Gastbeitrag vom DGN

„Kurzgeschichte „Táo mù“: Wenn ein Tempelbesuch zur Prüfung der Geister wird“

Veröffentlicht Geändert
Fünf Jugendliche haben bei der „Horror-Nacht“ am DGN eine der besten drei Geschichten verfasst.

In „Táo mù“ führt Justin Funck vom Deutschen Gymnasium in eine Nacht, in der ein Besuch des Yonghe-Tempels in Beijing unaufhaltsam ins Unheimliche kippt. Die Geschichte verbindet Mythos, Atmosphäre und psychologischen Horror – und zieht ihre Lesenden Schritt für Schritt in die Dunkelheit. Die ganze Geschichte jetzt hier lesen.

Bei der Horrornacht des Deutschen Gymnasiums Nordschleswig (DGN) wurden aus zehn Einsendungen drei Gewinnertexte ausgewählt. Sie zeigen, wie unterschiedlich und eindrucksvoll die Jugendlichen das Genre nutzen – von stiller Beklemmung bis zu düsteren Mythen. Den Anfang macht „Táo mù“ – eine Geschichte, in der ein nächtlicher Tempelbesuch in Beijing in etwas Unheimliches kippt.

„Táo mù“

von Justin Funck

Das Licht seines Handys flackert auf, noch etwa fünf Minuten, bis er am Tempel Yonghe ist. Eisige Winde und ein leichtes Unbehagen ziehen auf. Ein nicht verwunderliches Phänomen, denkt sich Yǔ Háng, immerhin ist es Winter in Beijing.

Schon wieder schaut er auf seinen Bildschirm: drei Minuten bis zur Ankunft an seinem Ziel. Wieder überkommt ihn ein Gefühl von Unbehagen und Kälte, doch Yǔ Háng geht unverändert weiter.

Am Tempel angekommen, erklimmt er die langen Treppen und Hindernisse und steht anschließend in der Tempelhalle, menschenleer. Geübt zündet er ein Räucherstäbchen an, legt eine Kaki auf den Opferaltar, kniet nieder und spricht ein Gebet.

Es vergeht eine ruhige Minute, doch plötzlich reißt eine Tempeltür auf. Todeskalter Wind weht nun wie eine emotionslose Lawine in die Halle und lässt alle Kerzen erlöschen. Nur die entfernt glühenden Räucherstäbchen sind noch aus der Dunkelheit zu erkennen.

Yǔ Háng verspürt erneut dieses unverwechselbare, unbehagliche Gefühl, diesmal schaudert es ihn endgültig. Der Mondschein zieht ihn aus dem Bann der Beklemmung. Er versucht, sein Gebet zu Ende zu sprechen. Doch wieder reißt ein teufelskalter Wind Yǔ Háng aus der Konzentration. Das Gefühl des Unbehagens wächst stetig weiter, es ist nun keine bloße Unruhe mehr, sondern vielleicht schon Angst.

Das Gebet neigt sich dem Ende zu und der junge Mann macht sich allmählich auf den Rückweg. Kaum hat er es nach draußen geschafft, schießt der Wind erneut auf ihn zu. Doch diesmal bemerkt Yǔ Háng etwas: ein fernes Weinen.

Auch wenn Wind im Allgemeinen manchmal starke Ähnlichkeiten mit gewissen Geräuschen hat, ist dieses Weinen ein wenig zu realistisch. Es klingt wie ein ferner Geist, der nach Erlösung sucht. Er geht einige Schritte weiter. Alles scheint normal, bis auf sein Bauchgefühl. Die Tempellichter erleuchten nur spärlich seinen Weg.

Aus der Ferne lässt sich jedoch ein weiteres Geräusch vernehmen:
„Klack, klack, klack …“
Und wieder: „Klack, klack, klack …“

Der spärlich beleuchtete Weg erschwert Yǔ Háng die Sicht, doch nach ein paar Sekunden erkennt er eine Gestalt. Wie angewurzelt steht er auf den Treppen des Tempels, völlig schockiert über das, was sich vor ihm befindet.

