Deutsche Minderheit

Familienberaterin: Jeder sollte der Kapitän seines Lebens sein

Familienberaterin: Jeder sollte der Kapitän seines Lebens sein

Familienberaterin: Jeder sollte Kapitän seines Lebens sein

Mögeltondern/Møgeltønder
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Linda Søndergaard-Knudsen ist die neue Familiienberaterin für die Bereiche Tondern, Seth, Jeising und Abel. Foto: Brigitta Lassen

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Linda Søndergaard-Knudsen ist die neue Mitarbeiterin des Sozialdienstes Nordschleswig in Tondern. Seit ihrem Arbeitsbeginn am 1. November gibt es viele Anfragen von Zugezogenen aus Deutschland.

Linda Søndergaard-Knudsen aus Mögeltondern ist seit 1. November die neue Familienberaterin des Sozialdienstes Nordschleswig in den Bereichen Tondern (Tønder), Jeising (Jejsing), Seth (Sæd) und Abel (Abild). Die gebürtige Hoyeranerin wechselte nach 16 Jahren von ihrem Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst zur deutschen Minderheit.

Ihr Telefon steht seit Arbeitsbeginn nicht still. Auch mit vielen Fragen und Problemen von aus Deutschland nach Dänemark umgezogenen Menschen hat sie sich zu befassen. Dass die Uhren in Dänemark anders ticken als im südlichen Nachbarland, sei offensichtlich nicht allen vor dem Umzug klar gewesen.

Was erwartet mich in Dänemark?

„Sie sind nach Dänemark gekommen und meinen, alles ist gut. Das ist es aber nicht. Was ist, wenn ich einen Arbeitsunfall habe oder wenn ich meine Arbeit verliere?  Oder wenn jemand in Deutschland eine hohe Pflegestufe hatte und nach dem Umzug nach Dänemark den entsprechenden Standard erwartet? So läuft es aber nicht, da in Dänemark nach einem anderen System verfahren wird", weiß die neue Mitarbeiterin des Sozialdienstes.

Oder ob man Anspruch auf Rente hat, wenn man nie in Dänemark gearbeitet hat und erst nach der Pensionierung umgezogen ist, ist eine oft gestellte Frage. „Einen Anspruch hat man nicht“, berichtet Linda Søndergaard-Knudsen, „und wenn, dann erst nach vielen Jahren. Hat man hier gearbeitet, sind es nicht so viele Jahre.“

In ihrem Schlafzimmer hat sie sich ein kleines Büro eingerichtet. Foto: Brigitta Lassen

Sie könne gute Beratung in diesen Fragen geben, denn sie kenne die dänische Gesetzgebung dank ihrer früheren Arbeit im kommunalen Jobcenter in Tondern. Anders sieht es aus mit den Regeln in Deutschland. Meine Kollegin Ilka Jankewicz und ich haben die Idee, dass wir mit der zuständigen Instanz in Niebüll eine Zusammenarbeit aufbauen, damit wir unsere Mitglieder besser beraten können.“

 

Man sollte sich besser informieren

Daher gibt Linda Søndergaard-Knudsen den Menschen aus Deutschland, die planen, nach Dänemark zu ziehen, den guten Rat, sich vor dem Umzug über die dänischen Verhältnisse besser zu informieren, um böse Überraschungen zu vermeiden. Denn so ganz ohne sei ein Umzug in ein anderes Land nicht, sagt sie.

 Die ausgebildete Sozialberaterin, die nebenbei auch die Ausbildung als Psychotherapeutin macht, nahm sich aufgrund ihrer guten Sprachkenntnisse der deutschen Zugezogenen im kommunalen Jobcenter an. Dort arbeitete sie in den Abteilungen Sozialhilfe und Krankengeld.

Informationen über Linda Søndergaard-Knudsen

  • Die neue Familienberaterin stammt aus Hoyer. 
  • Die 40-Jährige wollte nach dem Schulabschluss zunächst eine Ausbildung zur Verkäuferin machen, kündigte aber und wurde Sozialberaterin.
  • Nach der Heirat mit ihrem deutschen Mann lebte sie 18 Jahre in Neukirchen. Dort kamen auch die drei Kinder zur Welt.
  • 16 Jahre war sie bei der Kommune Tondern beschäftigt. 10 Jahre arbeitete sie mit der Auszahlung von Krankengeld, 6 Jahre im Jobcenter mit Arbeitslosen. Sie nahm sich aufgrund ihrer guten Sprachkenntnisse auch den deutschen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern an.
  • Seit der Trennung von ihrem Mann lebt sie seit dem 1. März mit ihren Kindern in Mögeltondern.
  • Seit 1. November ist sie die neue Familienberaterin für die Bereiche Tondern, Jeising, Seth und Abel.

„Nach 16 Jahren wollte ich etwas Neues ausprobieren und weg vom Schubladendenken kommen. Weg vom zeitraubenden, gesetzlich vorgeschriebenen Dokumentieren und hin zu einem freieren Arbeiten“, verrät sie. Sie freut sich, dank ihrer neuen Arbeit auch wieder mehr Deutsch sprechen zu können. Sie liebe es, Deutsch zu reden. 

 

18 Jahre in Neukirchen

Das habe sie auch 18 Jahre in Neukirchen getan, als sie ihren deutschen Mann heiratete. Dort wurde die Familie aufgrund der Kinder Teil der dänischen Minderheit. Seit März lebt sie mit ihren drei Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren und dem Familienhund Balou in Mögeltondern.

