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La Bressola: So lernen die Kinder in Frankreich Katalanisch

La Bressola: So lernen die Kinder in Frankreich Katalanisch

La Bressola: So lernen die Kinder in Frankreich Katalanisch

Clara Ardévol Mallol/Vila Web
Prada
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Die Lehrkräfte spielen mit den Kindern auf dem Pausenhof. Foto: Albert Salamé

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Die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Prada in Nordkatalonien sprechen nur noch wenig Katalanisch untereinander. Damit eine neue Generation sich wieder an die Sprache gewöhnt, gibt es eine Schule, in der nur Katalanisch gesprochen wird. Clara Ardévol Mallol, Redakteurin des Narichtenportals „VilaWeb“, hat sich auf dem Schulhof umgehört.

Ein paar Mädchen springen Seil. Kinder spielen und rennen umher. Es ist laut. Auf den ersten Blick ist es ein Schulhof wie jeder andere, aber wer genau hinhört, merkt, dass dort etwas Besonderes vor sich geht.

Der Schulhof von La Bressola befindet sich in einer Gemeinde in Frankreich mit etwa 6.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, in der Katalanisch nur wenig verwendet wird. Aber auf dem Hof von La Bressola ist es praktisch die einzige Sprache, die gesprochen wird. Einige Kinder sagen einige Wörter auf Französisch, insbesondere die Kleineren, aber durch den Einfluss der Älteren beim Spielen kehren sie schnell wieder zum Katalanischen zurück.
 

 

Auch die Lehrkräfte spielen mit

Auf dem Schulhof, besonders in den ersten Minuten, kümmern sich die Lehrkräfte darum, die meisten Spiele zu beginnen. Eine Lehrerin hat das Springseil genommen und angefangen zu singen. In der Sandkiste sitzt eine andere Lehrerin mit Kindern unterschiedlichen Alters. Sie sagt Wörter auf Katalanisch, bevor die Kinder sie aussprechen: „Sand“, „Schaufel“, „Eimer“. Und sie wiederholt alles, was ein Kind auf Französisch sagt, auf Katalanisch. „Es gibt viele Spiele und Wörter, die sie auf Französisch kennen. Wenn es keinen Erwachsenen gibt, der Wörter vorgibt, würden sie die Sprache wechseln“, erklärt die Schulleiterin Martina Montagne Sansa.

 

La Bressola (deutsch: „die Wiege“) ist ein 1976 gegründeter katalanischer Kulturverein im zu Frankreich gehörenden Nordkatalonien, welcher ein Netzwerk katalanischsprachiger Schulen betreibt. Ziel sind der Erhalt und die Verbreitung der katalanischen Sprache in Nordkatalonien.

VilaWeb ist ein Nachrichtenportal mit täglicher Berichterstattung in katalanischer Sprache, das die Journalisten Vicent Partal und Assumpció Maresma im Mai 1995 gegründet haben. Es war das erste vollständig auf Katalanisch produzierte Online-Medium.

www.vilaweb.cat

„Die Lehrkräfte erweitern den Wortschatz auf Katalanisch, bevor das Kind ein Wort auf Französisch sagt oder sogar bevor es das Wort auf Französisch kennt“, führt sie weiter aus. „Solange wir die Sprache nicht überall hören, laufen wir auf Hochtouren. Du könntest mit Kaffee auf dem Hof sitzen und nur aufpassen, aber du kannst den älteren Kindern nicht sagen, dass sie die Sprache sprechen sollen, wenn du es selbst nicht tust“, sagt die Direktorin.

Die Kleinen lernen von den Großen

Auf dem Schulhof spielt die neunjährige Lilou mit einem sechsjährigen Jungen und einem dreijährigen Mädchen. „Ich mag es, mit den Kleinen zu spielen“, erklärt sie. Dies ist ein weiteres besonderes Merkmal: die Natürlichkeit, mit der Kinder unterschiedlichen Alters miteinander interagieren.

Die Schule von Prada empfängt Schülerinnen und Schüler im Alter von zwei bis elf Jahren. Die Klassen sind nach Zyklen organisiert, die jeweils Kinder von drei verschiedenen Altersgruppen umfassen. Der Schlüssel dieser Praxis ist erneut die Sprache. Neben den Lehrkräften haben auch die älteren Schülerinnen und Schüler die Aufgabe, den Kleinen Katalanisch beizubringen.
 

Die Älteren helfen den Jüngeren in der Kantine beim Essen und bei der Sprache. Foto: Albert Salamé

An der Schule werden Sprachpaare gebildet, wobei ein älteres Kind „Pate“ eines kleinen ist. Im September, wenn viele Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer Ferienzeit auf Französisch etwas eingerostetes Katalanisch haben, beginnen die Älteren ein paar Tage zuvor und bereiten die Ankunft der Neuen vor.

Auch in der Kantine, in der die Kinder gemeinsam mit den Lehrkräften essen, wird besonders auf die Sprache geachtet. „Wasser heißt aigua. Glas heißt got. Haar heißt cabell ...“, wiederholt Gemma für Lina.

Eine Sprache des Alltages, nicht des Zwangs

In Nordkatalonien wurde das Katalanische früher aus den Schulen verbannt und mit Schildern „Bleibt sauber, sprecht Französisch“ bekämpft. Mit dieser noch offenen Wunde ist es klar, dass Zwang niemals der richtige Weg ist. „Wir arbeiten nicht mit Unterdrückung, sondern mit Begleitung. Wir sagen ihnen nicht ,Sprecht kein Französisch', sondern ,Kennt ihr dieses Wort nicht auf Katalanisch? Lasst uns es zusammen heraussuchen'“, erklärt Schulleiterin Martina Montagne Sansa.

Im Unterricht sollen die Schülerinnen und Schüler ihre Fragen möglichst auf Katalanisch und nicht auf Französisch stellen. Foto: Albert Salamé

Das Ziel ist es, eine Sprache für den Alltag zu schaffen, nicht nur eine Sprache des Klassenzimmers. „Wir geben ihnen eine Sprache zurück, die ihre ist, aber die sie noch nicht sprechen“, sagt die pädagogische Leiterin Olatz de Bilbao. „Es gibt Kinder, die sagen, dass sie zwei Muttersprachen haben, die Sprache zu Hause und die in der Schule.“ Tatsächlich ist dies in einem Kontext, in dem Französisch allgegenwärtig ist, besonders wichtig. „Hier erleben wir allerdings auch nicht die Politisierung wie im Süden Kataloniens“, sagt die pädagogische Leiterin.

Die Sprache der Großeltern zurückbringen

La Bressola wäre gerne eine öffentliche Schule, aber das war bisher nicht möglich. Die Sprachpolitik des französischen Staates hat bisher kein umfassendes öffentliches Modell auf Katalanisch in allen Altersgruppen ermöglicht. Deshalb zahlen bei La Bressola die Eltern ihrem Einkommen entsprechend, was zu Diversität führt.

Es sind nicht nur katalanischsprachige Familien, die möchten, dass ihr Kind die Sprache erlernt: Es gibt auch solche, die wollen, dass ihre Kinder in Girona oder Barcelona studieren oder die das pädagogische Projekt mögen oder einfach den kulturellen Horizont des Kindes erweitern wollen. „Viele Eltern haben durch ihre Kinder die katalanische Sprache erlernt. Es gibt Eltern, die die Sprache von ihren Großeltern haben, aber sie nicht mit ihren Kindern sprechen. Wir möchten, dass die Generation der Kinder stolz ist, Katalanisch auf der Straße zu sprechen“, so die pädagogische Leiterin.

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