Deutsche Nachschule

Thies Rheinthal: Ein Unikum der Nachschule geht von Bord

Veröffentlicht Geändert
Hier ist er in seinem Element: Thies Rheinthal im Nachschul-Werkraum, den er aufgebaut hat.

Nach 34 Jahren hat sich Thies Rheinthal dazu entschieden, als Lehrkraft an der Deutschen Nachschule Tingleff aufzuhören und in den Ruhestand zu gehen. Wie der 63-Jährige als Quereinsteiger an die Nachschule gekommen, warum er so lange geblieben ist und wie er die freie Zeit nun nutzen will, verrät er im Interview.

„Ich ruf nachher zurück. Ich kann gerade nicht.“ Thies Rheinthal sitzt im Berufsberaterbüro der Deutschen Nachschule Tingleff, ist geschäftig wie immer und konzentriert sich auf dieses und jenes, als wäre es eine ganz normale Arbeitswoche als Lehrkraft. Nichts deutet darauf hin, dass es die letzte Woche für den 63-Jährigen ist. 

So richtig aufgeräumt und die persönlichen Sachen eingepackt hat er für den Ruhestand noch nicht. „Den Werkraum habe ich aber schon so weit klargemacht, dass es da ohne mich weitergehen kann“, sagt Thies Rheinthal, für den im November die Rentnerzeit beginnt.

Mit Holz und Werken fing alles an

Der Werkraum und die Passion für Holz gaben 1991 den Ausschlag, dass Rheinthal in Tingleff anheuerte – als Quereinsteiger. Seine Frau Ulrike Petersen hatte an der Nachschule kurz zuvor als Lehrerin begonnen. 

„Als der damalige Leiter Klaus Lobsien von meiner Frau erfuhr, dass ich Tischler bin, bat er mich zu sich und fragte, ob ich mir nicht vorstellen könnte, hier eine Werkstatt aufzubauen und zu unterrichten. Ich bin dann auch hier gelandet“, erzählt Rheinthal mit einem Schmunzeln.

So kam es, dass er und seine Ulrike von Flensburg (Flensborg) nach Tingleff zogen und fester Bestandteil des Kollegiums wurden. Obwohl er berufliches Neuland betrat, sah sich Rheinthal für die Aufgabe gerüstet.

Thies Rheinthal wurde als Quereinsteiger eine feste Größe des Kollegiums an der Deutschen Nachschule Tingleff und möchte nach über 30 Jahren nun den Ruhestand genießen.

„Ich habe vorher schon viel mit Jugendlichen zu tun gehabt und finde den Umgang mit ihnen reizvoll“, erzählt der baldige Ruheständler. 

Rheinthal bewies Vielseitigkeit und unterrichtete neben dem Werken später auch in Mathematik und Geografie. Auch die Berufsberatung sollte ein fester Aufgabenbereich werden. „Es hat sich in diesem Bereich viel verändert. Früher ging man zur Schule, machte eine Lehre und blieb dann in dem Beruf. Heute ist es vielschichtiger, und ich finde es spannend, mit den Jugendlichen die Möglichkeiten und Wege zu besprechen, die zu ihren Interessen und Fähigkeiten passen“, sagt Rheinthal. 

Eigene Ideen eingebracht

Der Wahl-Nordschleswiger hat sich an der Schule für eine interne Jobmesse starkgemacht. „Es gibt in der Elternschaft und bei ehemaligen Schülerinnen und Schülern doch ein breites Spektrum an Berufen. Warum das nicht nutzen“, sagt der 63-Jährige mit einem motivierten Blick, als ginge es für ihn an der Nachschule ganz normal weiter. 

Als Berufsberater hat er so manchen Impuls setzen und Jugendliche sogar direkt vermitteln können (siehe Textbox unten).

Als Tausendsassa und begeisterter Freizeitsportler hat Rheinthal auch die Adventure-Sparte ins Leben gerufen. „Bei den Wochenenddiensten hatte ich das Bedürfnis, mit den Schülerinnen und Schülern hinauszugehen und aktiv etwas zu machen. Daraus ist dann die Sparte entstanden. Es wurden Mountainbikes angeschafft, und es finden Adventuretage auf dem Knivsberg statt. Schulleiter Jørn Warm war dafür sehr aufgeschlossen und hat das Projekt unterstützt. In meiner Zeit an der Nachschule habe ich für Ideen grundsätzlich ein offenes Ohr bei den Schulleitungen gehabt. So etwas motiviert ja“, sagt Thies anerkennend.

Lehrkraft mit Multifunktion

Wie seine langjährige Kollegin Ingrid Berndsen es als dienstälteste Lehrkraft in einem Interview ähnlich formulierte, findet Thies Rheinthal die Arbeit mit den Jugendlichen an der Einrichtung mit Internatsbetrieb spannend, weil sie so vielseitig und intensiv ist. 

Im Unterricht und außerhalb davon seien die Lehrkräfte eng an den Schülerinnen und Schülern dran. Lehrer, Pädagoge, Sozialarbeiter und ein Stück weit Kumpel – diese Mischung findet auch Rheinthal bei der Tätigkeit an der Tingleffer Nachschule reizvoll.

