu seinem Freund Johnny – den Weltkrieg überlebte und bis zu seinem Tod 1981 in hochherrschaftlichen Verhältnissen in der Schweiz residierte. Duskos Erinnerungen und Aussagen über die Taten (und Untaten: Dusko erschoss seinen Chauffeur, den Johnny als Verräter entlarvt hatte) sind in Fachkreisen nicht unumstritten. Die Wahrheit findet sich vielleicht dann, wenn eines Tages das – angeblich „tausendseitige“ – Dossier ausgewertet werden kann, das sich im Archiv des britischen Nachrichtendienstes befinden soll. Spiegel Online dazu: Und doch hat Jebsen Spuren hinterlassen. Im britischen Nationalarchiv in Kew gibt es umfangreiches Material über ihn, angelegt vom britischen Geheimdienst MI5, für den Jebsen unter dem Namen „Artist“ ab 1943 als Doppelagent arbeitete. Unter anderem beauftragte man ihn, die angebliche Wunderwaffe der Nazis, die „V1“, auszukundschaften. Vor allem aber sollte er helfen, die Deutschen über den tatsächlichen Ort der Invasion der Alliierten in Frankreich in die Irre zu führen. Was in Johnny Jebsens Leben tatsächlich Dichtung – und was Wahrheit ist, werden Fachhistoriker vielleicht irgendwann zu beurteilen haben. Die folgende „Geschichte“ ist von mir lediglich „zusammengegoogelt“ – und die Angaben damit absolut „ohne Gewähr“!

Johann Nielsen Jebsen wurde 1917 in Hamburg geboren. Nach dem Schulabschluss ging er für zwei Jahre nach England. Hier eignet er sich einen angelsächsischen Lebensstil an, den er später im Leben weiter pflegt. Johnny und sein kroatischer Freund Dusko Popov – Sohn reicher Eltern aus Dubrovnik – verleben 1936 zunächst eine unbeschwerte Studienzeit in Freiburg. Ihre nicht immer systemkonformen Auftritte bleiben den Behörden nicht verborgen. Als Ausländer gerät Dusko ins Visier der Gestapo. Am Morgen nach seiner Promotion und kurz vor seiner Rückkehr nach Kroatien wird er von der Geheimen Staatspolizei abgeholt und acht Tage und Nächte lang verhört. Der Spiegel: „Jebsen löst das Problem nach Art der oberen Tausend. Er fährt in die nahe Schweiz, um unabgehört zu telefonieren. Erreicht Popovs Vater. Der wendet sich an den jugoslawischen Ministerpräsidenten. Der klingelt bei Hermann Göring durch. Die Gestapo gibt Popov 24 Stunden, um Deutschland zu verlassen.“

Die Freunde verlieren sich nicht aus den Augen. Als Johnny im Februar 1940 Dusko in Belgrad besucht, offenbart er seinem Freund, dass er „keine Lust“ hätte, seinen Wehrdienst abzuleisten und in den Krieg zu ziehen und er sich deshalb dem deutschen Auslandsgeheimdienst „Abwehr“ zur Verfügung gestellt habe. Im Laufe ihres Gesprächs schlägt Johnny Dusko vor, ebenfalls für die Abwehr tätig zu werden. Popov entgegnet: „Ich helfe dir gern, den Krieg zu überdauern. Aber ich habe nicht die geringste Lust, etwas für deine Deutschen zu tun.“ Dusko lässt sich trotzdem überreden, begibt sich jedoch am nächsten Morgen zum britischen Konsulat und bietet dort Informationen an, die er als deutscher Spion erhalten würde. Bedroht von der Gefahr einer bevorstehenden deutschen Invasion, auf die die Briten in keiner Weise vorbereitet sind, nimmt London Popovs Offerte an.

Das große Spiel beginnt

Damit beginnt das „große Spiel“. Wann und wie Johnny über Duskos Doppelrolle informiert wird, bleibt unerwähnt. Aber Popov, mit dem deutschen Codename IWAN, dem englischen XX Tricycle und später Jebsen als XX Artist betreiben in den folgenden Jahren ein hoch gefährliches Doppelspiel, das Dusko später als „Drahtseilakt über dem Abgrund“ beschrieben hat. Das System funktioniert in der Hauptsache so, dass Dusko die Nachrichten, die er von Johnny erhält, an den MI5 weitergibt und beide die deutschen Stellen durch Falschinformationen möglichst geschickt in die Irre führen.

