Leserinnenbeitrag

„Aus dem Keller auf die Bühne“

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Anette Daugardt bei ihrer Soloperformance.

Die Schauspielerin Anette Daugardt trat Ende Februar als Karoline von Günderrode in ihrem Solo-Theaterstück „Warum ward ich kein Mann?“ (mit Uwe Neumann: Regie und Videoeinspielung) im Deutschen Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade auf, einer gemeinsamen Veranstaltung der AG Literatur des BDN, der Bücherei und des Gymnasiums.

„Aber es kann doch nicht sein, dass es im 18. Jahrhundert keine Schriftstellerinnen gab?“, wunderte sich Anette Daugardt, als sie vor den Regalen einer Berliner Bibliothek die Bücherreihen überflog – da standen nur Werke männlicher Autoren. Und stieg hinab in den Keller. Dort wurde sie fündig.

Nein, das Werk der Karoline von Günerrodes (1780 - 1806) gehört nicht zum „Kanon“ der deutschen Literaturgeschichte. Dabei nannte man sie schon im 19. Jahrhundert die „Sappho der Romantik“. Und seit den 1970er Jahren veröffentlichten z.B. Ingeborg Drewitz, Hans Magnus Enzensberger und Christa Wolf ihre Gedichte und Briefe, schrieben Biografien. In Christa Wolfs Roman „Kein Ort. Nirgends.“ wird ein Zusammentreffen von Karoline von Günderrode mit Heinrich von Kleist und deren Verzweiflung am Leben geschildert. Trotzdem sind Günderrodes Gedichte heute immer noch kaum bekannt. Das will Anette Daugardt ändern.

In der stockdunklen und mucksmäuschenstillen Aula, mit 150 Gästen gut gefüllt, tritt die Schauspielerin in weißem androgynem Hosenanzug und breitkrempigem Hut auf die Bühne und agiert vor einer Leinwand. Auf der ziehen in ruhigem Wechsel Stadt- und Parklandschaften vorbei. Daugardt scheint manchmal in diesen Bildern zu verschwinden, manchmal sind sie wie eine Illustration zu einem Gedicht:

Anette Daugardt

In die heitre freie Bläue
In die unbegränzte Weite
Will ich wandeln, will ich wallen
Nichts soll meine Schritte fesseln.

Leichte Bande sind mir Ketten
Und die Heimat wird zum Kerker.
Darum fort und fort ins Weite
Aus dem engen dumpfen Leben.

Aber ebendies blieb ihr verwehrt. Als sie sechs Jahre alt war, starb ihr Vater, die Mutter blieb mit sechs Kindern zurück, von denen im Laufe der folgenden Jahre drei Mädchen verstarben. Die Mutter hat Karoline, als sie 17 war, aus materieller Not in einen Stift für adelige unverheiratete Damen gegeben. Sie wurde ein „Stiftsfräulein“, von dem man einen „sittsamen Lebenswandel“ erwartete. Die „unbegrenzte Weite“ fand Karoline nur in der Welt der Bücher. Sie las die Werke der Dichter und Philosophen ihrer Zeit - Goethe, Schiller, Novalis, Jean Paul, Schlegel, Hölderlin, Kant, Fichte, Herder. Sie war eine begeisterte Anhängerin der Französischen Revolution. Und behauptete von sich: „Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Überdeutlich, radikal, schrieb sie in einem Brief an eine Freundin: „Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit.“

Eindrucksvoll erleben wir die Korrespondenz der Schauspielerin mit einem schwarzgekleideten Mann des Videos, der still und stumm an einem Baum gelehnt verharrt. Wirft sie, davorstehend, einen Schatten auf ihn? Oder er einen Schatten auf sie?

Hochrot

Du innig Rot,
Bis an den Tod
Soll mein Lieb Dir gleichen,
Soll nimmer bleichen,
Bis an den Tod,
Du glühend Rot,
Soll sie Dir gleichen.

Diese Verse, die Daugardt mehrfach wiederholt, gelten ihrem Geliebten, dem verheirateten Professor für Philologie und Mythologie Friedrich Creuzer. Der hatte ihre intellektuellen und dichterischen Fähigkeiten ernst genommen und eine erste Veröffentlichung ihrer Gedichte ermöglicht. Die mussten allerdings unter dem männlichen Pseudonym „Tian“ erscheinen. Und selbstverständlich war es gesellschaftlich unerhört und unerlaubt, dass eine Frau Leidenschaft und Begehren für einen Mann in einem Gedicht bekennt. Daher wurde aus dem eigentlich gemeinten, angebeteten Geliebten, dem „Einzigen“, die Einzige.

Sie erlangt, was sie begehrt – und verliert es. Also: ihn. Creuzer schreibt ihr - offenbar unter dem Einfluss seiner Frau - einen Abschiedsbrief.

Sie nimmt sich nach Erhalt des Briefes im Juli 1806 mit einem Dolch das Leben, den sie sich ins Herz stößt. Friedrich Creuzer ließ das sich zum Zeitpunkt von Günderrodes Tod in Druck befindliche Werk Melete einstampfen.

Die Reaktion auf die Veranstaltung äußerte sich in minutenlangem Applaus. Eine Schülerin fasste die Wirkung für Viele in den Worten zusammen, dass die Gedichte durchaus nicht so sperrig seien, wie anfangs vorgewarnt wurde. Im Gegenteil seien die Gefühle, die Leidenschaft, die Verzweiflung dieser Dichterin überzeitlich und allgemeingültig, und man könne sich sehr gut einfühlen und nachempfinden.

Dies schien sich zu bestätigen, als die Schauspielerin dann von den Gymnasiasten und Gymnasiastinnen umkreist und befragt wurde. Ihr ist es zu verdanken, die Günderrode nicht nur aus dem Keller auf die Bühne, sondern auch in die Erlebnis- und Vorstellungswelt heutiger Schüler und Schülerinnen gebracht zu haben.

Ein Beitrag von Claudia Heinemann für die AG Literatur

Hinweis

Dies ist ein Leserinnen- oder Leserbeitrag. Er gibt nicht notwendigerweise die Ansicht der Redaktion wieder. „Der Nordschleswiger“ übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit.