Vor 100 und vor 50 Jahren

Von Paris bis Apenrade: Bewegende Momente aus dem Mai 1925

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Der Pulverturm in Frederikshavn musste vor 50 Jahren umziehen. Der Umzug dauerte über ein Jahr. Mehr darüber unter dem 13. Mai 1975

Was hat im Mai vor 100 und vor 50 Jahren für Schlagzeilen gesorgt? Jürgen Ostwald hat im Archiv die Zeitungen aus Nordschleswig durchforstet und aufgelistet, was die Menschen 1925 und 1975 bewegt hat.

Freitag, 1. Mai 1925

Der dänische Kronprinz ist zur Eröffnung der Kunstausstellung in Paris eingetroffen und hat an einem Frühstück beim Präsidenten Doumergue teilgenommen. Gestern wurde der dänische Pavillon feierlich eröffnet. Abends fand in der dänischen Gesandtschaft ein Essen statt.

Mit diesen knappen Worten war die Berichterstattung unserer Zeitung über die Eröffnung einer der bedeutendsten Ausstellungen des vergangenen Jahrhunderts erledigt. Warum? Das wird an anderer Stelle im „Nordschleswiger“ in den nächsten Wochen erläutert. Die Ausstellung lief noch bis zum 8. November 1925.

Freitag, 1. Mai 1925

Grundtvigs Geburtshaus soll als Museum eingerichtet werden, um die Stätte, wo der große dänische Volks- und Kirchenmann aufgewachsen ist, der Nachwelt zu erhalten. Zur Verfolgung dieses Zieles hat sich ein Komitee unter Vorsitz des Propsten Meinertsen gebildet. Man hofft, die nötige Summe von 20.000 Kronen, die erforderlich sein wird, um den Pfarrhof zu Udby (Südseeland) entsprechend einzurichten, schnell zusammenzubringen.

„Grundtvigs mindestuer“ auf dem Pfarrhof in Udby im Süden Seelands, Grundtvigs Geburtsort, zeigt die Wohnung, die er als Kaplan in den Jahren 1811-13, als er als Adjunkt seines Vaters arbeitete, der in Udby Pastor war, bewohnte. Das Museum wurde mit seinen drei Räumen und authentischen Grundtvigiana 1928 eingeweiht. Es wurde vor einigen Jahren renoviert und in neuer Konzeption vorgestellt.

Dienstag, 12. Mai 1925

Hindenburg an Köln

Blick in einen Raum des Grundtvig-Museums in Udby mit Einrichtungsgegenständen aus Grundtvigs Besitz und anderen Dokumenten

Der Reichspräsident hat an den Oberbürgermeister der Stadt Köln folgendes Telegramm gerichtet:

Der Stadt Köln wie dem gesamten Rheinlande entbiete ich am heutigen Tage der Eröffnung der Jahrtausend-Ausstellung der Rheinlande meine herzlichsten Grüße und meine besten Wünsche. Diese Ausstellung soll in geschichtlichem Rückblick zeigen, wie die Lande am Rhein durch gemeinsame Sprache, Geschichte, Kultur und Wirtschaft mit dem großen deutschen Vaterlande unlösbar verbunden sind. Mit welcher Treue auch in der Gegenwart die Bewohner dieses Landes zur Heimat und zum Reiche stehen, haben die Ereignisse der letzten Jahre der ganzen Welt mit aller Deutlichkeit gezeigt. Dass die Gebiete am Rhein bald wieder in voller Freiheit mit uns, mit dem gesamten Vaterlande vereint sein mögen, ist unser aller sehnlichster Wunsch und unser unermüdliches Streben.