Nachdem Dusko eine Zeit lang als Agent, Partylöwe und Frauenheld in London aufgetreten ist, wird er von der Abwehr nach Lissabon geschickt. Im neutralen Portugal treffen sich Journalisten, Spione, Lebemänner und Betrüger, um Geld zu machen oder Informationen abzuschöpfen. Hier treffen Popov und Jebsen dann auf Ian Fleming. Die beiden Freunde führen ihren gewohnt flamboyanten Lebensstil weiter, und im Casino Estoril soll sich nun – unter den Augen Flemings – mit Popov in der Hauptrolle und zigtausend Dollar auf dem Tisch – die Szene abgespielt haben, die wir aus dem Bond-Film „Casino Royal“ mit Mads Mikkelsen kennen. Wenn wir den Internetquellen trauen dürfen, haben TRICYCLE und/oder ARTIST u. a. dazu beigetragen, • die geplante deutsche Invasion Großbritanniens (OperationSeelöwe) zu verhindern,

  • die Alliierten mit Informationen über die deutsche „Wunderwaffe“ V1 zu versorgen – und letztendlich
  • die Nazis über Ort und Zeit der Invasion in Frankreich zu täuschen.

Eines ihrer Projekte scheiterte jedoch! Es war den beiden gelungen, Popov im Auftrag der Abwehr in die USA zu bringen, einerseits um ein deutsches Spionagenetzwerk aufzubauen, andererseits um von Hawaii aus an Informationen über die amerikanische Pazifikflotte zu kommen. Jebsen wusste von japanischen Aktivitäten in Süditalien, die darauf hinausliefen, die Gefechtsbereitschaft der US Navy zu erkunden, sowie Japans Kenntnisse über den Einsatz von Flugzeugträgern zu erweitern. Als in dieser Verbindung auch das Stichwort „Pearl Harbor“ fiel, waren Johnny und Dusko alarmiert. Popov, der für seine US-Mission von der Abwehr mit sehr viel Bargeld ausgestattet wurde, nutzte diese Mittel auch in der neuen Welt zu extravaganten Auftritten. Als er dann – in Absprache mit dem MI5 – in New York das FBI vor einem eventuell bevorstehenden japanischen Angriff auf Pearl Harbor warnen wollte, wurde er brüsk zurückgewiesen! Der sehr puritanische J. Edgar Hoover traute Doppelagenten generell nicht, und er betrachtete Popov – nicht zuletzt wegen seines Auftretens im Luxushotel Waldorf Astoria und der zahlreichen Affären – als „ekelhafte Kreatur, auf die man sich nicht verlassen kann, obwohl er für das eigene Land wichtige Informationen offeriert.“

Unterdessen bewegte sich Johnny Jebsen in Europa nicht nur im Minenfeld „Zwischen den Fronten“ des Weltkrieges, sondern zunehmend gefährlich wurden ihm Machtkämpfe innerhalb des nationalsozialistischen Systems. In seiner Berliner Zeit hatte er Währungsspekulationen für Top-Leute des deutschen „Sicherheitsdienstes“ (SD) getätigt. Da Abwehr und SD in einem ständigen Wettbewerb um die Gunst der NS-Parteiführung standen – und Johnny für die SD-Spitze belastendes Material besaß – konnte es nur eine Frage der Zeit sein, wann die Gestapo zuschlagen würde.

Johnny, der einerseits um die Gefahr wusste, sich andererseits im fernen Lissabon in Sicherheit wähnte, orchestrierte derweil im englischen Auftrag mit Popov zusammen die Desinformationen zur „Operation Overlord“, dem „D-Day“. Am 29. April 1944 ist es jedoch so weit. Johnny Jebsen wird unter einem Vorwand zu einer Besprechung bestellt, überrumpelt, bewusstlos geschlagen und mit Schlaftabletten betäubt. In einem Schrankkoffer auf der Rückbank eines amerikanischen Studebakers wird er nach Frankreich gefahren und von dort aus nach Berlin geflogen, wo er zum Verhör in das Gestapo-Hauptquartier, dem „Reichssicherheitshauptamt“ in der Prinz-Albrecht-Straße, gebracht wird.

