Leitartikel

„Fahrprüfung auf Deutsch: Schön, aber eigentlich nicht notwendig“

Fahrprüfung auf Deutsch: Schön, aber eigentlich nicht notwendig

Fahrprüfung auf Deutsch: Schön, aber eigentlich nicht notwen

Apenrade/Aabenraa
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Die neue Sprachregelung für Nordschleswig bei der Fahrprüfung ist auf der eine Seite zu begrüßen, allerdings sollte in Dänemark vielleicht besser der deutsche Weg gewählt und die praktische Prüfung nur in dänischer Sprache angeboten werden. Das ist keine Ausgrenzung, sondern Anreiz zur Integration, meint Gerrit Hencke in seinem Leitartikel.

Im Grenzland wird es in den Kommunen Hadersleben (Haderslev), Apenrade (Aabenraa), Tondern (Tønder) und Sonderburg (Sønderborg) ab Januar 2025 möglich sein, die Fahrprüfung auf Deutsch abzulegen. Das geht aus einer Anordnung der Verkehrsbehörde hervor, die am 1. Juli in Kraft getreten ist. Zeitgleich fällt damit eine Dolmetschenden-Regelung, die es bisher möglich machte, eine Fahrprüfung in weiteren Sprachen abzulegen.

Generell ist es zu begrüßen, dass die praktische Fahrprüfung in mehreren Sprachen ermöglicht wird. In Dänemark ist die Prüfungssprache Dänisch oder Englisch. Auch die digitale Theorieprüfung gibt es in diesen beiden Sprachen. 

In Deutschland wird die theoretische Prüfung in relativ vielen Sprachen angeboten. Neben Englisch und Französisch sind es Griechisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Kroatisch, Spanisch, Türkisch und Hocharabisch.

Die praktische Fahrprüfung kann in Deutschland jedoch nur in deutscher Sprache abgelegt werden. Eine Dolmetschenden-Regelung gibt es südlich der Grenze nicht, auch um Betrug während der Prüfung zu unterbinden. 

Praktische Prüfung in Deutschland nur in einer Sprache

Die Argumentation bei unserem Nachbarn ist aber auch aus anderen Gründen interessant. So heißt es, dass bei einer praktischen Prüfung ein gewisser Grundwortschatz vorhanden sein sollte. Für eine Fahrprüfung sei eine geringere Sprachkompetenz nötig als bei komplexen Fragen einer Theorieprüfung. So gibt es bestimmte Wortlisten, die den Prüflingen und den Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern sowie Prüferinnen und Prüfern vorliegen. 

Einige Fahrschulen empfehlen in Deutschland einen Wortschatz auf B2-Niveau. Auf diesem Level verfügt man theoretisch über ausreichende Sprachkenntnisse für Unterhaltungen und zum Lesen. Mit B2 wird eine flüssige Kommunikation angestrebt, eine Erweiterung des allgemeinen Wortschatzes und eine Verbesserung der Grammatik.

Sonderregelung nicht auf Initiative der Minderheit

Die konsequente Regelung ist auch Ansporn für eine bessere und schnellere Integration. Insofern ist die Abschaffung der Dolmetscher-Regel in Dänemark eigentlich zu begrüßen. Sie sollte nicht als Ausgrenzung verstanden werden, sondern als Ansporn zur Integration.

Die Ausnahmeregelung für das Grenzland ist von der Idee her zwar logisch, aber trotzdem nicht ganz nachvollziehbar. Sie war zum einen keine Forderung der deutschen Minderheit und zum anderen auch kein Teil der Sprachencharta. Die Charta ist die europäische Konvention für den Schutz und die Förderung von Sprachen, die Angehörige traditioneller Minderheiten verwenden. 

Die Entscheidung lag also bei der Verkehrsbehörde. Einzig und allein für die deutsche Minderheit wird sie die Regelung vermutlich aber nicht eingeführt haben, denn die Angehörigen können alle Dänisch. 

Deutsche mit Sprachproblemen

Carsten Klindt, Eigentümer der Fahrschule in Tingleff (Tinglev) und Angehöriger der Minderheit, sagte dem „Nordschleswiger“, dass die Fahrprüfung auf Dänisch einzelnen deutschsprachigen Menschen in Nordschleswig Probleme bereiten würde. Seiner Erfahrung nach seien es vornehmlich Deutsche, die schon etwas länger hier sind, aber nie so richtig Dänisch gelernt haben. Wie groß der Bedarf genau ist, kann Klindt nicht einschätzen. Harro Hallmann, Leiter des Sekretariats der deutschen Minderheit in Kopenhagen, berichtet von vielen Anfragen, ob der Führerschein auf Deutsch gemacht werden könne. 

Angesichts der vielen Zuzüglerinnen und Zuzügler in den vergangenen Jahren könnte der Bedarf wachsen. Allerdings bleibt unverständlich, weshalb Menschen, die aus Deutschland herziehen und schon länger hier leben, noch keine ausreichenden Sprachkenntnisse haben. Die häufigsten Begriffe, um eine Fahrprüfung zu bestehen, sind meiner Meinung nach schnell zu lernen. Zur Not lässt sich in Dänemark noch immer auf die Weltsprache Englisch ausweichen, die wohl jeder in der Schule hatte.

Landessprache zentral für Teilhabe   

Vielleicht besteht die Erwartung, dass die meisten Bürgerinnen und Bürger in Nordschleswig alle ein paar Brocken Deutsch können. So ist es in den Bürgerbüros und bei vielen Portalen, die auch Informationen in deutscher Sprache bereithalten. Darauf sollte man sich allerdings nicht verlassen und glauben, man könne sich so durchwurschteln. Doch wer sich für ein anderes Land als neuen Lebensmittelpunkt entschieden hat – egal, wie nah die deutsche Grenze ist, der sollte sich auch um den Spracherwerb kümmern. Nur so fasst man Fuß in einer Gesellschaft, lernt Einheimische kennen und kann sich integrieren. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das ist. Doch nur wer sich bemüht, wird auch ein Teil der Gemeinschaft.

Die besondere Sprachregelung für das Grenzland ist sicherlich eine tolle und gut gemeinte Sache, die mit Sicherheit auch genutzt wird. Allerdings fördert sie auch die Bequemlichkeit, sich nicht um einen Sprachkurs bemühen zu müssen. 

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