Deutsche Minderheit

Ihr Großvater war NS-Parteiführer: „Wir haben kaum darüber gesprochen“

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Nach Jahren des Schweigens blickt Marianne Møller zurück auf ein dunkles Kapitel ihrer Familiengeschichte.

Über ihren Großvater hat Marianne Møller jahrelang kaum gesprochen, denn in ihrer Familie war der NS-Führer in Nordschleswig kein Thema. Jens Møller führte die NSDAP der deutschen Volksgruppe. 74 Jahre nach seinem Tod erzählt seine Enkelin, wie das Schweigen die Familie geprägt hat.

„Mein Vater Karsten hat nie viel von seinem Vater erzählt“, sagt Marianne Møller. Sie blättert in den Familienalben. Wir sitzen im Wintergarten ihres Sommeranwesens am Kleinen Belt. Die Sonne zeigt sich von der strahlendsten Seite. Es ist ein Kontrast zur Familiengeschichte, die viele Jahre ein Schattendasein fristete. 

Ihr Zweig der Familie habe viele Jahre mit einer Lücke in der Familienchronik gelebt, erzählt Marianne Møller. Jens Møller, ihr Großvater, war eine zentrale Figur der deutschen Volksgruppe in Nordschleswig – Parteiführer der NSDAP-N. 

Nach 1945 wurde er verurteilt und interniert. Der damalige König begnadigte Møller. Doch kurz darauf, 1951, starb er bei einem Verkehrsunfall, lange vor Mariannes Geburt. Dennoch scheint Jens Møller bis heute allgegenwärtig. Wie ihr Vater Karsten ist auch Marianne in die beruflichen Fußstapfen des Großvaters getreten und Tierärztin geworden.

Jens Møller und seine Frau Maria, Mimi. Die Enkelkinder nannten sie Amma.

„Wir haben alle nur geheult“

Diesen Brief schrieb Jens Møller seinem jüngsten Sohn Karsten aus dem Gefängnis.

Den ersten Moment einer Annäherung erlebt Marianne Møller als Jugendliche. Zur Konfirmation ihres Bruders holt ihr Vater Karsten einen alten Brief hervor. Geschrieben hat ihn der Großvater an seinen jüngsten Sohn, 1946 aus dem Arrest. Jens Møller beschreibt darin, wie er in einem Gefängnistransporter am Haus vorbeifährt, seinen Sohn auf der Straße sieht – und ihn nicht grüßen darf. 

„Mein Vater hat uns den Brief laut vorgelesen. Wir haben alle nur geheult“, erinnert sich Marianne Møller.

Das Erinnern beginnt spät

Marianne Møller befasst sich erst spät mit der Familiengeschichte – im Unterschied zu ihrer Cousine Karin. Für Marianne war das europäische Projekt der Geschichtsaufarbeitung „De Fremmede“ (Die Fremden) der Anlass, sich zu vertiefen.

Erst viel später beginnt sie, Fragen zu stellen. „Meinen Vater habe ich nie gefragt – und als ich es gekonnt hätte, war er schon zu krank.“ Alzheimer. Ihre Großmutter, Mimi, mit der sie als Teenager eng verbunden ist, spricht kaum über die Zeit der deutschen Besatzung im Hause Møller. „Nur Alltägliches. Wer damals zum Kaffee kam und so.“

Der andere Zweig der Familie Møller beschäftigt sich früh mit der Familiengeschichte. 

„Mein Onkel Uwe hat den Nachlass unseres Großvaters gesammelt. Zahlreiche Briefe und Fotos sind inzwischen im Deutschen Museum in Sonderburg. Meine Cousine Karin hat immer darüber gesprochen, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. Ich habe kaum etwas gewusst.“

Die Fremden

Marianne Møller erzählt von ihrem ganz persönlichen Eintauchen in die Familiengeschichte.

