Heiß auf Mais

Maisanbau: Fluch oder Segen?

Maisanbau: Fluch oder Segen?

Maisanbau: Fluch oder Segen?

Bettina P. Oesten
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Foto: Karin Riggelsen

Seit 1980 ist in Dänemark die gesamte Anbaufläche für Mais von 11.000 auf 190.000 Hektar explosiv angewachsen. Nordschleswig erlebt seit der deutschen Energiewende eine massive Nachfrage nach Mais insbesondere für schleswig-holsteinische Biogasanlagen. Doch was spricht für und was gegen einen intensiven Maisanbau?

Wer mit offenen Augen durch die nordschleswigschen Landschaften fährt, dem wird nicht entgangen sein, dass die Maisfelder viel Raum einnehmen. Das ist nicht nur gefühlt so, sondern Tatsache.

Man fragt sich, wo denn Getreidearten wie Weizen, Gerste, Roggen und Hafer eigentlich geblieben sind. Klar, es gibt sie noch, aber die Maispflanzen, die locker bis zu zwei Meter hoch werden, versperren einem oftmals den Blick auf das weite Land und wehende Kornfelder, so wie man es von früher her kennt.

Ja, früher! Heute dreht sich die Welt etwas anders, auch und vielleicht besonders in der Landwirtschaft. Die Felder werden größer und wollen effizient und mit Zeitersparnis bewirtschaftet werden. Und weil das so ist, werden auch die Landmaschinen größer und mit immer mehr intelligenter Steuerungstechnik ausgestattet.

Mähdrescher und Traktoren mit mannshohen Rädern rollen einem auf den Straßen entgegen und flößen dem gemeinen Verkehrsteilnehmer Respekt ein. Motoren mit mehr als 1.100 PS, 24 Liter Hubraum und zwölf Zylindern: Da ist Leistung gefragt.

Mais passt da perfekt ins Bild. Denn die Maispflanze lässt sich mit der Technik von heute nicht nur effizient anbauen, ernten, dreschen, lagern und transportieren. Sie bringt auch gleichbleibend hohe Erträge, ist gut vermarktbar, vielseitig anwendbar und selbstverträglich. Soll heißen: Bei ihr muss man die Fruchtfolge nicht beachten, sondern kann sie Jahr für Jahr auf den immer gleichen Feldern anbauen.

Mais hat viele Vorteile, sagen die Landwirte. Aber auch nicht zu unterschätzende Nachteile, sagen Naturschützer. Dazu später mehr.

Foto: Karin Riggelsen

Warum wächst heute so viel Mais auf den Äckern?

Der expansive Anbau von Mais hat zunächst etwas mit der weltweiten Klimaveränderung und mit der Veredelung von Maissorten zu tun. Heute gedeihen in unseren Breitengraden aufgrund des allgemeinen Temperaturanstiegs Sorten, die man früher hier nicht oder nur sehr ertragarm hätte anbauen können.

Mais hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr als Tierfutter durchgesetzt. Überall dort, wo Massentierhaltung stattfindet, wird man deshalb auch intensiven Maisanbau erleben, sagt Pflanzenbauberater Hans-Henrik Post vom Landwirtschaftlichen Hauptverein für Nordschleswig (LHN). Und weil intensive Tierhaltung vor allem in Jütland, und nicht so sehr auf z. B. Seeland oder Lolland-Falster, betrieben wird, haben wir hier auch die meisten Maisfelder, so Post.

Aber nicht nur deshalb. Denn da wären ja noch die Biogasanlagen.

Für den Tank oder für den Teller?

Mit dem Inkrafttreten des bundesdeutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) steigt die Nachfrage nach Mais rasant an. Neben dem Ausbau von Wind- und Solarenergie und anderen erneuerbaren Energiequellen werden an die 9.000 Biogasanlagen deutschlandweit gebaut, allein in Schleswig-Holstein sind es bis heute etwa 800.

Diese werden in erster Linie mit dem nachwachsenden Rohstoff Mais gefüttert. In einigen Regionen Schleswig-Holsteins gibt es irgendwann eine so hohe Dichte an Biogasanlagen, dass der Bedarf an Mais lokal nicht mehr gedeckt werden kann.