Johnny kennt den wahren Ort und das Datum der kurz bevorstehenden Invasion, die den Krieg endgültig zu Gunsten der alliierten Truppen entscheiden sollte. Die Briten müssen nun befürchten, dass Jebsen unter Folter die Pläne verrät und damit den Überraschungseffekt zunichtemacht. Aber Jebsen schweigt! Er wird in das KZ Sachsenhausen deportiert, im Februar 1945 jedoch noch einmal zum Verhör geholt. Danach kehrt er nicht mehr in seine Zelle zurück. Johnny verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Auf Betreiben der Familie wird Johann Nielsen Jebsen 1950 von den Berliner Behörden für tot erklärt.

Dusko und Johnny wohl 007-Vorbilder

Der Roman „Dobbeltspil“, ein Spiegel-Online-Artikel sowie auch der You-Tube-Clip, stützen sich auf Popovs persönliche Erinnerungen. Diese und auch die meisten anderen Quellen ziehen nicht in Zweifel, dass Dusko und Johnny wahrscheinliche 007-Vorbilder sind. Dusko selbst hat den Vergleich mit James Bond wie folgt kommentiert: „Im wahren Leben hätte dieser Kerl nicht mehr als 48 Stunden überlebt!“ Auch wenn die Verbindung Jebsens zu Fleming und Bond sehr interessant erscheint, so waren es ja eigentlich Johnnys „dänische Wurzeln“, bzw. die mögliche Verbindung nach Apenrade, die meine Neugierde weckte. In dieser Hinsicht hat der absolvierte Internet-Marathon nichts gebracht. Also stieg ich von digital auf analog um. Und wandte mich kurzerhand an das Archiv der Reederei Jebsen in der benachbarten Schiffbrückstraße. Die höfliche Antwort der Archivarin war, dass es tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden Jebsen-Familien gibt! Diese lag allerdings zeitlich fast 200 Jahre zurück und bezog sich auf Felsbekmühle/Felsbækmølle bei Warnitz. Eine Relation Johnny Jebsens zur – sehr viel später gegründeten – Apenrader Reederei wurde ausgeschlossen.

Hier war also Johnny Jebsens Geldquelle nicht zu finden. Andererseits war nun bestätigt, dass er tatsächlich familiäre Wurzeln in Nordschleswig hat.
Hier hätten meine Nachforschungen enden können, wenn ich nicht meinen Freundeskreis mit den Spionage-Geschichten unterhalten hätte. Als Reaktion bekam ich den Tipp, dass es um 1900 in Apenrade einen Namensvetter von Johnny gegeben hat. Tatsächlich: 1896 wird in Kolstrup ein „Johann Nielsen-Jebsen“ geboren, der allerdings schon 1916 als Unteroffizier an der Somme in Frankreich gefallen ist. Vielleicht eine weitere Spur …, obwohl jener Nielsen Jebsen zu jung erscheint, um Vater des 1917 geborenen Johnny zu sein.

Doch nicht weitere Nachforschungen in Nordschleswig sollten das Rätsel lösen, der Hamburger „Stolperstein“ führte mich auf die richtige Fährte.
In der Berichterstattung über die Enthüllung der Gedenkplatte stieß ich auf einen Artikel mit der Überschrift, „Stolperstein für einen Spion“. Auf dem zugehörigen Foto präsentierte sich Björn Plenkers, Architekt aus Wuppertal, als Johnny Jebsens Neffe. Und Plenkers konnte Johann Nielsen Jebsens dänischen Stammbaum vorlegen! Das Dokument bestätigt die Familienverbindung zu den Jebsens, Felsbekmühle, und weist den oben erwähnten Soldaten als Johnnys Halbbruder aus, der bis zu seinem frühen Tod 1916 die „Villa Scotland“ in Kolstrup bewohnte. Johnny erhielt als einziger Sohn 1917 den Namen des Bruders (und Vaters).

Kurt Seifert mit einem Foto, das Björn Plenkers zeigt – mit einem Foto seines Onkels Johann Nielsen Jebsen Foto: Helge Möller

Was für ein Mensch war er eigentlich?

