Leitartikel

„Gottesdienst nur noch auf Dänisch? Alle Achtung!“

Gottesdienst nur noch auf Dänisch? Alle Achtung!

Gottesdienst nur noch auf Dänisch? Alle Achtung!

Apenrade/Aabenraa
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Vielleicht ist es ja gar nicht so verkehrt, wenn Imame in Dänemark künftig nur noch auf Dänisch predigen dürfen oder zumindest Rechenschaft über ihre Predigt ablegen müssen. Doch wer fordert, der sollte auch bereit sein zu geben, meint Cornelius von Tiedemann. Denn Misstrauen gegenüber Minderheiten alleine führe nicht zu mehr Gemeinschaft.

Es wäre schon ein wirklicher Skandal, wenn es so käme, dass deutsche Pastorinnen und Pastoren ihre Predigten künftig auf Dänisch halten oder sie auf Dänisch verschriftlicht nachreichen müssen, um sich von dem Verdacht zu befreien, Hass zu predigen. Nicht nur, weil der bloße Gedanke einer Beleidigung gleichkommt, sondern auch, weil deutsche Gottesdienste seit Jahrhunderten zum kulturellen Leben in Nordschleswig, aber auch in Kopenhagen, dazugehören.

Nun sind sich Vertreter der Minderheit und der Kirche ziemlich sicher, dass für die deutschen Gottesdienste eine Ausnahmeregel geschaffen wird – beziehungsweise, dass sie bereits besteht. Ziel der Regierungsidee sind schließlich auch nicht die christlichen deutschen Prediger und Gläubigen, sondern ausdrücklich der Islam.

Doch macht es das so viel besser?

Niemand, der bei Trost ist, stellt in Abrede, dass es Probleme mit islamistischen Hasspredigern in Europa und auch in Dänemark gibt – und dass es beruhigend wäre, sicher zu wissen, dass in dänischen Moscheen kein undemokratisches geistiges Gift verabreicht wird.

Aber muss der Weg hin zum Ziel einer offenen, demokratieliebenden Gesellschaft von grundlegendem Misstrauen geprägt sein?

Vielleicht muss es an dieser Stelle aber einfach so sein. Vielleicht zeigt es ja Wirkung, wenn Dänen muslimischen Glaubens künftig auf Dänisch predigen und Predigten auf Dänisch empfangen. Es klingt gar nicht so unlogisch, dass darin möglicherweise eine integrative Kraft liegen könnte.

Klar ist: Was die Kunde von den Regierungsplänen uns in Nordschleswig gebracht hat, ist das erneute Nachdenken über die Frage, was Minderheit ist, wer Minderheit ist, wie wir Minderheit selbst definieren und wie Minderheit für uns von anderen definiert wird.

Und: Wie sich Minderheit auch anfühlen kann.

Denn, so sehr wir uns sagen, dass wir ja nicht gemeint sind mit dem Gesetz – ein wenig verunsichern tut es uns schon, oder? Zumindest erinnert uns diese Verunsicherung, dieses mulmige Gefühl in der Magengegend daran, wie es sich auch anfühlen kann, Minderheit zu sein.

Wie es sich anfühlt, als Angehöriger einer Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht zu stehen.

Das ist kein schönes Gefühl. Sich ständig rechtfertigen zu müssen, zumal dann, wenn man selbst nichts verbrochen hat. Wenn man hier geboren und aufgewachsen ist und sich doch eigentlich auch ziemlich dänisch fühlt – und trotzdem immer eine oder einer „von denen“ bleibt.

Ganz ehrlich – wer hat denn in der Öffentlichkeit noch nie einmal lieber Dänisch als Deutsch geredet, um nicht „ertappt“ zu werden?

Die Moslems in Dänemark sind keine autochthone und eine viel weniger homogene Minderheit als die Deutschen in Nordschleswig. In vielen Bereichen hinkt der Vergleich und ist überhaupt nicht sinnvoll. Aber fast allen Minderheiten gemein ist doch der Ausgangspunkt, dass es ein Bild der Mehrheit von ihnen gibt, das nicht immer die Wahrheit widerspiegelt – schon gar nicht über jeden einzelnen, der der Minderheit angehört. Das wäre ja noch schöner, wenn alle in der Minderheit genau gleich wären und dächten!

Die deutsche Minderheit hat es geschafft, dass heute ein positives Bild von ihr insgesamt gezeichnet wird – so man sich ihrer denn außerhalb Südjütlands und Christiansborgs überhaupt bewusst ist. Das hat sie auch nicht zuletzt dadurch erreichen können, dass es auf der Seite der Mehrheit zunehmend die Bereitschaft dafür gab, ihren Beteuerungen der Verbundenheit zu Dänemark und der Verankerung in der dänischen Gesellschaft ein offenes Ohr – und letztlich Glauben zu schenken.

Eine Lehre daraus könnte sein: Will Dänemark seine Mitbürger muslimischen Glaubens und muslimischer Herkunft nicht in der Frage verunsichern, inwieweit sie ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft sind und ob ihr Beitrag anerkannt wird, müssen weitreichende Maßnahmen wie die Sprachregelung von Gesten der Achtung begleitet werden.

Ansonsten wird völlig unnötig Misstrauen auf beiden Seiten geschürt. Zum Schaden für uns alle, die wir uns eine starke Gemeinschaft in Dänemark wünschen.


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