Gastbeitrag vom DGN

„Kurzgeschichte „Die Routine“: Ein Abend, der aus dem Ruder läuft“

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Fünf Jugendliche haben bei der „Horror-Nacht“ am DGN eine der besten drei Geschichten verfasst.

In „Die Routine“ erzählen Lucia Bogovic, Neele Marie Lammerskitten und Gresa Bajgora von einem Familienabend, der mit vertrauten Handgriffen beginnt – und sich Schritt für Schritt in etwas Abgründiges verwandelt. Zwischen Küchenlicht, Kinderstimmen und Radiomeldungen öffnet sich ein Horror, der gerade deshalb wirkt, weil er so alltäglich erscheint.

Aus den zehn Einsendungen der diesjährigen Horrornacht am Deutschen Gymnasium Nordschleswig (DGN) wurde „Die Routine“ als einer der drei Gewinnertexte ausgewählt. 

Die Kurzgeschichte nutzt den vertrauten Rahmen eines ganz gewöhnlichen Küchenabends – und kippt ihn mit leisen Verschiebungen in eine verstörende Atmosphäre. Was als banales Schnitzelklopfen beginnt, wird zu einem unheimlichen Puzzle aus Gerüchen, Stimmen und Andeutungen. Die drei Autorinnen zeigen dabei eindrucksvoll, wie subtiler Horror funktioniert: unscheinbar, präzise und mit einer Pointe, die noch nachhallt.

„Die Routine“

von Lucia Bogovic, Neele Marie Lammerskitten und Gresa Bajgora

Dunkel war’s, der Mond schien helle, als der Hammer blitzeschnelle …
„Wann gibt es Essen, Papa?“, ertönt eine kleine Mädchenstimme. Ich denke, dass das Essen bald fertig sein muss, aber vielleicht wird es auch noch ein wenig dauern – das sage ich ihr. Ich mache heute das Lieblingsessen meiner Kinder. Sie freuen sich schon darauf. Mittlerweile habe ich schon so oft Schnitzel für sie gemacht, dass ich das Handwerk richtig draufhabe. Die Routine sitzt: erst das Fleisch zerklopfen, dann im Ei schwenken und Paniermehl drauf. Damit es in der Fritteuse richtig schön kross und durchgebacken wird, braucht man viel Kraft beim Schlagen.

Das Stück Schwein mit Wucht zertrümmert, während das Licht im Küchenfenster flimmert …
Draußen tobt der Wind, die Blätter werden vom Boden weggeweht. Jene Herbstnacht ist stürmisch. Der Wind ertönt wie ein menschlicher Schrei um Hilfe – kläglich und schrill. Inmitten der Dunkelheit sticht das Haus wie eine Fackel heraus und erleuchtet die Straße mit künstlichem Licht. Die Katze hat sich auch schon zur Ruh gelegt. Der Futternapf steht noch unberührt im Flur. Die Kinder haben nach ihren Spielereien nicht aufgeräumt, alle Spielzeuge liegen noch auf dem Boden.

Die Arbeit ist schwer, er sieht sie kaum mehr …
„Das riecht ja gut, Schatz“, höre ich hinter mir und will mich schon umdrehen, doch das Fleisch muss noch verarbeitet werden. Ich muss es schließlich fertig machen – für die Kinder und für sie. Langsam zieht auch mir der Geruch des Essens in die Nase. Vielleicht ist das Ei nicht mehr ganz gut – habe ich es zu lange draußen stehen lassen? Ich merke, wie er durch den Raum wabert, über den Tisch und zu den Kindern. Das Licht scheint gedimmt, wie Nebel in der Küche. Meine Arme sind schwer, schon seit langer Zeit. Früher als Schlachter, aber heute – heute nur für meine Kinder. Sie fragen schließlich immer, immer fragen sie: Wann gibt es Essen, Papa? Und ich mache Essen, mache, dass es gut riecht. Langsam, über lange Zeit, werden meine Atemzüge schwer, so, als würde ich etwas Solides einatmen.

Er deckt den Tisch voll Geschirr und Besteck, inmitten von Tellergewirr und Gedeck …
„Haben wir noch Ketchup im Kühlschrank?“, fragt die große Mädchenstimme hinter dem Tisch, schwebt von dort zu mir herüber. Ich will ihr antworten, will, dass sie weiß, dass der Ketchup schon auf dem Tisch steht. Die Schnitzel sind fertig geworden und die Stimmen meiner Mädchen rauschen zu mir her. Endlich drehe ich mich um – um zu meinem Tisch, zu dem ersten und zweiten und dritten und dreizehnten Lieblingsessen der Mädchen. Das Radio in der Ecke springt an. Der Sprecher hat eine tiefe Stimme und ich höre zu, gefesselt von der Geschichte: „Zwei Kinder werden vermisst.“ Ich gehe hinüber, schiebe die Schnitzel der letzten Wochen zur Seite, ihre Hand hält die Gabel noch. „Die Mutter wird ebenfalls vermisst“, ertönt die Stimme aus dem Lautsprecher. Ich stelle den Teller vor meine Tochter. Die Kinder haben das Essen nicht berührt.

Weitere Kurzgeschichten

„Der Nordschleswiger“ hat die drei besten Geschichten, die aus der DGN-„Horror Nacht“ hervorgegangen sind, veröffentlicht. Hier ist der Link zu den anderen beiden Kurzgeschichten: