Gesellschaft

Familien am Limit, das System schaut zu: Zwei Frauen tun was

Veröffentlicht Geändert
Rie Jørgensen und Lene Mølgaard (rechts) setzen sich seit Jahren dafür ein, dass Menschen mit Behinderungen in der Kommune Hadersleben besser unterstützt werden. Beide wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn das System versagt – ein Kampf gegen Windmühlen.

Zwei Mütter, viele Hürden: Lene Mølgaard und Rie Jørgensen kämpfen für echte Teilhabe in der Kommune Hadersleben – und stoßen immer wieder auf Bürokratie, Unterfinanzierung und politische Trägheit. Jetzt machen sie mobil.

Lene Mølgaard aus Hadersleben und Rie Jørgensen aus Woyens (Vojens) wissen, wie es ist, wenn Behörden versagen und Familien allein gelassen werden. Auf reichlich Erfahrungen bauen sie ihr Engagement – und setzen sich im Beirat für Menschen mit Behinderung ein. 

Beide Frauen haben Kinder mit besonderen Bedürfnissen: Lene Mølgaard (48) ist Mutter von Silas (17), der mit der seltenen genetischen Erkrankung Wulf-Hirschhorn-Syndrom lebt. Rie Jørgensens Sohn Lukas (15) ist Autist. „Er würde gern zur Schule gehen“, sagt sie, „aber die bestehenden Rahmenbedingungen lassen das nicht zu.“

Der Alltag der Familien ist geprägt von Anträgen – und der ständigen Suche nach einer bedarfsgerechten Unterstützung. 

Zuhören allein ist nicht genug

Silas besucht derzeit das neue STU-Angebot an der Louise-Schule in Hadersleben, wo seine Mutter als Vorsitzende im Vorstand aktiv ist. Für sie ist das zwar ein Anfang, doch nicht optimal: „Ich wünsche mir, dass er nach Christiansfeld wechseln kann, dort ist das Umfeld besser geeignet für ihn, auch weil die Klasse kleiner ist.“ 

Dass die Kommune Hadersleben überhaupt ein solches Angebot hat, wertet Mølgaard als Fortschritt. Auch Lukas, der Sohn von Rie Jørgensen, braucht Unterstützung im Alltag. 

Das Duo engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in Organisationen, um Menschen mit Herausforderungen das Leben leichter zu machen – und beide wissen daher: „Der Sozialbereich ist hoffnungslos unterfinanziert. Das zeigt sich auch im neuen Kommunaletat. Die Politiker hören uns zu – einige zumindest“, sagt Rie Jørgensen. 

Zuhören allein reicht nicht.

Kommunale Förderung als „Glückssache“

Rie Jørgensen begrüßt Silas (17). Sie ist zu Gast bei Lene Mølgaard. Beide Frauen wünschen sich vor allem eins: eine Politik, die Betroffene ernst nimmt und den ganzen Menschen sieht.

Viele Probleme beginnen früh – vor einer Diagnose. „Es dauert zu lange, bis Eltern Klarheit bekommen. Danach wissen sie trotzdem nicht, welche Rechte oder Angebote es gibt“, sagt Lene Mølgaard. „Ohne Know-how bekommen sie oft nicht, was ihnen zusteht. Unterstützung wird damit zur Glückssache.“

Kritisch sehen beide das Übergangsangebot, wenn aus Kindern Erwachsene werden und sich die Bedürfnisse drastisch ändern. 

„Wenn gewohnte Zuständigkeiten wechseln, bricht vieles weg – und man beginnt von vorn. Hilfe kommt oft erst, wenn es zu spät ist“, sagt Rie. „Was man vorher mit überschaubarer Hilfe hätte lösen können, wird dann zur Belastung – und zwar für alle.“ Das ist zermürbend für die Familien und teuer für die öffentliche Hand.

Politik schockiert, doch handlungslahm

Die Politik weiß Bescheid: „Wir haben schon vor fünf Jahren dem Sozialausschuss die Lage geschildert“, ergänzt Lene Mølgaard. Dieser habe zwar geschockt reagiert – getan habe sich wenig. „Die kommunale Verwaltung – nicht die Politik – bestimmt, wo es langgeht. Dabei sollte es umgekehrt sein.“

Keine aktuelle Handicap-Politik

Die Behindertenpolitik der Kommune Hadersleben ist zehn Jahre alt – und sollte jährlich überarbeitet werden. Doch nichts passiert. Für Lene und Rie ist klar: Es braucht ein radikales Umdenken. Beide wünschen sich eine Herangehensweise, die den Menschen in seiner Gesamtheit betrachtet. Doch bislang ist es bei Absichtserklärungen geblieben.

„Zumindest ist die kommunale Klageanleitung jetzt so verfasst, dass sie jeder verstehen kann“, sagt Lene Mølgaard. Das sei eine Frage der Rechtssicherheit.

Beide ehrenamtlich engagierten Mütter wünschen sich vor allem eins: eine Politik, die Lebensrealitäten von Betroffenen ernst nimmt. Die Behindertenorganisationen der Kommune laden im Vorfeld der Kommunalwahl zum Austausch mit der Politik ein. Das Timing ist mit Bedacht gewählt. Mit den Vorbereitungen haben Lene Mølgaard und Rie Jørgensen alle Hände voll zu tun. 

„Es geht nicht um Schuldzuweisungen“, sagt Jørgensen. „Wir wollen, dass die Politik zuhört, begreift, was getan werden muss – und danach handelt.“ 

Politik trifft Betroffene

Die Behindertenorganisationen in Hadersleben setzen sich dafür ein, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen zu verbessern. Im Vorfeld der Kommunalwahl und der Wahl für „Handicaprådet“ laden sie zum Austausch zwischen Bürgerinnen und Bürgern sowie der Politik ein. Eingeladen sind alle Parteien. Das Wahltreffen findet am Mittwoch, 22. Oktober, ab 19 Uhr bei „Et rart sted at være“ am Nordhavnsvej 5A in Hadersleben statt.