v. Hindenburg, Reichspräsident

Die außerordentlich ambitionierte Ausstellung mit erlesensten Ausstellungsstücken (Dreikönigsschrein, kostbarste Altäre usw.) in einer Zeit leerer Kassen war natürlich politisch bestimmt. Das war auch der Grund des Telegramms Hindenburgs an den damaligen Bürgermeister der Stadt Köln, der die Ausstellung kräftig forciert hatte, Konrad Adenauer. Die Ausstellung, die in verschiedenen Abteilungen realisiert wurde, reagierte auf die Rheinbesetzung der Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg. 1921 hatten die Alliierten dazu noch weitere rechtsrheinische Städte besetzt, 1923 große Teile des Ruhrgebiets. Nach Verhandlungen räumten die Alliierten 1926 und 1930 das Rheinland, nach einer Volksabstimmung kehrte das Saarland 1935 ins Deutsche Reich zurück. In Nordschleswig trafen alle Meldungen, die irgendwie auf die Wiederherstellung der alten Grenzen vor Kriegsbeginn abzielten, auf großes Interesse, da alle politischen Meldungen hier unter dem Mantra der Grenzrevision standen.

Mittwoch, 13. Mai 1925

Das Deutsche Museum in München

Die Gesamtbauanlage des Deutschen Museums besteht aus einem Ausstellungsgebäude, einem ihm gegenüberliegenden Studiengebäude mit großer Bibliothek, einer Plansammlung und einem Konzertsaal sowie aus zwei Verbindungsbauten, die für Bureau- und Restaurationsräume bestimmt sind. Vollendet sind von diesem Plan bisher das Ausstellungsgebäude und der östliche Verbindungsbau. Die Ausführung der übrigen Bauten musste infolge der Schwierigkeiten baulicher und finanzieller Natur in der Kriegs- und Nachkriegszeit zurückgestellt werden. Erst wenn diese Bauten ausgeführt sein werden, wird der beabsichtigte architektonische Gesamteindruck erreicht werden.

Das Deutsche Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik, wie der vollständige Titel lautet, wurde am 7. Mai 1925 feierlich eingeweiht. Aber, wie oben beschrieben, war die Anlage noch längst nicht fertiggestellt. Um den 100. Geburtstag heute angemessen zu begehen, wurde das Haus gründlich erneuert. In den schon damals atemberaubend umfangreichen Sammlungen (Planung und Beginn der Sammlung gehen auf die Jahre um 1900 zurück) des Museums findet sich natürlich auch Sammlungsgut mit Nordschleswig-Bezug, natürlich zahlenmäßig gering. So z. B. das Modell des „Brandtauchers“ von Wilhelm Bauer. Der Brandtaucher ist das erste Unterseeboot überhaupt. Es steht heute restauriert im militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Der Erfinder war Wilhelm Bauer (1822–1875), dem die Idee als bayerischer Soldat während des Feldzuges des Deutschen Bundes 1849 vor Düppel kam. 1850 unternahm er seine ersten Tauchversuche in Kiel. Neben dem alten Modell verwahrt das Münchener Museum den schriftlichen Teilnachlass Bauers mit Korrespondenzen und Konstruktionszeichnungen. Weitere Einblicke gewährt das vom Deutschen Museum herausgegebene Buch von Jobst Broelmann: Das Unterseeboot. Auftauchende Technologien.

Donnerstag, 14. Mai 1925

Automobilverbindung Kopenhagen – Sonderburg – Flensburg – Paris

Anfang nächster Woche wird, nach Mitteilung der dänischen Presse, der erste Kraftwagen der Linie Kopenhagen-Paris die dänische Hauptstadt verlassen und über Flensburg seinen Weg nach der Stadt am Seineufer nehmen. Am Sonntag wurde das neue rollende Auto-Haus, wie es dänische Blätter nennen, auf dem Rathausplatz in Kopenhagen im Beisein einer großen Menschenmenge durch die Schriftstellerin Frau Sara Nielsen-Stevns getauft und erhielt den Namen „Rollo“. Nach der Taufe nahm der Direktor der „Pariser Omnibuisserne“, wie den neue Gesellschaft sich nennt, das Wort und gab dem Wunsche Ausdruck, dass das „Taufkind“ nie auf Abwege geraten möge. Mit dem funkelnden Aluminium-Omnibus unternahm dann eine kleine Gesellschaft eine Probefahrt durch Nord-Seeland. Die Reise nach Paris Dauer vier bis fünf Tage. In Paris wird ein mehrtägiger Aufenthalt genommen. Die Heimreise erfolgt auf einem anderen Wege, u. a. über Reims, Luxemburg, Trier, Köln, Hannover, Rendsburg, Flensburg, Sonderburg nach Kopenhagen.

