Deutsche Minderheit

„Man hat so eine Grundangst“ – Ida Grube und Ida Sell über ihre Unsicherheit im Nachtleben

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Ida Sell (l.) und Ida Grube sind zwei junge Schülerinnen am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN) und berichten über ihre Erfahrungen.

Angst und ein mulmiges Gefühl: Wieso fühlen sich viele junge Frauen im Nachtleben nicht sicher – und meiden bestimmte Orte? Die 16-jährigen Schülerinnen Ida Grube und Ida Sell vom Deutschen Gymnasium für Nordschleswig berichten, warum sie sich oft unsicher fühlen – und zeigen: Unsicherheit ist kein Großstadtproblem.

„In Apenrade ist es auffällig, dass man echt oft angehupt wird und das ist schon manchmal beängstigend“, sagt Schülerin Ida Grube. „Wir hatten das auch schon mal, dass ein Auto angehalten ist“, erzählt die 16-Jährige.

Es sei nichts passiert, aber ein „gruseliges Gefühl“ und man fühle sich unsicher. In Flensburg erlebe sie viele, die unter Alkoholeinfluss aggressiver seien und Schlägereien anzetteln, bei denen Sicherheitspersonal eingreifen müsse oder die Polizei käme – „in so einer Situation fühlt man sich nicht wohl.“

Ihre Freundin und Mitschülerin am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN) Ida Sell ist ebenfalls 16 Jahre alt. Die Flensburgerinnen leben aktuell im Internat in Apenrade. Sell erzählt, dass die beiden auch „Catcalling“, also dass Männer ihnen hinterherrufen oder -pfeifen, schon öfter erlebt haben – sowohl in Flensburg als auch in Apenrade.

Solche Szenen sind für viele junge Frauen Realität – ob die Sonne untergeht oder nicht. Besonders aber im Nachtleben, das für Freiheit und Spaß stehen sollte, ist für manche ein Ort der Unsicherheit und Angst.

Studie über Sicherheit im Nachtleben

Eine aktuelle Studie des Kriminalpräventiven Rates (Det Kriminalpræventive Råd/PRM) bestätigt: Insbesondere junge Frauen und Minderheiten fühlen sich in Clubs, auf der Straße oder auf dem Heimweg zunehmend unwohl. Fast jede fünfte junge Frau ist betroffen.

Grube und ihre Freundin Ida Sell verbringen ihre Abende gerne mit Freundinnen – sei es beim Ausgehen, beim Treffen mit anderen Bekannten oder bei gemeinsamen Strandbesuchen in Apenrade.

Die beiden Flensburgerinnen gehen von einer „Grundangst“ aus, „weil man aus Berichten und Zeitungsartikeln mitbekommt, was alles schon passiert ist, und dann hat man Angst, dass sich das wiederholt“, sagt Grube.

Auch die Studie verweist darauf, dass sich viele junge Menschen nicht nur durch reale Erlebnisse oder Berichte anderer verunsichert fühlen – sondern auch durch das, was sie sich vorstellen oder befürchten. Es sei meistens grundlos, sagt Grube. Man habe Vorurteile gegenüber Menschen, die einem „gruselig“ erscheinen.

Medial verbreitete Berichte über Gewalttaten, etwa in sozialen Netzwerken oder Nachrichtensendungen, könnten diese Ängste zusätzlich verstärken, betont Tine Fuglsang, Analystin beim Kriminalpräventiven Rat.

Sie betont, dass die große Mehrheit der jungen Menschen sich beim Ausgehen sicher fühlt: „Das müssen wir im Hinterkopf behalten“ – es müsse vermieden werden, dass Einzelfälle oder „Schauergeschichten“ unnötige Ängste schüren.

Deshalb ist es wichtig, dass wir zu einer differenzierten und beruhigenden Berichterstattung über das Ausgehen beitragen.

Tine Fuglsang

Viele junge Frauen fühlen sich unsicher

Grube und Sell gehören jedoch zu den jungen Frauen, die sich unsicherer als junge Männer fühlen. Es sind 22 Prozent der Mädchen in Dänemark zwischen 16 und 17 Jahren, die sich unsicher fühlen.

„In der Gruppe, wenn auch Jungs dabei sind, fühle ich mich sicherer, aber allein gehe ich spätabends nicht mehr raus, weil ich es zu gefährlich finde“, verrät Grube – ihre Freundin Sell stimmt zu. Schon als Kind habe man mitbekommen, dass es dahingehend eine Gefahr gebe, sagt Sell. Ihre Eltern wiesen sie als Kind bereits darauf hin, dass sie nicht mit fremden Männern mitgehen soll – oder beim Feiern aufpassen soll, mit gewisser Vorsicht und Skepsis, erzählt Sell.

Worum geht es in der Studie?

Der Bericht „Safety survey among young people in nightlife“ („Tryghedsundersøgelse blandt unge i nattelivet“) aus dem Jahr 2025 wurde von „Voxmeter“ für den dänischen Rat für Kriminalitätsprävention (Det Kriminalpræventive Råd) erstellt. Die Studie basiert auf einer Fragebogenerhebung mit Antworten von 2.930 Däninnen und Dänen im Alter von 16 bis 35 Jahren und ausführlichen Interviews mit 20 jungen Menschen aus Dänemark.

Was zeigen die Studienergebnisse?

Nicht nur Grube und Sell geht es so. Denn 17 Prozent der Frauen fühlen sich unsicher, verglichen mit 8 Prozent der Männer. Zudem sind laut der Studie 21 Prozent derjenigen, die sich als Minderheit bezeichnen, unsicher. Die meisten jungen Menschen (33 Prozent) fühlen sich auf dem Nachhauseweg vom Nachtleben unsicher. „Unsicherheit im Nachtleben wird auch mit dunklen Gegenden, dem Alleinreisen, dem Zusammentreffen mit größeren Gruppen und der Sorge vor einer Eskalation der Situation in Verbindung gebracht“, heißt es in der Studie.

Auch die beiden Flensburgerinnen versuchen einige Orte in der Stadt in der Dunkelheit zu meiden, wie den Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB), die Innenstadt oder den Südermarkt. Grube fühlt sich in Apenrade sicherer als in Flensburg, „weil es nicht so groß ist“, sagt die 16-Jährige.

Dennoch würde sie auch in Apenrade spätabends nicht allein laufen, denn es gebe abgelegene Straßen, die Angst machen. „Bei den Strandfeiern gehen wir immer in der Gruppe und da passt man auf, dass niemand allein geht“, sagt Grube. Auch Sell hat in Apenrade weniger Angst, zu zweit mit ihrer Freundin spazieren zu gehen, aber „das würde ich abends in Flensburg nicht machen“, sagt Sell.

Wie Kleidung die Sicherheit beeinflusst – und zum Risiko wird?

Ein weiterer Aspekt ist für Grube, welche Kleidung sie als junge Frau trägt. Wenn sie bei schönem Wetter mit Rock und Ballerinas rausgehe, fühlt sie sich unwohl, „weil man viele Blicke von ekligen Männern kriegt“, sagt sie. Auch beim Feiern achtet sie darauf, etwas überzuziehen, um nicht aufzufallen, „weil man dann nochmal mehr Angst hat, dass jemand kommt“, betont Grube.

Auch Sell hat das schon oft erlebt und rät, bei einem Rock immer eine kurze Hose unterzuziehen oder auf dem Hin- und Rückweg vom Club eine lange Hose anstelle eines Rocks zu tragen, denn man werde viel mehr angeguckt: „Wenn man mit Partykleidung durch die Stadt läuft, kriegt man schon viele Blicke“, sagt Sell.

Da fühlt man sich richtig unwohl, obwohl man nur ein schönes Sommeroutfit anziehen will.

Ida Grube

Wie kann man sich sicherer fühlen?

Um sich sicherer im Nachtleben zu fühlen, können kleine Maßnahmen eventuell helfen: Abends in Gruppen unterwegs sein, nicht allein rausgehen, aufeinander achten, eine männliche Begleitung dabeihaben, am Handy sein und mit jemandem auf dem Nachhauseweg schreiben, telefonieren oder nicht zu freizügig gekleidet sein, rät Sell.

Darüber hinaus wird auch auf digitale Tools gesetzt: „Ich habe eine App“, erzählt Sell, die sie aber noch nicht benutzt hat, verrät sie. „Diese App ist dafür da, wenn man etwas hat, kann man seine Freunde alarmieren“, erklärt Sell. Grube hat Notfallkontakte auf ihrem Handy gespeichert, zudem sehen ihre Familie und ihre engsten Freunde in der App „Wo ist?“ ihren Standort. Sell ergänzt: „Im Club muss man aufpassen, dass man sein Getränk bei sich hat.“ Auch Grube bestätigt: „Man muss sein Getränk beaufsichtigen – nicht, dass K.o.-Tropfen reingeschüttet werden.“

Sicherer fühlen im Nachtleben – Was kann man tun?

Damit sich junge Frauen auf dem Nachhauseweg sicherer fühlen können, braucht es mehr als individuelles Verhalten, aber es sei nichts, was man konkret ändern könne, bedauert Sell. Es liege an der Gesellschaft. Denn:

Auch Grube glaubt, dass es sich in der Gesellschaft etabliert habe, dass Frauen eher Angst vor Männern hätten. Es käme auf die gemachten Erfahrungen an: „Mir hat noch nie eine Frau hinterhergepfiffen oder mich angehupt“, sagt Sell. In der Schule gebe es eine anonyme Beratung, erzählt Grube.

Es ist ein grundlegendes Problem.

Ida Sell

Ihre Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit spiele für sie beim Thema Sicherheit weniger eine Rolle, sie bekäme eher negatives Feedback, aber Grube fühlt sich in Dänemark sicherer als in Deutschland, berichtet sie.

Trotz der Unsicherheiten lassen sich Grube und Sell das Ausgehen nicht nehmen. Wichtig sei ihnen, aufeinander aufzupassen, sich in der Gruppe und an öffentlichen, belebten Orten aufzuhalten oder das Handy dabeizuhaben, betont Grube. So fühlen sich Grube und Sell nicht allein – und etwas sicherer.

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