Ab etwa 2009 beginnen schleswig-holsteinische Landwirte und Biogasbetreiber deshalb, sich nach Norden zu orientieren. Sie pachten landwirtschaftliche Flächen in Nordschleswig bis hinauf nach Ripen/Ribe, bauen dort ihren Mais an, nehmen höhere Transportkosten in Kauf.

Für dänische Ackerbesitzer ein lukratives Geschäft, denn die deutschen Landwirte zahlen weit höhere Pachtpreise pro Hektar als ihre dänischen Kollegen. Diese Preise sind möglich, weil deutsche Biogasbetreiber eine hohe staatliche Förderung erhalten und ihnen nach dem EEG eine Abnahmegarantie für ihren Strom und eine auf 20 Jahre garantierte Stromvergütung sicher ist.

Nicht überall stößt diese Entwicklung auf Wohlwollen, besonders nicht in den Maisboom-Jahren. Zum einen wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob der intensive Biogas-Maisanbau auf Kosten des Anbaus von Lebensmitteln geht, und zum anderen beklagen dänische Landwirte, dass die Pachtverlängerung oder der Zukauf von Boden aufgrund der deutschen Preiskonkurrenz schwieriger geworden ist.

Foto: Karin Riggelsen

Deutsche Landwirte zahlen mehr

Landwirt Christian Carstensen aus Bülderup-Bau/Bylderup-Bov hat es erlebt. Bis 2013 ist er noch Ökolandwirt, dann aber wird einer seiner Pachtverträge nicht verlängert, weil es einen deutschen Mitanbieter gibt, der Mais anbauen will und bereit ist, etwa 8.000 Kronen pro Hektar pro Jahr statt die üblichen 3.000 bis 5.000 Kronen zu zahlen.

Christian Carstensen kommt gegen diesen Preisdruck nicht an, zieht den Kürzeren und verliert etwa 200 Hektar, die er für seinen Ökolandbau dringend braucht. Er sieht sich gezwungen, auf konventionelle Landwirtschaft umzusteigen.

Ironie der Geschichte: Nach einer schwierigen Umstellungsphase kommt er heute als konventioneller Landwirt gut über die Runden, unter anderem weil er auf 40 Hektar den gefragten Rohstoff Mais anbaut.

Dem Ökolandwirt und früheren Aufsichtsratsvorsitzenden der Biomeierei Naturmælk in Tingleff, Frode Lehmann, sind mehrere solcher Fälle bekannt.

„Ja, es gab mehrere Landwirte, die aufgrund der deutschen Preisüberbietung in Bedrängnis gerieten. Leider wurde dies von offizieller Seite dann häufig mit dem Satz abgetan, dass die Marktbedingungen nun mal so seien. Ich sehe die Dinge etwas anders. Kann man wirklich von üblichen Marktbedingungen sprechen, wenn dänische Landwirte auf einmal mit dem deutschen Staat konkurrieren müssen, weil dieser die Biogasproduktion im eigenen Lande großzügig fördert und deutsche Bauern deshalb weit höhere Pachtpreise bieten können? Ich meine, nein“, sagt Lehmann.

Deutsche Nachfrage ist rückläufig, aber ...

Bis etwa 2015 pachten deutsche Landwirte ca. 25.000 Hektar Land für den Maisanbau, überwiegend in Nordschleswig. Seit fünf Jahren ist die Entwicklung rückläufig, heute sind es noch etwa 20.000 Hektar, so Hans-Henrik Post.

Auch die Preisüberbietung ist nicht mehr so eklatant. Aktuell bietet ein deutscher Landwirt 500 bis 1.000 Kronen mehr pro Hektar. Der Grund für die Rückläufigkeit: Die Bundesregierung führt 2012 den sogenannten „Maisdeckel“ im EEG ein, der den Einsatz von Mais in Biogasanlagen auf 60 Prozent begrenzt.

Zum Vergleich: In Dänemark liegt die Grenze seit 2018 bei 12 Prozent: Wenn eine Biogasanlage mit 100 Tonnen gefüttert wird, darf der Anteil an Energiepflanzen wie Mais nach dänischem Gesetz also nur 12 Tonnen betragen. Der weitaus größte Teil besteht aus Gülle und Abfällen.