Das Modell des Brandtauchers im Deutschen Museum in München

Wie lange diese Reiseroute angeboten und genutzt wurde, konnte ich leider nicht feststellen. Wir dürfen aber vermuten, dass Sara Nielsen-Stevns (1891–1965), ein heute vergessenes Literatur-Sternchen der Zeit, an der ersten oder einer späteren Reise teilgenommen hat. Denn 1925 erschien ihr Buch-Debüt (vorher war die seit 1913 mit dem Theatermann Edvard Nielsen-Stevns (1880–1949) verheiratete Autorin mit kleineren Texten in Zeitschriften und Tagesblättern hervorgetreten) mit dem Titel: „Nelle og jeg paa Rejse paa Cykel til Paris og hjem igen“. Nunmehr ging es wohl ohne Fahrrad. Ihr größter Erfolg war dann abermals ein Reisebuch, sie blieb also ihrem Genre treu. Es wurde auch in Deutschland ein Erfolg. Es wird ein Norwegen-Buch sein, das 1929 unter dem Titel „Ins Land der Mitternachtssonne“ erschien.

Freitag, 22. Mai 1925

Wie Friederike Brions Grab gefunden wurde

Goethes „Dichtung und Wahrheit“ und seine Lieder haben das Sesenheimar Pfarrhaus und seine Bewohner unsterblich gemacht. Nicht so war dies mit Friederikes Grab. Lange Zeit ist es unbeachtet und verwildert in dem badischen Dorfe Meißenheim, wo Friederike die letzten Jahre ihres Lebens bei ihrer Schwester verlebte. Nachforschungen des Dichters Friedrich Geßler ist es zu verdanken, dass die Ruhestätte Friederikens der Nachwelt überliefert bleibt. In seinem Friederiken-Album erzählt Geßler die Auffindung des Grabes. Bei der ersten Suche war kein Stein oder Kreuz mit der gesuchten Schrift zu entdecken. Auf Nachfrage zeigte man ein Grab mit überwucherten Steinplatten. Ein genaueres Nachforschen ergab, dass es die Ruhestätte Olivies, Friederikens Schwester, war. Erneute Erkundigungen führten zu dem im Dorfe wohnenden alten Totengräber. Er bezeichnete mit zitternden Händen einen eingesunkenen, von wucherndem Rasen überdeckten Grabhügel als die Stelle, wo er die „gute Tante“ vor 52 Jahren begraben habe. Ein Jahr nach Auffindung des Grabes, 1866, wurde das einfache Grabdenkmal mit dem aus Marmor gehauenen Bildnis Friederikens eingeweiht, das nun heute den Ruheplatz der „Unsterblichen“ bezeichnet.

Warum diese umfangreiche Meldung in unsere Zeitung geriet, wissen wir nicht. Kein Jubiläum jährte sich, kein Todesdatum, kein damaliges Ereignis kann mit Friederike und Goethe und beider Liebe 1770/71 sachlich in nähere Verbindung gebracht werden. Vielleicht hatte unser Redakteur, Emil Kühler – er war ein Goethe-Verehrer wie die meisten Gebildeten seiner Zeit in Nordschleswig – gerade das alte Buch von Friedrich Geßler im Antiquariat gekauft („Liedergaben deutscher Dichter und Dichterinnen im Auftrag des Briondenkmalstein-Comités herausgegeben“, das in Lahr bereits 1867 erschienen war) und war so begeistert, dass er es seinen Lesern nicht vorenthalten wollte. Das Grabdenkmal, das aus den Einkünften des Komitees entstand, besteht noch heute. Geßlers Buch enthielt Gedichte von Ludwig Auerbach, Ferdinand Freiligrath, Georg Herwegh und 55 weiteren heute vergessenen Lyrik-Größen. Kühler hat das Buch vielleicht in der Alsen-Buchhandlung in Sonderburg erworben, denn er war mit den beiden Besitzern gut bekannt, mit Hermann Gwallig, der die Buchhandlung vor der Abstimmung betreute, und mit Theodor Fuglsang, der sie nach der Abtretung leitete. Zudem war die Buchhandlung mit kleinem Antiquariat genau dort beheimatet, wo auch die Sonderburger Zeitung damals erschien, nämlich in der Perlstr. 1 (nach der Abstimmung bald Perlegade, Ecke Æblegade). Die deutsche Buchhandlung war übrigens von Ulrich Christian Friederich la Motte (1822–1899) im Jahre 1840 gegründet worden, als dieser gerade mal achtzehn Jahre alt war. Über ihn und seine Tätigkeiten gäbe es viel zu berichten.

