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„Krieg in der Ukraine: Im Visier der Angreifer sind auch Minderheiten“

Krieg in der Ukraine: Im Visier der Angreifer sind auch Minderheiten

Ukraine: Im Visier der Angreifer sind auch Minderheiten

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Apenrade/Aabenraa
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Die russische Armee geht gezielt gegen Angehörige der Minderheiten in der Ukraine vor. Geschichte und Gegenwart der Ukraine müssen auch aus der Perspektive der ethnischen Gruppen des Landes erzählt werden.

Der verbrecherische Angriffskrieg Russlands ist kein „Minderheitenkonflikt“, wie leider immer wieder zu lesen ist. Es geht nicht um die Unterdrückung einer russischen Bevölkerungsminderheit durch nationalistische Ukrainer. Die Ukraine ist ein multiethnisches Land, deren Minderheiten und Bevölkerungsgruppen alle unter dem verbrecherischen Krieg leiden.

Geschichte und Gegenwart der Ukraine müssen auch aus der Perspektive der ethnischen Gruppen des Landes erzählt werden. Es sind die verschiedenen Lebenswirklichkeiten und Geschichte(n) der Juden, Polen, Russen, Deutschen, Ungarn, Griechen, Armenier, Bulgaren und Rumänen. Bereits im Mittelalter zogen handeltreibende Diasporagruppen wie Juden, Karäer, Armenier, Deutsche, Griechen und Roma in das Gebiet und wurden sesshaft.

Wegen der Zugehörigkeit der Ukraine zu Polen-Litauen und Russland kamen größere Gruppen von Polen, Russen und Juden ins Land und seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zusätzlich deutsche, südslawische, griechische, rumänische und tschechische Kolonisten. Diese Vielfalt wurde durch den Rassenwahn und Völkermord der Deutschen im Zweiten Weltkrieg sowie durch Stalins Terrorregime beinah ausgelöscht, aber nur beinah – sie existiert noch immer, die Vielfalt. Das gilt auch für die religiöse Vielfalt. In der Ukraine leben unterschiedliche Glaubensgemeinschaften, Orthodoxe, Katholiken, Griechisch-Katholiken, Altgläubige, Gregorianer und Unierte (Armenier), Juden, Karaim, Muslime, Mennoniten, Baptisten und andere.

Das European Centre for Minority Issues (ECMI) in Flensburg dokumentiert aktuell in einer Serie von Reporten die Lage der Minderheiten in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine. Autorin Kateryna Haertel (Mitarbeiterin der OSZE) und Autor Mykhailo Drapak von der Yuriy Fedkovych Czernowitz National University listen detailliert in ihren jüngsten Recherchen die düstere Situation auf.

Der Krieg ist für viele Ukrainer nicht erst seit dem 24. Februar 2022 eine Tragödie. Bereits seit der Besetzung der Krim 2014 verfolgen die russischen Behörden die Angehörigen der Krim-Tataren. Mit ihrem Eroberungskrieg verschärfen die Besatzungsbehörden die Repression gegen die Krim-Tataren in der gesamten Ukraine.

Derzeit setzt die russische Armee ihre gesamte Feuerkraft ein, um den Donbas unter ihre Herrschaft zu bringen. Seit 2014 ist der Oblast Donezk unter „pro-russischer“ Kontrolle, dort lebt die Mehrzahl der griechischen Minderheit (Asow-Griechen) und ist auch Heimat von Armeniern, Roma und Krimtataren. Einige der Asow-Griechen – Rumei und Urum – wurden vertrieben.

Die Angehörigen der verschiedenen nationalen Minderheiten wurden wie ihre ukrainischen Landsleute in „Filtrationslagern“ schikaniert. Betroffen waren davon mehr als 1,2 Millionen Menschen. Tausende Menschen deportierte die russische Armee nach Russland und verstreute sie über das Land, wie verschiedene Medien berichteten. Kaum Informationen gibt es über die Lage der Roma im Oblast Luhansk, das auch seit 2014 russisch besetzt ist.

Die Krim-Beauftragte des ukrainischen Präsidenten, Tamila Tasheva, bestätigte den ECMI-Rechercheuren, dass die russische Besatzungsmacht Krimtataren jagt. Auch laut dem krimtatarischen Info-Zentrum suchten Soldaten jedes Haus und jede Wohnung nach Krimtataren ab.

In den südlichen Bezirken des Oblasts Saporischschja lebten neben den bulgarischen, griechischen und albanischen Minderheiten auch eine beträchtliche Anzahl der jüdischen Karäer und Krimtataren. Sie gelten in der Ukraine als indigene Völker. Ihre Vertreter wurden – wie auch Funktionäre der Mehrheitsbevölkerung – von den Sicherheitskräften festgenommen.

Die russischen Besatzer machten Jagd auf Schulleiter, Museumsdirektoren und Journalisten. Damit setzten sie die verschiedenen sozialen Institutionen unter Druck. Den Schulen wurde angeordnet, nach dem russischen Lehrplan zu unterrichten.

Heftige Kritik an der Besatzung übte Olena Arabadzhi, Karäerin und Direktorin des Zentrums für das Studium des nationalen und kulturellen Erbes der Asowschen Völker. Sie wandte sich deshalb hilfesuchend an das Ständige UN-Forum für indigene Völker. Arabadzhi lebte vor der russischen Aggression in der inzwischen russisch besetzten Stadt Melitopol. Für die Karäer ist die Krim ihre historische Heimat. Viele verließen bereits 2014 nach der Annektion ihre Heimat.

Die im westlichen Landesteil lebenden Minderheiten, Rumänen und Ungarn, zeigten große Solidarität mit den aus dem Osten geflohenen Menschen. Obwohl sich die Minderheiten bisher mit Kritik an der Nationalitätenpolitik der ukrainischen Regierung nicht zurückhielten, stellen sie sich konsequent hinter den ukrainischen Staat.

Die Organisationen der rumänischen und der ungarischen Minderheit organisierten für die Flüchtlinge aus der Ost-Ukraine und in der Frühphase des Krieges aus der Hauptstadt Hilfe vor Ort und organisierten in Ungarn und Rumänien humanitäre Unterstützung. Für Mykhailo Drapak vom ECMI ist der Krieg ein Lackmustest für die ukrainische Minderheitenpolitik. Der Krieg schweißt die Ukraine und ihre Bevölkerungsgruppen und Minderheiten zusammen.

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