„Einen Beruf zu haben, der so viel Spaß macht, der dich so erfüllt und den du selbst mitgestalten kannst – das ist doch sensationell“, schwärmt Rheinthal von seiner Zeit an der Nachschule. 

Die Arbeit mit Jugendlichen ist für Thies Rheintal eine Passion.

Dennoch zieht er nun einen Schlussstrich. So schön und motivierend die Arbeit auch gewesen sei und noch immer ist, „sie hat Spuren hinterlassen. Ich habe körperliche Warnsignale vernommen, und es ist an der Zeit, andere Prioritäten zu setzen“, sagt der 63-Jährige. 

Einen Gang zurückschalten

Für den Hans Dampf in allen Nachschulgassen gibt es nur ein Entweder-oder. Kürzerzutreten und mit reduzierter Stundenzahl weiterzumachen, sei keine Option.

Er gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge, sagt Rheinthal etwas hin- und hergerissen. Er freue sich nun aber auf mehr Zeit für sich und die Familie. 

Einen Beruf zu haben, der so viel Spaß macht, der dich so erfüllt und den du selbst mitgestalten kannst – das ist doch sensationell.

Thies Rheinthal

„Ich bin vor Kurzem Opa geworden“, erzählt Thies, Vater zweier erwachsener Söhne. 

Wie die Eltern durch ihre Tätigkeit an der Nachschule wurden Lewe (31) und Oke (29) Teil der Minderheit. „Sie sind beide hier groß geworden, haben die Schule besucht und sind am DGN (Deutsches Gymnasium für Nordschleswig, red. Anm.) gewesen. Sie haben uns gesagt, dass sie nicht besser hätten aufwachsen können“, erzählt Thies Rheinthal, der gebürtig aus Karlsruhe stammt.

Auch er selbst bezeichnet das Leben in Tingleff und das Mitwirken in der deutschen Minderheit als einen Mehrwert. „Für mich war es eine Ehre, in der und für die Minderheit zu arbeiten.“

Vieles auf dem Plan

Nun wolle er so richtig herunterkommen und die freie Zeit des Ruhestandes für Familie, fürs Fahrradfahren, Laufen und andere sportliche Aktivitäten nutzen. 

„Vielleicht fange ich auch mit dem Singen an und schließe mich dem Chor der Musikvereinigung an“, ergänzt der Tingleffer, der musikalisch ebenfalls Vielseitigkeit erahnen lässt. Der 63-Jährige ist schon mal bei Heavy-Metal-Festivals anzutreffen und hat früher in einer Band gespielt.

„Es gibt an unserem Haus mit Baujahr 1913 zudem immer etwas zu tun. Die freie Zeit werde ich schon zu nutzen wissen. Ich freue mich auch darauf, morgens länger am Tisch zu sitzen, Zeitung zu lesen und in aller Ruhe Kaffee zu trinken“, sagt Rheinthal. 

Gebührend Abschied feiern

Seine Verabschiedung war ursprünglich zum Herbstmarkt geplant, musste aber verschoben werden. Tschüss wird nun voraussichtlich zur Weihnachtsfeier gesagt. Obwohl er nicht der Mann für einen großen Bahnhof ist, sei er dazu gern bereit, schließlich war die Nachschulzeit ein besonderer Teil seines Lebens.

„Wir wollen Thies natürlich gebührend verabschieden. Das geschieht intern. Wir sind ja eine große Familie“, so Schulleiter Jørn Warm auf Anfrage. 

„Wir werden ihn vermissen, denn Thies ist ein verantwortungsbewusster, vertrauenswürdiger und stets motivierter Kollege gewesen“, ergänzt Warm, der auch die geradlinige Art von Rheinthal als positives Merkmal hervorhebt. 

Wie Berufsberatung und gar Berufsvermittlung an der Nachschule gelingen kann und gelungen ist, kann Thies Rheinthal mit einem Beispiel belegen: „Vor Jahren hatte ich mal einen Schüler in der Holzwerkstatt, der viel Interesse und Talent zeigte. Ich habe viel mit ihm gearbeitet. Der junge Mann wurde Tischler, hat seinen Meister gemacht und hat mittlerweile eine eigene Tischlerei.“

„Später war bei uns ein ähnlich veranlagter Schüler. Er baute ganz tolle Möbel, und für ihn bot sich der Tischlerberuf ebenfalls an. Ich habe den Jungen an den ehemaligen Schüler mit Tischlerei für ein Praktikum vermittelt. Es lief gut, und der Jugendliche wurde schließlich als Lehrling übernommen.“

Den Tischlermeister hatte Thies Rheinthal für die interne Jobmesse an der Nachschule gewinnen können, um über sich und den Beruf zu erzählen. Den Kontakt zu dem Meister nutzte Rheinthal dann für die Vermittlung des jungen Tischleranwärters. „So schließt sich ein Kreis.“