Deutsch-Dänisch

Kunst aus Ton und Bronze – und ein Abschied nach 40 Jahren

Veröffentlicht Geändert
Am 22. und 23. November – jeweils von 11 bis 16 Uhr – öffnen Heidi Guthmann Birck und Aage Birck zum allerletzten Mal ihr Atelier in der Schlossstraße. Im Rahmen von „Jul i Slotsgade“ laden sie zum Stöbern, Staunen und Abschiednehmen ein.

40 Jahre lang war das Atelier in der Schlossstraße ein Ort für Ton und Bronze. Jetzt schließt das Künstlerpaar Heidi Guthmann Birck und Aage Birck seine Galerie. Ein Besuch bei zwei Menschen, die Hadersleben mit ihren Händen geprägt haben – und die sich selbst als Glückskinder einer anderen Zeit sehen.

Wer an diesem sonnigen Novembertag das Atelier der Bircks in der Haderslebener Altstadt betritt, dem offenbart sich ein Kunstuniversum, das bald verschwinden wird. Skulpturen, Gesichter, Vasen, Werkzeugfragmente aus Keramik heißen die Gäste willkommen. Heidi Guthmann Birck und Aage Birck, beide fast 85, lassen bitten. 

Willkommen im Kosmos der Bircks

Themen wie Flucht und Mutterschaft prägen die Werke der 84-jährigen gebürtigen Kölnerin.

„Ein letztes Mal nehmen wir am Weihnachtsevent in der Schlossstraße teil“, sagt Heidi Guthmann. „Es ist unser letzter Tag der offenen Tür – bevor wir endgültig schließen.“

Das Paar lebt seit 1985 in Hadersleben, gemeinsam haben beide dort ihre Spuren hinterlassen. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, erkennt diese künstlerischen „Fußabdrücke“: die Frau auf der Treppe, der bronzene Mann am Museum, das Mühlenstein-Ensemble am Theater Møllen. 
„Zwölf, dreizehn Werke sind es, mindestens“, sagt Aage. Das war dank der Förderung schöner Künste durch verschiedene Stiftungen möglich, unter anderem von A. P. Møller. „Die Kommune hat übrigens nie etwas von mir gekauft“, ergänzt Heidi Guthmann. 

Ein Leben mit Ton und Bronze

Aage Birck hat sich nie mit Gebrauchskeramik begnügt. Seine Werke erinnern an Werkzeuge – oft abstrakt, immer kraftvoll. Sie tragen etwas Archaisches in sich, als wären sie aus der Zeit gefallen. Was sie verbindet: ihre stille Wucht.

Kennengelernt haben sich Heidi und Aage 1963 in einer französischen Werkstatt – sie als ausgebildete Keramikerin aus Köln, er als neugieriger Däne mit Interesse an Steinzeug. 

„Es hat sofort geschnackelt – hierzulande sagt man wohl gefunkt“, verrät Heidi und lacht. Seither haben sie gemeinsam gearbeitet, gelebt, ausgestellt. Erst in Kopenhagen, dann in Deutschland und schließlich in anderen Ländern Europas. In Woyens und später in Hadersleben hat das Paar Wurzeln geschlagen, was beide nicht daran gehindert hat, sich auch über die Landesgrenzen hinaus einen Namen zu machen. 

Vorn Gesicht, hinten Po

Heidi Guthmann Bircks Figuren changieren zwischen Realität und Idee – wie diese Silhouette mit Federschmuck im Gegenlicht.

Heidi Bircks Werke kreisen oft um Körperlichkeit, Dualität, Transformation. In ihren Skulpturen verschwimmen Mann und Frau, werden zu einem fließenden Ganzen. „Die Treppe des Lebens“ (Livstrappen), wie sie ihre Skulptur am Hafen nennt, ist ein Sinnbild für unseren Weg durchs Leben.

Manche ihrer Figuren zeigen auch konkrete Menschen – die eigenen Kinder. „Ich habe ihre Gesichter mit Gipsbinden abgeformt“, erzählt sie. „Ganz vorsichtig, nur über die Augen, nie über Mund oder Nase.“ Auch der Popo ihrer Tochter diente als Modell. Daraus entstand eine kleine Figur – vorn Gesicht, hinten Po. Die damalige Kommune Woyens (Vojens) hat sie für das Rathaus gekauft. „Seit der Kommunalreform ist sie verschwunden“, sagt Heidi mit einem Achselzucken.

Eine Stadt voller Fragmente

Heidi Guthmann Birck zeigt in ihren Skulpturen das Menschliche im Übergang – und bleibt dabei stets ihrer eigenen Handschrift treu.

Auch das Relief am Archäologischen Museum stammt von ihr. Dort verschmelzen antike Ornamente mit Graffiti-Elementen – entworfen von ihrer Tochter und deren Freundin. „Unsere ganze Kulturgeschichte besteht aus Fragmenten“, sagt Heidi. „Ich möchte das zeigen – nicht als Makel, sondern als Bereicherung.“

Aage Birck, der vor allem mit Keramik gearbeitet hat, hat sich unter anderem am Møllen künstlerisch verewigt – mit einem flach eingelassenen Mühlstein, durch den heute Wasser fließt statt Mehl. 

„Die Stadt wollte den Platz von parkenden Autos befreien – ich habe ihn mit Kunst gefüllt“, erläutert er schmunzelnd.

Rückzug mit Vermächtnis

Seit vier Jahrzehnten teilen Heidi Guthmann Birck und Aage Birck Atelier, Ideen und den familiären Alltag. Ihre Kunst ist das sichtbare Ergebnis dieser Verbindung.

Seit zwei Jahren arbeiten die beiden Kunstschaffenden nicht mehr. Die Werkstatt ist aufgelöst, ihren Produktionsapparat haben sie verschenkt – „an hoffnungsvolle junge Keramiker“, wie Heidi sagt. Was bleibt, sind ihre Erinnerungen, viele davon auf Fotos an der Wand – und natürlich ihre Werke. 

„Wir hatten verdammt viel Glück“, findet Aage. „Wir konnten uns künstlerisch entfalten – und davon sogar leben. Ohne Galerie-Zwang, ohne digitale Ablenkung.“ Die Freunde des Paares sind heute über ganz Europa verstreut – viele von ihnen inzwischen tot. „Unsere Fotowand wird weißer“, sagt Heidi und meint damit die kleinen Trauerstreifen, die sie über die Porträts geklebt haben.

 

Ende einer Ära

Heidi und Aage Birck vor ihrer Porträtwand – Freunde, Familie und Wegbegleiter aus vielen Jahren Leben und Arbeiten

Jetzt ist also Schluss – und die Gelegenheit, Werke des Paares zu erwerben. „Wir öffnen noch einmal. Auch zum Schauen, zum Reden.“ 

Und dann? 

„Dann nehmen wir unsere Kunst mit ins Pflegeheim“, sagt Aage. Es ist nur halb im Scherz gemeint. Nächste Station ist eine altersgerechte Mietwohnung – natürlich im Herzen Haderslebens, wo das Paar mit seinen Händen so viele Spuren hinterlassen hat.