Den Anstoß, öffentlich über ihre Geschichte zu reden, gibt ein Kollege. Er fragt Marianne Møller, ob sie an dem europäischen Erinnerungsprojekt „Die Fremden“ teilnehmen wolle. „Erst dachte ich: Was habe ich schon zu sagen?“ Dann aber erzählt sie doch – über ihre Familie, das Schweigen, die Fragen, die bis heute offen sind.

Als sie im Mai bei einem Vortragsabend erstmals über ihren Großvater spricht, kommen mehr als 60 Menschen. Viele davon kennen die Familie, wenn nicht persönlich, dann aus den Geschichtsbüchern. Manche erzählen nach der Veranstaltung ihre eigene Geschichte – zum ersten Mal. „Ein Besucher sagt nach der Veranstaltung: ‚Wir haben auch geschwiegen. Erst mit 72 habe ich angefangen, darüber zu schreiben.“

Ein Großvater mit Widersprüchen

Auf diesem Konfirmationsfoto ist Mariannes Vater Karsten zu sehen, umgeben von seiner Mutter und Pastor Schmidt-Wodder. 1938 hatte Jens Møller den Pastor als führenden Repräsentanten der deutschen Volksgruppe abgelöst.

Heute weiß Marianne Møller: Die Geschichte ihres Großvaters ist nicht schwarz-weiß. Ja, er war überzeugter Nationalsozialist. Ja, er trug Verantwortung. Aber: „In den 1940ern hat er offenbar gemerkt, dass es so nicht weitergeht.“ 

In Briefen und späteren Aussagen habe er sich bei Hitlers Machthabern in Dänemark dafür eingesetzt, Männer der deutschen Volksgruppe und andere vor einem Fronteinsatz zu bewahren – auch aus Sorge, dass sonst „nichts mehr von der Minderheit übrigbleibt“. 

Späte Einsicht? 

„Ich weiß es nicht“, sagt Marianne Møller. Sie sucht nicht nach Entschuldigungen, sondern das Gespräch. Sie hat Fragen – und den Wunsch, dass sich Betroffene endlich trauen, darüber zu sprechen.

Die Wende

Dieses Familienalbum hat Mimi Møller für ihren Sohn angelegt, um die Erinnerung an den Vater wachzuhalten.

Dass ausgerechnet sie später den Vorsitz der nordschleswigschen Tierärztevereinigung, „Sønderjysk Dyrlægeforening“ von 1920, übernimmt, jenem Verband, der ihren Großvater nach Kriegsende ausgeschlossen hatte, nennt sie eine „bemerkenswerte Wendung der Geschichte“.

Heute ist die Enkelin überzeugt: „Das Schweigen hat die Familie geprägt. Mein Vater hat das alles heruntergeschluckt – und immer nur gearbeitet.“ 

Lasst uns darüber reden!

Heute ist Marianne Møller in der Lage, öffentlich über ihren Großvater zu sprechen.

„Lange hatte ich das Gefühl, zu wenig zu wissen, um über dieses Kapitel unserer Familiengeschichte zu reden“, sagt Marianne Møller. Heute ist klar: Das Wissen war nie das Problem. Sondern das Schweigen. Auch deshalb spricht sie offen darüber. Damit andere es auch tun.

 

Vortrag in der Deutschen Bücherei Hadersleben

„Man hat uns wenig erzählt: Schweigen in den Familien nach 1945 – lasst uns darüber reden!“

Unter diesem Titel lädt die Deutsche Bücherei Hadersleben am 13. November ab 19 Uhr zu einem Gesprächsabend mit Marianne Møller aus Hadersleben ein. Im Mittelpunkt steht ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte ihres Großvaters Jens Møller, des früheren Leiters der NSDAP Nordschleswig. Seine Enkelin spricht über familiäres Schweigen, Verdrängung – und darüber, wie wichtig es ist, heute miteinander ins Gespräch zu kommen. Der Eintritt ist frei.