Friederike Brion war 1925 (und ist noch heute) diejenige Frauenfigur in Goethes Leben, über die am meisten publiziert wurde. Ungezählte Aufsätze, Artikel und Bücher gibt es über sie. Die Vermutungen über ihr Leben und Schicksal schossen nur so ins Kraut. Der Grund: Von allen Frauen, die in Goethes Leben eine Rolle spielten, wissen wir über sie am wenigsten. Es gab also viel hineinzudeuten, abenteuerlichste Interpretationen finden sich. Auch das neueste Buch über Friederike von dem Goethe-Kenner Helmut Koopmann (Willkomm und Abschied. Goethe und Friederike Brion. München 2014) stand sogleich im Kreuzfeuer der Kritik. Denn auch Koopmann wartete mit kühnen Thesen auf. Über Friederike wissen wir also wenig, besser gesagt fast nichts. Ein Brief Goethes hat sich erhalten. Die zahlreichen anderen Briefe Goethes an sie verbrannte die Schwester Friederikes nach ihrem Tod. Die wenigen (und unrichtigen) Erinnerungen an sie in „Dichtung und Wahrheit“ wurden Jahrzehnte später niedergeschrieben. Eine Wunde blieb bei Goethe über eine seiner ersten Lieben. An Frau von Stein schrieb er, als er Friederike nach Jahren wiedersah: „Die zweite Tochter vom Hause hatte mich ehemals geliebt schöner als ich es verdiente, und mehr als andere an die ich viel Leidenschaft und Treue verwendet habe, ich musste sie in einem Augenblick verlassen, wo es ihr fast das Leben kostete.“

„Man muß sagen, dass die ganze Episode Goethe wenig Ehre macht“, sagt Nicholas Boyle, der heute gültige Goethe-Biograf. Es ist aber zu ergänzen, dass Goethe durch Friederike eigentlich erst zum Dichter wurde. Ihr verdanken wir die „Sesenheimer Lieder“ (Mit einem gemalten Band, Willkomm und Abschied, Mailied). Friederike Brion, „durch Goethes Feder zu einer der anmutigsten Gestalten der deutschen Dichtung geworden“ (Effi Biedrzinski) starb unverheiratet, fast mittellos und einsam im Jahre 1813.