Für Schmuseeinheiten für Baloo muss Zeit sein. Foto: Brigitta Lassen

Nun ginge es darum, die Struktur der deutschen Minderheit kennenzulernen. Eine gute Lehrmeisterin habe sie unter anderem in Ilka Jankiewicz gefunden.

Seit ihrem Dienstantritt Anfang des Monats hat ihr Diensttelefon schon oft geklingelt. „Dabei hatte ich gedacht, dass ich mich erst im Mitgliederkreis vorstellen und dazu auffordern müsse, meine Dienste in Anspruch zu nehmen“, so die neue Familienberaterin, die schon jetzt einen vollen Terminkalender hat.

Mit ihren Kindern und dem Familienhund Baloo lebt Linda Søndergaard-Knudsen seit dem Frühjahr in Mögeltondern. Foto: Brigitta Lassen

Sie weiß, dass so einiges auf sie zukommt, denn das Spektrum der zu Betreuenden ist breit, angefangen von Kindern und Familien bis zu älteren und alten Mitmenschen.

 

Ein schwerer Balanceakt

„Viele Ältere sind einsam, da ihre Kinder weit entfernt von Nordschleswig leben oder kaum oder gar keine Familie haben. Die Einsamkeit nimmt zu. Ich möchte ihnen gerne zuhören, kann dies aber nicht stundenlang tun. Es ist ein schwerer Balanceakt, wenn ältere, einsame Menschen anrufen. Aber es gibt so viele Angebote für die Älteren. Oder man kann eine Besuchsfreundin oder einen Besuchsfreund finden oder in ein Tageszentrum im Pflegeheim gehen“.

Mehr über die Arbeit des Sozialdienstes und seine Angebote findet man hier

Doch auch vom Gegenteil kann sie berichten. „Ich habe ein Gespräch mit einer 94-jährigen Frau geführt, die unglaublich viel und interessant aus ihrem Leben erzählen konnte. Es war spannend. Ich hätte der Frau, die flink auf ihrem iPad herumtippt, stundenlang zuhören können. Aber das geht ja nicht. Aber sie war eine bemerkenswerte Frau.“

 

Hausschuhe führten zum Abbruch der Lehre

Dass Søndergaard-Knudsen Sozialberaterin wurde, lag zunächst nicht in den Karten. Dabei hatte sie als junge Frau eigentlich einen anderen Berufswunsch, obwohl sie zunächst gar nicht wusste, was sie werden wollte, erzählt sie. Sie entschied sich letztlich, eine Ausbildung zur Verkäuferin in einem Schuhgeschäft in Tondern machen, brach ihre Lehre aber nach einem einschneidenden Erlebnis ab.

„Ich habe einen alten Mann bedient, der Hausschuhe für seine schwerkranke Frau suchte, deren Tod nahe bevorstand. Sie konnte nicht mehr gehen. Ich rannte schnell ins Lager und holte ihm kuschelige Schuhe, die nur 30 Kronen kosteten. Die würden die Füße der Frau schön warmhalten. Der Mann nahm diese dankend mit nach Hause. Dabei hätte ich ihm auch teure Hausschuhe einer bekannten Marke anpreisen können.“

Vier Tage später kam der alte Herr erneut in den Laden und bedankte sich für ihre Hilfe. Seine Frau war einen Tag nach dem ersten Ladenbesuch verstorben. Sie erzählte ihrem Chef von diesem Erlebnis. Er fand es aber nicht so witzig. Ich sei angestellt, um Schuhe zu verkaufen. Sie hätte dem Kunden auch Hausschuhe für 700 Kronen verkaufen können. Ich schaute ungläubig und kündigte sofort,“ erzählt Linda Søndergaard-Knudsen, die daraufhin beschloss, ihre kaum angefangene Laufbahn als Verkäuferin aufzugeben, um Sozialberaterin zu werden.

 

Es hilft nicht, jemand anderen ans Ruder zu lassen und sich selbst in die Rolle des Passagiers zu begeben.

Linda Søndergaard-Knudsen

Für jeden Menschen gilt für sie das Lebensmotto: „Jeder muss der Kapitän des eigenen Lebens sein und bleiben, auch bei hohem Wellengang. Es hilft nicht, jemand anderen ans Ruder zu lassen und sich selbst in die Rolle des Passagiers zu begeben. Wer Hilfe benötigt und erwartet, muss auch die Zusammenarbeit wollen. Wir können den Hilfesuchenden viel vorschlagen. Wenn sie aber nicht wollen, dann ist es für uns unmöglich zu helfen. Sie müssen in einigen Fällen auch zur Erkenntnis kommen: So sind die Verhältnisse hier. Das muss man akzeptieren. Ich kann nichts daran ändern, aber man muss das Beste draus machen.“

 

Vorkenntnisse zur deutschen Minderheit

In Berührung kam die 40-Jährige aus dänischem Haus schon als Kind mit der Volksgruppe. „Ich hatte in Hoyer Freundinnen, die in der Minderheit aufgewachsen sind. Mir war es egal, ob man Deutsch oder Dänisch war, obwohl es in meiner Kindheit schon eine Trennung beider Bevölkerungsgruppen gab“, erzählt die Tochter von Fahrlehrer Søndergaard, dessen Vater wiederum auch schon diesen Beruf ausübte. Daher wussten die Menschen sofort, ihre familiäre Zugehörigkeit einzuordnen. Jetzt können die Mitglieder die Tochter des Fahrlehrers aus Hoyer kennenlernen.

Mehr über die Arbeit des Sozialdienstes und seine Angebote findet man auf www.sozialdienst.dk.

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