Aber damit nicht genug. Dänemarks größter Reeder und Apenrades reichster Mann in den 1850er Jahren, der königliche Agent Jørgen Bruhn, erweist sich als Johnny Jebsens Ur-Urgroßvater! Dessen Sohn, Kapitän Hans Bruhn, Nymølle/Neumühle, dessen „Erinnerungen“ zu den Standardwerken der Apenrader Seefahrtsgeschichte gehört, ist Johnnys Urgroßvater.

Im Jahr 1864 heiratete Hans Bruhns Tochter, Maria Margaretha, Johann Nielsen Jebsen, Felsbekmühle. Der gemeinsame Sohn – ebenfalls Johann Nielsen Jebsen – heiratet im Jahr 1915 in Zürich Elisabeth Marie Möller aus Broacker, und das Paar zieht vom Nymøllevej in Apenrade erst nach Flensburg und dann weiter nach Hamburg. Hier wird Johnny Nielsen Jebsen 1917 geboren. Er verliert seine Eltern in den 1930er Jahren und wird – dem Stammbaum zufolge – alleiniger Erbe der Hamburger Reederei „Jebsen und Sohn“.

Das Rätsel um Johann Nielsen Jebsens Verbindung zu Apenrade ist gelöst. Auch wenn die genannte Reederei nach meinen Recherchen weder in Apenrade noch in Hamburg (Internet-)Spuren hinterlassen hat. Bleibt die Frage, was für ein Mensch sich wirklich hinter den vielen Geheimnissen und Rollen des Johnny Jebsen befunden hat. Auf den Playboy und windigen Geschäftemacher lässt er sich ebenso wenig reduzieren, wie auf den Kriegshelden und Antifaschisten. Vielleicht war er ja von jedem etwas. Wir wissen es nicht. Das Geheimnis hat Johann Nielsen Jebsen mit ins Grab genommen. So wie sein Wissen um die Invasion in der Normandie, das ihm weder die bestialischen Foltermethoden der Gestapo noch die Leiden im Konzentrationslager haben entreißen können. Johnny Jebsen war – und bleibt wahrscheinlich für immer – ein „geheimer“ Agent. Bei all seinen Facetten ist er aber auch ein Mensch, der sich – aus welchen Motiven auch immer – für die richtige Seite entschieden hat und dafür mit seinem Leben bezahlen musste.

Nicht nur in Großbritannien und Hamburg, sondern auch hier in der Heimat seiner Vorfahren, gebührt ihm dafür Respekt! Pfingstsonnabend 2018 besuchte Johann Nielsen Jebsens Neffe mit seiner Familie Apenrade. Auf Kalö wurden sie vom Vorsitzenden des Vereins „Det Maritime Kalvø“, Poul Stenderup, über die Familie Bruhn und die Werftanlage informiert. Danach ging es nach Apenrade ins Seefahrtsmuseum, zu Redergården und nach Neumühle.

Ich hatte unterwegs Gelegenheit, mit Björn Plenkers über seinen Onkel zu sprechen. Vieles wusste er über Johnnys Werdegang und spätere Agententätigkeit zu berichten. Auch stellte er mir eigene Aufzeichnungen zur Verfügung, die jedoch aus zeitlichen Gründen nicht in diesen Beitrag eingearbeitet werden konnten.
Konkret ist der Familie nur ein einziges Foto ihres Onkels geblieben. Dieses wird in Ehren gehalten - und ist nirgends veröffentlicht worden. Umso dankbarer bin ich Herrn Plenkers, dass wir es für diesen Artikel verwenden dürfen.

Über die Relation zur „Reederei M. Jebsen“ befragt, gab Björn Plenkers zu verstehen, dass Johnny nicht gewusst haben kann, dass es tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden Jebsen-Familien gibt. Er schloss aber nicht aus, dass Johnny, „wenn die Umstände es erforderten“, den guten Ruf der Apenrader Firma für sich ausgenutzt haben kann.

Beim Treffen auf Kalö nahm auch der dänische Filmproduzent Peter Garde teil, der Fakten über Johnny und Dusko für eine geplante internationale Fernsehserie zusammenträgt. Das letzte Kapitel über den Doppelagenten mit den Apenrader Wurzeln ist demnach noch nicht geschrieben. Warten wir also den nächsten Zug im großen Medien-Spiel ab. In der Zwischenzeit werde ich wohl bei meinem nächsten Aufenthalt in Hamburg der Hartungstraße 7A am Rothenbaum einen Besuch abstatten.

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