Gesellschaft

Christian Jebsen an der Spitze der Schützengilde

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Christian Jebsen (2. v. l.) hat Kette und Säbel des Ältermanns von Vorgänger Hans Henrik Johansen (M.) übernommen.

Christian Jebsen ist zum „Oldermand“ gewählt worden und hat den Posten vom früheren Apenrader Schlachtermeister Hans Henrik Johansen übernommen. Der neue Ältermann möchte keine großen Umbrüche in der Gilde, doch wolle er weiterhin die deutschen und dänischen Traditionen wahren, die es seit fast 300 Jahren gibt.

Es gibt wohl selbst in Deutschland kaum einen Schützenverein, der auf eine fast 300-jährige Geschichte zurückblicken kann. Die Apenrader Schützengilde – heute „Aabenraa Skyttelaug“ genannt – wurde 1734 gegründet. Damals trafen sich dort die Spitzen der Handwerkszünfte: um ihre Schießkunst zu üben, um die Stadt im Ernstfall verteidigen zu können – und um die Gemeinschaft zu pflegen. Es war ein deutscher Verein, so wie auch der Landesteil damals deutsch war.

 

Ein Mann aus der Minderheit an der Spitze

Alter und neuer Ältermann: Hans Henrik Johansen (l.) und Christian Jebsen

Nun ist wieder ein angesehenes Mitglied der Minderheit an der Spitze: Christian Jebsen wurde zum neuen Ältermann gewählt. Er folgt auf Hans Henrik Johansen – vielen noch bekannt als Schlachtermeister aus der Søndergade.

Seit 32 Jahren gehört Jebsen der Gilde an, bisher als Stabskapitän. „Nachdem ich gemerkt habe, dass kein neuer Ältermann gefunden werden konnte, fand ich es schade“, sagt er. Für fünf Jahre übernimmt er nun das Amt.

Handwerker, Landwirte und Banker – eine neue Mischung

Auch heute sind viele Mitglieder Handwerksmeister – doch längst nicht mehr nur. Banker, Landwirte, Kaufleute und andere Berufsgruppen treffen sich am Schießstand, wetteifern um die meisten Ringe – und pflegen dabei die alten Werte der Gemeinschaft.

„Ich bin stolz“, sagt der Landwirt von der Halbinsel Loit (Løjt Land), der nebenbei eine Kaffeeplantage in Tansania betreibt. Und möglichen Bedenken, er könne wieder mehr deutsches Kulturgut einfließen lassen, begegnete er in seiner Wahlrede offen: „In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vorausschauende Männer, die die Schützengilde langsam und sorgsam national und kulturell zu dem verwandelten, was sie heute ist. Es war eine Transformation von Deutsch zu Dänisch.“

Christian Jebsen bei seiner Antrittsrede

Er erinnerte an den Mut jener Zeit: „Diese Transformation geschah durch mutige dänische Apenrader, die sich gemeinsam mit einsichtsvollen Schützenbrüdern aus der Minderheit an die Aufgabe wagten, wohl wissend, dass die Schützengilde nicht länger die ‚Apenrader Schützengilde‘ bleiben kann – und es deshalb Veränderungen geben musste.“

Versöhnung als Teil der Identität

Dass Jebsen den Blick für Geschichte hat, überrascht nicht. Er ist auch Vorsitzender der Knivsberggesellschaft – „ein Vermächtnis“, wie er sagt. „Den geschichtlichen Ballast, den die Gilde mit sich trägt, den muss man mitnehmen.“ Und doch möchte er, dass Fragmente der deutschen Vergangenheit erhalten bleiben – etwa in den Liedern oder den alten Begriffen.

Eine Anekdote durfte in seiner Rede nicht fehlen: „Einige Jahre nach meiner Aufnahme winkte mich Calle Bjerring, der damalige Ältermann, zu sich. Ein Mann mit Persönlichkeit, Charisma und einer scharfen Zunge, aber mit einer guten Balance zwischen Respekt und Humor. Er sagte: Du Chrissen, æ ska fortæl dæ naue. Æ var jo lidt imod du sku optajes i æ laug. Du er en Jebsen og nok olt for tysk. Å så æn ting meje – det er det it manne det veje det – æ va mæ te å spræng æ Knivsbjerg tårn i luften. Men nu kan æ godt li dæ. Skål.

(Der übersetzte Satz: Du Chrissen, ich war ja dagegen, dass du in die Gilde aufgenommen wurdest. Du bist ein Jebsen und viel zu deutsch. Und eine Sache mehr: Es gibt nicht viele, die es wissen – ich war dabei, als der Knivsberg-Turm in die Luft gesprengt wurde. Prost.)

„Diese Geschichte ist ein Symbol für die Schützengilde“, sagt Jebsen. „Sie handelt von Versöhnung zwischen Dänisch und Deutsch. Wir sind ein Rollenmodell für eine geglückte Transformation.“

Zwischen Tradition und Erneuerung

Tradition und Sinn für Geschichte prägen den neuen Oldermand – doch er will auch Reformen zulassen. „Es kann Anpassungen geben, wenn sie gewünscht sind“, sagt er. Und er erinnert daran, dass es Zeiten gab, „wo das Pfingstschießen ein Volksfest war, mit Fahrgeschäften und der ganzen Stadt auf den Beinen“.

Vielleicht ist das ja ein kleiner Wink, dass die Geschichte der Aabenraa Skyttelaug auch künftig lebendig bleibt – zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Dänisch und Deutsch.

Alte Rituale, lebendige Gemeinschaft

Vieles ist in der Gilde noch so wie damals. Mehrmals im Jahr wird im Schützenhof, dem Skyttegård nahe Hjelmskov, geschossen – mit Kleinkalibergewehren auf Zielscheiben in rund 180 Metern Entfernung. Und auch das Exerzieren, das traditionelle Einüben der Bewegungsabläufe, gehört weiterhin dazu.

Zu Pfingsten hat die Gilde ihren großen Auftritt. Am Freitag vor dem Fest – dem sogenannten „Freitag vor“ – treffen sich die Mitglieder, üben vor der Kulisse des Schlosses das Exerzieren und Marschieren, angeführt von der Marschkapelle, zum Skyttegården. Dort werden neue Mitglieder feierlich aufgenommen.

Am Dienstag nach Pfingsten folgt die sichtbarste Tradition: Die Schützenbrüder ziehen in Frack, mit weißen Handschuhen und Zylinder vom alten Rathaus durch die Stadt – wieder begleitet von Musik – bis zum Schützenhof, wo das Königsschießen stattfindet. Am Abend wird der neue König gekürt.

Wandel nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich vieles. Deutsches Kulturgut war verpönt, und auch die Apenrader Schützengilde musste sich wandeln. Doch die alte Tradition ließ sich nicht einfach auslöschen. Geblieben sind bis heute Mitglieder aus der deutschen Minderheit, deutsche Lieder wie „Mein Apenrade“ oder „Der Mai ist gekommen“ – und alte Begriffe wie „Freitag vor“ oder „Flagge“. Selbst der Spendentopf, der für „Bedürftige“ herumgereicht wird, gehört weiterhin dazu.

Apenrader Schützengilde – Aabenraa Skyttelaug