Eine Frau, in Gold gekleidet, schreitet über eine magisch entstandene Brücke vor ihm. Die Dame schreitet bis zum letzten Brett der Brücke und unterbreitet dem jungen Mann ein verlockendes Versprechen, jedoch unter einer Bedingung. Fasziniert, aber zugleich von Angst benommen, nimmt Yǔ Háng das Angebot der Dame an: Er soll eine Suppe essen, zubereitet und serviert auf der Brücke.

Noch immer unter Schock stehend, kann Yǔ Háng nicht anders, als dieses verlockende Angebot anzunehmen. Diese Dame strahlt eine so feine und liebevolle Wärme aus, dass sie ihn völlig in ihren Bann zieht.

Nach ein paar Minuten erreichen sie eine kleine Kochstelle mit aufgestelltem Porzellan und kleinen Lichtern. Die Dame füllt ihm eine Schale Suppe auf und fordert ihn auf, sie zu essen.

Er nimmt die Schale entgegen und schaut hinein. Die Suppe ist so klar, dass man sich selbst darin sieht. Der aufsteigende Geruch vernebelt seine Sinne und trübt seine Wahrnehmung der Realität. Yǔ Háng spürt, wie er langsam müde wird und seine Erinnerungen verblassen. Ein Gefühl der Sinnlosigkeit und Formen von Kontrollverlust erreichen ihn im Innersten.

Doch dann reißt ihn wieder dieses unbehagliche Gefühl aus der Trance, er schaut erneut in die Suppe. Aus dieser ragen plötzlich Hände und Gesichter, verzerrt von Schmerz und Leid. Ein ohrenbetäubendes Geschrei erfüllt die Umgebung.

Zu sich gekommen, versucht Yǔ Háng, die Suppe wegzuwerfen, doch die Dame besteht darauf, dass er sie trinkt. Er weigert sich und will den Ort verlassen. Die Frau beharrt jedoch darauf, dass er die Suppe esse. Ihr Gesicht beginnt sich zu verändern, es nimmt die gleiche verzerrte Form an, wie die Gesichter aus der Suppe.

Von Angst erfüllt greift Yǔ Háng nach seinem Táo-mù-Amulett („Pfirsichholz-Amulett“), in der Hoffnung auf Erlösung, und zitiert ein Schutzgebet, doch vergebens. In ihrer wahren Gestalt schreit die Frau:
„Dein Amulett wird dir nichts nützen, hübscher Junge! Wenn du es schon nicht weißt, Táo mù funktioniert nur gegen uns, wenn es selbst aus Táo mù besteht!“

Verzweifelt und von Panik getrieben reißt sich Yǔ Háng aus ihren Fängen und rennt in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Noch immer benommen von den Nebeln der Suppe taumelt er dem Ende der imaginären Brücke entgegen.

Die Brückenelemente brechen unter ihm ein und kalte, nasse Hände ragen aus dem schwarzen Wasser der Dunkelheit empor. Vergeblich versucht er, nach den Resten der Brücke zu greifen, während er tiefer und tiefer in das pechschwarze Wasser gezogen wird. Wie ein Stück Papier wird er zerrissen, doch seine Schreie und Schmerzen spürt und hört keiner, nur er selbst. Wie Bojen im Wasser schwimmen seine blutenden Gebeine.

In seinen letzten Sekunden erblickt Yǔ Háng noch die fernen Lichter des Tempels, eine Hoffnung der Freiheit, die für ihn unerreicht bleibt.

Windstille.

Die Tempelhalle, leergefegt vom Wind und der Nacht, zeigt nur noch die fernen, flackernden Lichter.

Als die Sonne am nächsten Morgen über den Dächern Beijings aufgeht, öffnen die Mönche die schweren Tore des Tempels. Vom nächtlichen Sturm ist keine Spur geblieben, nur ein einzelnes Räucherstäbchen glimmt im Sandbecken, und vom Wind wird eine delikate Goldsträhne hineingeweht. Niemand weiß, wem die Opfergabe galt. Doch manchmal, wenn der Wind durch die Hallen zieht, glaubt man, ein fernes Flüstern zu hören, das letzte Gebet des jungen Mannes.

Weitere Kurzgeschichten

„Der Nordschleswiger“ hat die drei besten Geschichten, die aus der DGN-„Horror Nacht“ hervorgegangen sind, veröffentlicht. Hier ist der Link zu den anderen beiden Kurzgeschichten: