Minderheitenforschung

Dänische Mehrheit und deutsche Minderheit: Das gute Verhältnis soll auf den Prüfstand

Mehrheit-Minderheit: Verhältnis kommt auf den Prüfsstand

Mehrheit-Minderheit: Verhältnis kommt auf den Prüfsstand

Flensburg
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Martin Klatt fragt sich, ob das gute Verhältnis zwischen deutscher Minderheit und dänischer Mehrheit eine Erzählung der Politik ist. Foto: Karin Riggelsen

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Immer wieder lobt die Politik das gute Verhältnis von Minderheit zu Mehrheit – und umgekehrt. Minderheitenforscher Martin Klatt will herausfinden, ob das wirklich so ist. Ein Gespräch über Zukunft und Identität der deutschen Minderheit.

Professor Martin Klatt arbeitet am Europäischen Zentrum für Minderheitenfragen (ECMI) in Flensburg und an der Syddansk Universitet. Im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“ spricht er über das Verhältnis von Mehrheit zu Minderheit und den Wandel der Identität.

Artikelserie zur Identität der Minderheit

Die Delegiertenversammlung ist das höchste Organ des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) und entscheidet die wichtigsten Fragen, mit denen sich der BDN befasst. Diese Fragen stellen sich immer wieder neu, denn die Minderheit von heute ist nicht die von gestern, die von morgen wird wiederum anders aussehen. Als Auftakt zur Delegiertenversammlung, die in diesem Jahr am 1. Juni stattfindet, befasst sich „Der Nordschleswiger“ in einer Reihe von Artikeln mit dem Thema Identität. Wir stellen unter anderem die Frage, was es heißt, Minderheit zu sein.

Alle veröffentlichten Artikel aus der Serie:

Minderheit: Stetige Gratwanderung zwischen Integration und Assimilation

Ehemalige Zugezogene erzählen: Die Minderheit verändert sich

Dänische Mehrheit und deutsche Minderheit: Das gute Verhältnis soll auf den Prüfstand

Deutsche Minderheit: Zugezogene im Fokus der Wissenschaft

Welche Anforderungen Institutionen der Minderheit in Nord- und Südschleswig an neue Mitglieder stellen

Zugezogene als Bereicherung und Herausforderung für die Minderheit

Herr Professor Klatt, wohin entwickelt sich die deutsche Minderheit?

„In den vergangenen Jahren hat sich das Verhältnis Minderheit/Mehrheit in Nordschleswig geändert. Junge Leute aus der deutschen Minderheit wollen sich nicht mehr abgrenzen zur dänischen Mehrheitsbevölkerung. Ein Wir und Die wird ersetzt durch ein Plus. Die Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit wird als ein Mehrwert angesehen.

Dabei scheint vor allem der Blick der dänischen Mehrheitsbevölkerung auf die deutsche Minderheit entspannter. Das Misstrauen gegenüber der deutschen Minderheit ist augenscheinlich zurückgegangen. Ich erinnere an die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen, die sich in ihrer Ansprache in Düppel direkt an die deutsche Minderheit gewandt hatte (Anm. d. Red.: „Auch ihr gehört zu Dänemark“, sagte sie auf Deutsch anlässlich der Feierlichkeiten zu 100 Jahren Grenzziehung in Düppel im Jahr 2020).

Die Frage aber ist: Ist das Verhältnis wirklich besser geworden, oder ist das nur eine Erzählung der Politik? Was denken die Menschen wirklich? Ich möchte daran erinnern, dass die Dänische Volkspartei in Nordschleswig vor der jüngsten Folketingswahl durchaus stark war. Also: Sind die Menschen im Landesteil wirklich so proeuropäisch und pro Minderheit? Meine Kollegin Ruth Kircher will der Frage nachgehen und Menschen aus der Mehrheits- und Minderheitsbevölkerung regelmäßig interviewen. Wie sieht sich die Minderheit selbst, und wie schaut die Mehrheit auf die Minderheit? Darum soll es in ihrem Projekt gehen.“

Lässt sich die Entwicklung der vergangenen Jahre an einem Beispiel festmachen?

„Die deutsche und die dänische Minderheit nähern sich an, das war vor 15 bis 20 Jahren nicht so. Jahrzehntelang stand man sich gegenüber. Die Parteien der Minderheiten, SSW als politischer Arm der dänischen Minderheit und die SP nördlich der Grenze (Südschleswigscher Wählerverband und Schleswigsche Partei, Anm. d. Red.), zeigen das sehr gut. Sie arbeiten mittlerweile zusammen, was früher nicht der Fall war. Ein Impuls zur Zusammenarbeit war sicher die Einführung der Grenzkontrollen 2016. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Das versuchen die großen Parteien mit ihrem jeweiligen Pendant auf der anderen Seite auch, aber das klappt nicht so gut wie bei den beiden Minderheitenparteien.

Professor Martin Klatt forscht zu MInderheitenfragen am ECMI und an der Syddansk Universitet Foto: Karin Riggelsen

Undenkbar war in der Vergangenheit auch ein Wechsel von Lehrerinnen und Lehrern vom Deutschen Schul- und Sprachverein zum Dansk Skoleforening oder umgekehrt. Oder ein Schulwechsel – etwa von der Duborg Skole in Flensburg zum Deutschen Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade. Solch ein Minderheitenwechsel ist neu. Aber meine Idee, dass es in Zukunft vielleicht keine zwei Minderheiten mehr geben werde, sondern nur eine, dass es nur noch Schleswiger geben könnte, fand auf der Sankelmark-Tagung keinen Anklang. Da hieß es, das wolle man nicht.“

Wird es weiterhin Minderheiten im Grenzland geben?

„Solange es Minderheiteninstitutionen gibt, wird es Minderheiten geben, weil alle ein Interesse daran haben, dass es weitergeht. Im 19. und auch noch weit ins 20. Jahrhundert hinein ging es um Abgrenzung. Die Angst bestand, dass ohne diese Abgrenzung die Identität verloren geht. Ohne Konflikt also keine Minderheit. Heute versteht niemand mehr Minderheit wie im 19. und 20. Jahrhundert. Und selbst damals spielte die Abgrenzung, der Konflikt, auch nicht immer und überall eine Rolle. Mal war die jeweilige Zugehörigkeit von Bedeutung, mal nicht.“

Wie entwickelt sich die deutsche Minderheit im Vergleich zu anderen Minderheiten in Europa?

„Da gibt es keinen Unterschied zu anderen Minderheiten. Überall dort, wo Minderheiten in der Peripherie leben, verlassen junge Leute aus der Minderheit die Region, um in die Großstädte zu ziehen. Die Migration trifft alle. Zusammen mit Johann Hörkner (wissenschaftlicher Mitarbeiter am ECMI) habe ich vor, herauszufinden, wie viele junge Leute aus der deutschen Minderheit Nordschleswig verlassen und wie viele wieder zurückkommen – und warum sie das tun. Und ob diejenigen, die Nordschleswig verlassen haben, noch einen Bezug zur Minderheit haben. Johann wird im kommenden Jahr auch der Frage nachgehen, ob und wie die vielen Zugezogenen aus Deutschland die deutsche Minderheit beeinflussen.“

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