LEITARTIKEL

Ein Lotse geht von Bord – ein Kapitän übernimmt

Zwei ältere Männer stehen lächelnd in einem gut besuchten Gemeinschaftsraum.
Erwin Andresen (links) löst Rainer Naujeck an der Spitze der Schleswigschen Partei ab.

Wechsel: Vier Jahre lang hat die Schleswigsche Partei nach einem Vorsitzenden gesucht – und wurde jetzt fündig. Chefredakteur Gwyn Nissen darüber, warum Erwin Andresen einen Vorteil gegenüber Rainer Naujeck hat.   

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Leitartikel

Dieses ist ein Leitartikel aus der Redaktion des „Nordschleswigers”. Bei Leitartikeln handelt es sich um journalistische Meinungsbeiträge und nicht um objektive Berichte.

Die Schleswigsche Partei ist wieder auf Kurs. Am Mittwochabend wählte sie Erwin Andresen aus Uk als neuen Vorsitzenden – flankiert von zwei neu gewählten stellvertretenden Vorsitzenden, Randi Damdtedt aus Tondern und Dorthe Andresen aus Nolde. Im LHN-Center in Tingleff herrschte regelrecht Aufbruchstimmung: „Es geht wieder was.“

Wobei, richtig ab vom Kurs war die Schleswigsche Partei, die Partei der deutschen Minderheit in Nordschleswig, in den vergangenen vier Jahren unter Rainer Naujeck nie – und es ging auch was. Dafür hatte der „Lotse an Bord“ (Aussage des bisherigen zweiten Vorsitzenden Arno Knöpfli) einen zu sicheren Griff ums Ruder. 

Wer löst Rainer ab?

Nur stand in den vier Jahren stets die Frage im Raum: Wer übernimmt nach Rainer? Und die Suche nach einer Nachfolge hörte in der ganzen Zeit nie auf, weshalb der Vorsitz von Naujeck immer einen provisorischen Klang hatte – obwohl die Arbeit stets intensiv und zielgerichtet war: Naujeck und Co. gingen die Grenzkontrollen hart an, kämpften grenzüberschreitend für die Flensburger Förde und erneuerten das politische Grundsatzprogramm.

Mit einer Nachfolge muss sich Erwin Andresen dagegen nicht beschäftigen, was ihm und dem neuen Team eine andere Arbeitsruhe und einen anderen Fokus gibt.

„Der Nordschleswiger“ bezeichnete den pensionierten Lehrer in einem Artikel damals als Notnagel, weil Naujeck seinerzeit als zweiter Vorsitzender eingesprungen war, als niemand nach dem überraschenden Aus von Carsten Leth Schmidt aus Hadersleben (Haderslev) übernehmen wollte. Der pflichtbewusste und loyale Naujeck nahm die Aufgabe auf sich. 

Es sollten eigentlich nur zwei kommissarische Jahre werden, doch auch 2024 ließ sich niemand überreden, und so kandidierte Rainer Naujeck selbst gemeinsam mit den beiden stellvertretenden Vorsitzenden Christian Andresen und Arno Knöpfli – und blieb bis diese Woche auf dem Posten. 

Stehender und lang anhaltender Applaus für Rainer Naujeck zum Abschied

Viel mehr als nur ein Notnagel

Vier Jahre wurden es insgesamt – das aber weder als Notnagel noch als Lückenbüßer. Bei der Verabschiedung von Naujeck zu später Stunde überboten sich die Laudatoren: Ein Riesen-Gewinn für die Minderheit. Immer da, wenn man ihn braucht. Pflichtbewusst. Ein angenehmer Mensch. Überblick. Pragmatisch. Bodenständig. Ehrlich. Aber auch mit Kante und politischer Haltung. 

Bei so viel Lob wurde es am Ende dann sogar noch emotional: Naujeck musste sich eine Träne aus den Augen wischen und abwinken. Das Rampenlicht hat er nie gesucht – auch an diesem Abend nicht. 

Allerdings bleibt der 70-jährige Gravensteiner weiterhin der SP erhalten. Nur wird er sich jetzt auf „seine“ Partei in der Kommune Sonderburg konzentrieren.

Vom Aus an die Spitze

Kurz zuvor hatte sich auch Erwin Andresen gerührt gezeigt über die eindeutige Zustimmung bei der SP-Hauptversammlung. Andresen hatte sich vor einigen Jahren nach einem Zerwürfnis mit BDN-Führungskräften (es ging um eine Parteiabgabe der Kommunalratsmitglieder an die Parteikasse) bei einer SP-Hauptversammlung selbst eine Auszeit von übergeordneten Aufgaben für die Minderheit genommen. 

Er schied damals als Vorsitzender des Sport- und Kulturzentrums in Tingleff aus, doch nun kehrt er zurück – unter anderem mit einer breiten Rückendeckung, denn wie Rainer Naujeck ist auch Erwin Andresen keine Ein-Mann-Show. 

Mit Erwin Andresen und Randi Damstedt stehen neuerdings zwei aus der Kommunalpolitik im Vorstand. Dadurch verspricht sich Andresen eine andere Dynamik und Nähe zwischen den politisch Aktiven und der eigenen Partei. Außerdem interessiert ihn „der Dialog mit unseren Verbänden und mit dem BDN in Bezug auf den Mehrwert für die Minderheit, aber auch auf den Mehrwert für die Kommunen“.

Diese Aufgaben warten auf den SP-Vorstand

Nach der guten Stimmung bei der Hauptversammlung fängt die Arbeit für Kapitän Erwin Andresen und seine neu aufgestellte Mannschaft jetzt erst richtig an:

Wie gestaltet die SP die Beziehung zum Bund Deutscher Nordschleswiger neu? Wie schafft die SP den Spagat zwischen Regional- und Lokalpartei? Wie gelingt der Wiederaufbau in Apenrade und Sonderburg, wo bei der Kommunalwahl im November viele Stimmen verloren gegangen sind? Wie schafft es die SP, sich auch zwischen den Wahlen deutlicher zu positionieren? Wie können unter Zugezogenen Wählerinnen und Wähler für die SP gewonnen werden? Und wie gelingt es, sowohl Minderheit als auch Mehrheit anzusprechen, ohne sich dabei selbst zu verlieren?

Die Fragen und Aufgaben für den neuen Vorstand stehen Schlange, und es gibt für die Schleswigsche Partei anno 2026 genug zu tun. Jetzt gilt es, den Willen und den „guten Geist“, den Andresen und andere in der Partei gerade spüren, umzusetzen – nicht nur für die Zukunft der SP, sondern für die Minderheit insgesamt.

Anmerkung der Redaktion: Chefredakteur Gwyn Nissen ist mit Erwin Andresen durch die Ehe mit dessen Schwester Käthe Freiberg Nissen verwandt.