Entwicklung gebremst

Die deutsche EEG-Änderung bedeutet auch, dass ein zusätzlicher Bau an deutschen Biogasanlagen ab 2014 nur noch sehr eingeschränkt bezuschusst wird. Außerdem werden die einzelnen Biogasanlagen immer effizienter, benötigen für die Stromerzeugung weniger Mais.

All das erklärt sicherlich den zahlenmäßigen Rückgang der deutschen Nachfrage nach Biogasmais und verfügbaren Ackerflächen im nördlichen Nachbarland, doch verändern wird sich die großflächige Struktur des Maisanbaus in Nordschleswig deshalb nicht.

Eher im Gegenteil: Denn zum einen müssen die etwa 20 schleswig-holsteinischen Biogasanlagen, die ihren Mais aus Dänemark beziehen, nach wie vor zuverlässig beliefert werden – mit jährlich etwa 20.000 Maistransporten. Und zum anderen wird die Zahl der dänischen bzw. nordschleswigschen Biogasanlagen, die für ihre Stromproduktion ebenfalls Mais benötigen, in Zukunft steigen, weiß Heinrich Lüllau, betriebswirtschaftlicher Berater bei Landbo Syd in Apenrade.

In einer Zeit, in der so viel über Biodiversität gesprochen wird, erleben wir, dass es immer mehr Maisfelder und immer weniger blühende Feldfrüchte für zum Beispiel Bienen und Hummeln gibt. Von einer Mais-Monokultur zu sprechen ist sicherlich etwas voreilig, aber mit Biodiversität hat der intensive Maisanbau trotzdem wenig zu tun.

Frode Lehmann, Ökolandwirt

Zwar sei per Regierungsbeschluss vom 8. Februar 2019 die Förderung für den weiteren Ausbau von dänischen Biogasanlagen ausgesetzt worden, so Lüllau, doch die Anlagen, die davor schon in Planung waren, würden noch gebaut. Außerdem würden neben den Milchbauern auch immer mehr Schweinezüchter auf Mais als Futtermittel zurückgreifen. Beides zusammengenommen würde erklären, weshalb in den nächsten Jahren mit einer weiteren Aufstockung der Maisanbauflächen in Nordschleswig zu rechnen sei, so Lüllau.

Zur Veranschaulichung: Betrug in Dänemark die gesamte Anbaufläche für Mais im Jahre 1980 nur 11.000 Hektar, ist diese Zahl inzwischen auf 190.000 Hektar angewachsen.

Für die Landwirtschaft eine Segenspflanze, für die Umwelt eher nicht

Selbstverträglichkeit, langfristig stabile Erträge, gute Absatzmöglichkeiten, effizient in der Handhabung – für Landwirte liegen die Vorteile von Mais auf der Hand. Was für sie ebenfalls auf der Plusseite zu verzeichnen ist: Mais ist die einzige Pflanze, die zu viel Dünger verkraftet, sie hält nahezu unendlich die Düngung mit stickstoffhaltiger Gülle aus. Etwas überspitzt formuliert könnte man sie als Gülleentsorgungspflanze bezeichnen. Alles gut, wäre da nicht der Umstand, dass Nitrat ein Abbauprodukt von Gülle ist. Und zu viel Nitrat ist schädlich für das Trinkwasser.

Gülle enthält im Gegensatz zu Festmist grundsätzlich mehr Stickstoff. Die Bodenorganismen können den Stickstoffüberschuss nicht verarbeiten, und so gelangt der überschüssige Stickstoff unweigerlich als Nitrat ins Grundwasser oder in Oberflächengewässer wie Bäche, Flüsse oder Seen.

So lässt sich auch erklären, wie beispielsweise eine intensive Schweinezucht mit entsprechend hohem Aufkommen an Gülle, die auf den Feldern ausgebracht wird, schließlich zu einer Überdüngung der Gewässer durch ein Zuviel an Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor führen kann.

Durch den Anbau von Zwischenfrüchten wie Gras, Senf und Ölrettich nach der Maisernte würde überschüssiger Stickstoff abgebaut, so Hans-Henrik Post. In Dänemark seien die Landwirte zu einem solchen Anbau verpflichtet, auch um einer Bodenerosion entgegenzuwirken und den Humusgehalt zu erhalten.

Landwirtschaft als Hauptsünder ausgemacht

Vielmehr sieht der LHN-Pflanzenbauberater die kommunalen Kläranlagen in der Verantwortung, die den heutigen Anforderungen aufgrund des vermehrt auftretenden Starkregens nicht mehr gerecht werden würden und in den vergangenen Jahren durch das massive Ausleiten von ungeklärten Abwässern, unter anderem in den Öresund, ins Kreuzfeuer der Kritik geraten seien.

Allerdings bleibt nach Berechnungen des Agroökologischen Instituts an der Universität Aarhus die Landwirtschaft der „Hauptsünder,“ wenn es um die Belastung der Gewässer durch Stickstoff, beziehungsweise Nitrat geht.

Jährlich landen etwa 55.000 Tonnen Stickstoff in dänischen Gewässern, 2018 wurden davon etwa 50.000 Tonnen den sogenannten diffusen Quellen, zu denen auch die Landwirtschaft gerechnet wird, zugeordnet. Der dänischen Umweltbehörde Miljøstyrelsen zufolge entfallen demnach etwa 60 bis 70 Prozent des Stickstoffeintrags in die Gewässer auf die Landwirtschaft.

Foto: Karin Riggelsen

Einigen Tierarten wird Lebensgrundlage entzogen

Schließlich, und nicht zuletzt, hat der intensive Maisanbau auch Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt. Weil in einem Maisfeld außer Mais in der Regel nichts wächst, finden beispielsweise Insekten und Vögel hier keine oder nur sehr wenig Nahrung. Tiere, die in offenen Landschaften leben, wie Hasen, Rehe, Fasanen und Rebhühner sowie Vogelarten wie Kiebitz und Lerche, sind in einem Maisfeld alles andere als gut aufgehoben.

„Diese Tiere benötigen kurze Wiesen und Weiden, um Feinde frühzeitig zu erkennen und die Flucht zu ergreifen“, erklärt Natur- und Landschaftsberater Jesper Tofft von Ravnhøj Consult in Hammeleff (Hammelev).

„Wenn sie diese Bedingungen nicht vorfinden, suchen sie sich andere Plätze und werden dann nach und nach aus unseren Gefilden verschwinden. Genau das erleben wir gerade. Dagegen lieben es Schwäne, Gänse, Tauben und Krähenvögel, in einem abgeernteten Maisfeld auf Futtersuche zu gehen und die restlichen Körner aufzupicken. Wir sollten uns fragen, ob wir wirklich wollen, dass bei uns die Artenvielfalt dem Maisanbau zum Opfer fällt, denn wir sind gerade dabei, einigen Tierarten die Lebensgrundlage zu entziehen.“

Und noch ein Aspekt wäre zu beachten, meint Frode Lehmann.

„Forscher haben herausgefunden, dass die Zahl der Insekten seit den 80er Jahren um bis zu 80 Prozent zurückgegangen ist. Wenn die Insekten verschwinden, wird davon die ganze Nahrungskette betroffen sein, mit unüberschaubaren Folgen. In einer Zeit, in der so viel über Biodiversität gesprochen wird, erleben wir, dass es immer mehr Maisfelder und immer weniger blühende Feldfrüchte für zum Beispiel Bienen und Hummeln gibt. Von einer Mais-Monokultur zu sprechen ist sicherlich etwas voreilig, aber mit Biodiversität hat der intensive Maisanbau trotzdem wenig zu tun. Ist es das, was wir wollen?“ fragt Lehmann.

Und wenn in Zukunft die Maisfelder eher mehr als weniger werden, was dann?

„Bisher gab es keinen oder nur sehr wenig Widerstand. Aber dann wird sich Widerstand regen“, ist sich Frode Lehmann mit Blick auf die Proteste südlich der Grenze sicher.

Foto: Karin Riggelsen
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