Geburtstag

Jan Diedrichsen wird 50: „Mache, was mir guttut“

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Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen hat in Kiel, Berlin und Brüssel ein Büro und kommt seiner Meinung nach zu selten in seine Heimat.

Die Arbeit für den Kieler Landtag und als Generalsekretär der Ostseeparlamentarierkonferenz erfüllen den Nordschleswiger, der seine Wurzeln im Alltag schätzen gelernt hat. Wie er sich in Zukunft mehr Zeit für die ihm wichtigen Menschen nehmen und politisch aktiv bleiben will, hat er dem „Nordschleswiger“ verraten.

Als ich Jan Diedrichsen für ein Porträt zum 50. Geburtstag anfrage, schreibt er in einer Mail aus Brüssel: „Nach einem Geburtstagsartikel im Nordschleswiger ist der nächste Höhepunkt der Nachruf, wie einige böse Zungen in Nordschleswig behaupten.“ Er willigt dennoch ein, und so sitzen wir am Tag danach beide am Telefon. 

Da wir die erste Hälfte des Nachrufs quasi schon zusammen haben – 1975 in Sonderburg geboren, gebürtiger Nordschleswiger mit Mittelpunkt in Bajstrup und Tingleff, Journalist und politischer Funktionär, früherer Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit, Direktor des Generalsekretariats der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) und „Nordschleswiger“-Leserinnen und -Lesern auch wegen seiner leider aus Zeitgründen eingestellten Kolumne „Voices“ bekannt, die auf die politische und gesellschaftliche Situation anderer Minderheiten in Europa aufmerksam machte –, können wir uns auf das Hier und Jetzt und die Zukunft beschränken. 

Jetsetter zwischen Kiel, Berlin und Brüssel

Jan Diedrichsen während seiner Zeit im Kopenhagener Büro (Archiv).

Seit 2015 ist Jan Diedrichsen Leiter der Vertretung des Schleswig-Holsteinischen Landtags bei der EU in Brüssel. Schrieb er gestern noch aus Europas Hauptstadt, sitzt er bei unserem Telefonat im Homeoffice in Berlin-Friedenau. 

Drei- bis viermal im Monat ist der Nordschleswiger in der Regel in Brüssel, wo er auch ein Büro hat. Anlass diesmal: 70 Jahre Benelux-Parlament und die CALRE-Konferenz (die Konferenz der europäischen regionalen Gesetzgebungsorgane), bei der er die Kieler Landtagspräsidentin Kristina Herbst (CDU) begleitete. 

Seit dem 1. September ist er zusätzlich Generalsekretär der Ostseeparlamentarierkonferenz (BSPC). Das sei „eine neue Dimension“, sagt Jan Diedrichsen. Sein Leben erfährt gerade noch mal eine neue Taktung – mehr Termine, mehr Reisen, neue Netzwerke. 

Jan Diedrichsen ist in Nordschleswig geboren und aufgewachsen.

„Mir geht es mit 50 ganz gut“, sagt er. Sein Bruder Peter würde aber momentan regelmäßig freundliche Hinweise schicken, dass er ja nun auch bald zu den „Orthopädenstrumpf-Trägern“ gehöre. „Ich würde gerne einen Artikel lesen, wenn der zweite Diedrichsen mit den 50 dran ist“, kommt ein Seitenhieb zurück.  

Ich habe einen Prozess angefangen und möchte den weiterführen. Ich möchte das tun, was ich als sinnvoll erachte und was mir Erfüllung bringt.

Jan Diedrichsen

Von Gelassenheit, Fehlern und dem Tod

„Viele Dinge werden einfacher und es stellt sich eine gewisse Gelassenheit ein“, sinniert Jan über sein Alter. „Ich bin ein Produkt aus meinen Fehlern und gemachten Erfahrungen. Ich habe gelernt, dass ich nicht immer auf Zwang kämpfen muss, sondern einen Schritt zurückgehen und mir Dinge angucken kann.“ 

Sicher gebe es Sachen, die man privat oder beruflich anders hätte machen können, aber Niederlagen und Fehler gehörten dazu. „Die haben wir alle als Menschen. Alles hat seine Konsequenz.“

Zwar scherzen wir am Telefon über den Nachruf, an den Tod denkt aber auch er. „Oft, aber ich versuche das ohne Schwere. Es ist ja irgendwie ein Hintergrundton, der das Leben sortiert.“ Die Endlichkeit mache deutlicher, was wirklich zähle und was man loslassen könne. 

„Wir werden nicht gefragt, wie wir in dieses Leben kommen, und wir werden auch nicht gefragt, wann wir es wieder verlassen.“ Das sei keine Drohung, sondern eine Tatsache, sagt er. „Das Nicht-Wissen ist für mich kein Mangel, sondern ein Teil des Menschseins.“

Jan Diedrichsen will politisch aktiv bleiben

So hat Jan Diedrichsen auch einen Plan für die nächsten 50 Jahre. „Ich habe einen Prozess angefangen und möchte den weiterführen. Ich möchte das tun, was ich als sinnvoll erachte und was mir Erfüllung bringt. Das soll nicht egoistisch klingen, aber ich möchte Inhalt machen, der mir Spaß bringt und eine Perspektive hat.“ Dabei sei sein Motor, aktiv etwas machen zu wollen. „Ich möchte selbstbestimmt bleiben und auch körperlich fit. Von nichts kommt nichts.“

Fest steht, dass er auch in Zukunft im politischen Bereich aktiv bleiben und schauen möchte, was sich ergibt. Ob er auch mit 65 oder 75 noch Generalsekretär der BSPC ist, wisse er nicht. So steht er auch neuen beruflichen Herausforderungen aufgeschlossen gegenüber, solange „es spannend ist, Möglichkeiten bietet und ich Lust habe“, sagt er. „Ich klebe nicht an Sachen.“

Freie Zeit mit Menschen zu verbringen, die mir wichtig sind, das ist meine Kraftquelle

Jan Diedrichsen

„Komme viel zu selten nach Nordschleswig“

„Ich habe derzeit das Gefühl etwas zu machen, was mir guttut“, sagt der Bajstruper über sein Leben im Jetset zwischen Berlin, Kiel und Brüssel. „Es ist ein schönes Gefühl, seine Fähigkeiten einzusetzen und weiter auszubauen.“ 

Nach Nordschleswig komme er dabei momentan viel zu selten. Daher hat Jan Diedrichsen auch einen Vorsatz: „Ich will mir mehr Zeit für mein Umfeld nehmen und immer an Freundschaften und Beziehungen arbeiten. Ich gucke, was für Jan Diedrichsen und sein Umfeld gut ist.“ Der Ausgleich zwischen Beruflichem und Privatem sei schon eine Herausforderung. 

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen als Gast im Podcast „Mojn Nordschleswig“.

Er habe einen kleinen, aber feinen Freundeskreis und diese Kontakte will er pflegen. „Freie Zeit mit Menschen zu verbringen, die mir wichtig sind, das ist meine Kraftquelle“, sagt er. Umso ärgerlicher sei es, dass er beispielsweise keines der Konzerte des Chores der Musikvereinigung hören konnte, in dem seine Mutter singt.

Der Kontakt zu Nordschleswig werde für ihn immer bestehen bleiben. Im Nachruf könne es dann heißen: „Er war der Volksgruppe und der Minderheit immer stets verbunden – und er liebte das Skatspielen.“ Damit wolle er niemanden veräppeln, sagt Jan Diedrichsen. „Ich merke, wie wichtig das ist, in Nordschleswig aufgewachsen zu sein. Du bekommst in jedes Gespräch eine neue Ebene rein.“ Damit meint er Multikulturalität, Sprachenvielfalt, Grenz- und Identitätsfragen. „Jeder beschäftigt sich damit, bewusst oder unbewusst. Das ist ein heftiger Mehrwert.“

Ich merke, wie wichtig das ist, in Nordschleswig aufgewachsen zu sein. Du bekommst in jedes Gespräch eine neue Ebene rein.

Jan Diedrichsen

Jan Diedrichsen besucht die Menschen im Baltikum

In seiner Funktion als Generalsekretär der Ostseeparlamentarierkonferenz kommt er derzeit viel im Ostseeraum herum – von Turku über Riga bis Danzig. „Wir fahren dahin, wo die Menschen leben. Es ist nicht nur abstrakte Politik, sondern auch Mittel zum Zweck.“ Er erlebe, wie es den Menschen vor Ort geht, welche Sorgen und Probleme sie haben – derzeit etwa die Sicherheit, wenn es um Russland und Drohnen gehe. „Es ist ein Graubereich: Sind wir im Krieg oder sind wir nicht im Krieg.“ Er merke, dass es schwierige Zeiten sind. 

Die Geschichte des Baltikums, die russischsprachige Bevölkerung dort – alles sei hochkomplex. „Für die eigene Sache einzutreten, ist wichtig. Für Rechtsstaatlichkeit, für Demokratie. Da sind die baltischen Länder und Skandinavien gut davor“, sagt Jan Diedrichsen. Dabei sei es jedoch auch wichtig, dass man nicht nur in seiner Bubble lebt. Es sei wichtig, ein paar Schritte zur Seite zu gehen und auch andere Perspektiven einzunehmen.

Geburtstag erst im Sommer feiern 

„Meine Arbeit ist ein Privileg. Viel reisen, viel Aufwand, aber spannend.“ Seine Herkunft komme ihm dabei immer wieder zugute: „Ich merke immer wieder Verknüpfungspunkte.“ 

Seinen Geburtstag will er am 10. November nicht groß feiern, obwohl es eine gewisse Erwartungshaltung in der Familie gebe. „Ich überlege, ob ich das in den Sommer verlege und dann gezielt in kleinen Gruppen feiere. Alles andere stresst mich.“

Zur Person: Jan Diedrichsen