Ein Nachtrag muss allerdings noch folgen: Unser Chronik-Format lebt ja von zwei Jahreszahlen, vor hundert und vor fünfzig Jahren. Wir müssen hier noch ein Datum hinzufügen: vor zweihundert Jahren. Denn genau am Mittwoch, dem 11. Mai 1825 findet sich in Goethes Tagebuch u. a. der Eintrag „Naeke in Sesenheim“. So wurde es in Goethes Werken (Weimarer Ausgabe, III. Abtheilung, 10. Band, S. 54) im Jahre 1899 erstmals veröffentlicht. (Davon hatte Emil Kühler in Sonderburg wohl keine Kenntnis). Der Eintrag bezog sich auf eine Handschrift des Bonner Philologen August Ferdinand Naeke (1788-1838), der Goethe im Dezember 1822 aus Bonn sein Manuskript „Wallfahrt nach Sesenheim“ hatte zukommen lassen. Dort schreibt er ausführlich und einfühlsam über Goethe und Friederike. Der Inhalt dieses Manuskriptes war es, der Goethe veranlasste, einen grundlegenden und zentralen Aufsatz zu schreiben, dessen späterer Titel „Wiederholte Spiegelungen“ sogar zum geflügelten Wort geworden ist. Naekes Büchlein wurde erst nach Goethes Tod (wie auch Goethes Aufsatz) publiziert. Der Publizist und Gesellschaftschronist Varnhagen von Ense gab den Text, der „durch günstige Umstände an mich gelangt“ (Varnhagen), 1840 heraus. Hatte Goethe 1825 die Handschrift an Naeke zurückgeschickt, so dass sich der Eintrag ins Tagebuch erklärt? Naeke war als Bonner Altphilologe und Professor für Beredsamkeit damals ein bekannter Mann in der Stadt. Seine Festreden und öffentlichen Vorträge besuchten viele. Er war im September 1822 in Sesenheim zu Besuch auf Friederikes Spuren gewesen. Hat der Goethe-Verehrer vorher schon in Bonn über den Weimarer Dichter öffentlich gesprochen? Dann war bestimmt auch Karl Adam Adolphsen unter den Zuhörern gewesen. Er wurde in Östergaard bei Mögeltondern 1796 geboren und studierte damals in Bonn. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch er seinen Goethe in der Tasche hatte. 1823 wurde er Untergerichtsadvokat in Tondern. Im April des darauffolgenden Jahres musste man ihn dort zu Grabe tragen.

Montag, 25. Mai 1925

Ein Festtag in Apenrade

Festliche Stimmung lag am Sonnabend über Apenrade und seine Förde, über den waldgekrönten Höhen, deren Buchendome im lichten Grün prangten (…). Von hundert Masten flatterten die Fahnen, und auf einem von der Menge umsäumten Platze waren mehr als zweihundert Männer vereint, zumeist Träger von Namen, die in unserer engeren Heimat etwas bedeuten, darunter in goldbestickten Uniformen mit Dreimaster und Federbusch die Inhaber der höchsten Beamtenstellungen der Landschaft. Apenrade erlebte einen großen Tag: die Einweihung seines neuen Hafens und des Hochspannungswerkes, mit der ein Besuch der Königsfamilie verbunden war.

Das Grabmal Friederike Brions in Meißenheim in Baden-Württemberg

Pünktlich um zwei Uhr tauchte der schlanke weiße Schiffskörper der Königsjacht „Danebrog“ hinter dem Landvorsprung Lensnack auf, und unter den Klängen des von der Sonderburger Militärkapelle gespielten Liedes vom „yndig land“ durchschnitt der Bug des Königsschiffes die buntbewimpelte Schnur, die die Einfahrt zum neuen Hafenbecken überspannte. Auf dem Radkasten sah man die hohe Gestalt des Dänenkönigs in Admiralsuniform, am Salon die Königin und den Kronprinzen. (…).

Die Festgäste benutzten die Nachmittagsstunden zumeist zu kleineren Ausflügen in die Waldungen der Stadt bis sie sich abends sieben Uhr im „Hotel Royal“ zum Festessen vereinten, das die Stadt Apenrade und die Elektrizitätsgesellschaft gaben.

In der Tat war der Anlass des Festes einen Königsbesuch wert: Der Ausbau des Apenrader Hafens war eine der größten Veränderungen der Stadt im 20. Jahrhundert. Auch fünfzig Jahre später wurde an die Wiederkehr der Einweihung 1975 erinnert. Der Hafenausbau wird wahrscheinlich nur übertroffen werden von dem bereits angelaufenen Hafen-Umbau und der Hafen-Erweiterung des 21. Jahrhunderts. Der älteste Apenrader Hafen, der Nordhafen mit einer späteren Kailänge von 600 Metern, wurde 1609 von dem Bürgermeister Esmarch angelegt. 1897–1899 wurde der damals sog. Prinz-Heinrich-Hafen angelegt, benannt nach Prinz Heinrich, dem Bruder des Kaisers, der auf Schloss Hemmelmark bei Eckernförde lebte.

Mittwoch, 7. Mai 1975

Sophiendal

Das schmucke Gut Sophiendal bei Venge, nicht weit von Skanderborg, steht zum Verkauf. Der Kopenhagener Besitzer, Unternehmer Erik Christensen, hat das Gut modernisiert und ausgebaut. Wer es haben will und dazu ein reichliches Stück Land, der braucht nur ca. neun Millionen Kronen auf den Tisch zu legen.

Sofiendal bei Skanderborg wird heute nach mehrfachem Besitzwechsel als Hotel der Kategorie Royal Classic geführt, ähnlich den Herrenhäusern Kokkedal bei Kopenhagen, Hvedholm auf Fünen oder Sauntehus auf Seeland, gedacht für den gefüllteren Geldbeutel. Das ehemalige mittelalterliche Benediktinerkloster ist nach vielfachen Umbauten einem Backsteinneubau in Renaissanceformen von 1876 bis 1884 gewichen. Erbaut wurde es von H. B. Storck (1839–1922) im damals neu entwickelten dänischen „herregårdsstil“. Storck hatte auf der Kopenhagener Kunstakademie studiert und reiste 1861 nach Lübeck und im Jahr darauf nach Ostpreußen usw., um die gotische Architektur des Ostseeraumes zu studieren. Die Prägungen der Reise lassen sich in seinem Werk erkennen, (man muss bedenken, dass sie vor dem deutsch-dänischen Krieg stattfanden!) wenngleich sein bekanntestes Werk aus dem heimischen Klassizismus erklärbar ist (nämlich das Gebäude der Hirschsprung-Sammlung in Kopenhagen). Nach der Jahrhundertwende war er, einer der dänischen Pioniere der Gebäuderestaurierung, Gründungsmitglied der heute noch segensreich tätigen Forening til Gamle Bygningers Bevaring.

Dienstag, 13. Mai 1975

In Nordschleswig ist es in ländlichen Gegenden immer noch Sitte, vor Pfingsten die Häuser zu kalken.

So lautet eine Bildunterschrift, die einen gewissen Andreas Thorsen aus Wiesby (Visby) bei Tondern beim Kalken seines Hauses zeigt. Ob heute noch in Wiesby zu Pfingsten gekalkt wird? Vor Jahrhunderten war es aber um die ganze Ostsee herum Brauch, im Frühjahr die geweißten Wände neu zu kalken. Das gehörte wie so vieles andere zum sehr vielfältigen Pfingstbrauchtum.

Dienstag, 13. Mai 1975

Tordenskjolds Pulverturm

Tordenskjolds Pulverturm, fast 340 Jahre alt, zieht um. Die Arbeiten begannen am Wochenende. Grund für die ungewöhnliche Maßnahme: Die Werft von Frederikshavn wird erweitert, sodass der historische Turm ca. 270 Meter weit „wandern“ muss. Man rechnet damit, pro Tag zehn Meter zu schaffen. Immerhin wiegt der Turm seine 4.000 Tonnen.

Der Pulverturm, eine der Sehenswürdigkeiten in Frederikshavn, musste 1975 wegen modernerer Stadtentwicklung seinen Standort wechseln. Er wurde im Stück versetzt. Die Translozierung dauerte über ein Jahr, und im August 1976 war er wieder zugänglich. Heute beherbergt er ein Museum, damals wurde er, mit Kanonen bestückt, zur Hafenverteidigung errichtet.

Mittwoch, 21. Mai 1975

Deutscher Bevölkerungsanteil in Rumänien nimmt wieder zu

Die Zahl der Deutschen in Rumänien hat in den vergangenen Jahren offensichtlich zugenommen. Nach neuesten Angabe rumänischer Stellen sind zwei Prozent der Einwohner des Landes deutscher Nationalität. Bei einer Gesamtbevölkerung von 21 Millionen Menschen leben somit rund 420.000 Deutsche in Rumänien. Bisher wurde die Zahl meist mit 370.000 angegeben. Die nicht unbeträchtlichen Ausreisen in die Bundesrepublik während der letzten Jahre haben sich damit nicht auf die Zahl der im lande lebenden deutschen ausgewirkt.

Der Pulverturm mit den zur Seeseite hin aufgestellten Kanonen.