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„Dänemark: ,Diplomatischer Boykott’ der Olympischen Spiele“

Dänemark: ,Diplomatischer Boykott’ der Olympischen Spiele

Dänemark: ,Diplomatischer Boykott’ der Olympischen Spiele

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Apenrade/Aabenraa
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Wenn in gut zwei Wochen die Olympischen Winterspiele in Peking, China, beginnen, werden keine dänischen Regierungsvertreter oder Mitglieder der königlichen Familie auf der Tribüne Platz nehmen. Dänemark boykottiert die Olympischen Winterspiele diplomatisch.

Zur Person: Jan Diedrichsen

Jan Diedrichsen (Jahrgang 1975), wohnhaft in Berlin und Brüssel, leitet die Vertretung des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Brüssel, hat sein Volontariat beim „Nordschleswiger“ absolviert und war als Journalist tätig. 13 Jahre lang leitete er das Sekretariat der deutschen Minderheit in Kopenhagen und war Direktor der FUEN in Flensburg. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) – davon bis 2021 vier Jahre als Bundesvorsitzender. Seit Juni 2021 betreibt er gemeinsam mit Wolfgang Mayr, Tjan Zaotschnaja und Claus Biegert ehrenamtlich den Blog VOICES.

Sicher hat der eine oder die andere im Laufe der vergangenen Woche gedacht: Muss das nun sein? Kann Sport nicht einfach Sport sein, und Politik verbleibt Politik?

Meiner Meinung nach ist der diplomatische Boykott eine richtige Entscheidung, doch nicht weitreichend genug: Eigentlich müssten die Olympischen Winterspiele in ihrer Gänze boykottiert werden. Keine Spiele in einem Land, in dem über eine Million Minderheitenangehörige in Lagern interniert sind.

Seit 2015 findet ein kultureller Genozid an den Uiguren, Kasachen und anderen muslimischen Minderheiten in Ostturkestan/der Provinz Xinjiang statt.

Wer wissen will, was die Kommunistische Partei Chinas von den diplomatischen Bemühungen zur Beendigung der Verfolgung der genannten Volksgruppen hält, der lässt sie am besten durch Taten selbst sprechen:

Die chinesischen Athleten der Olympischen Winterspiele tragen eine Sportgarderobe, die in Xinjiang/Ostturkestan hergestellt wurde. China zwingt derzeit Hunderttausende Uiguren und andere Minderheiten, in der betreffenden Region Baumwolle von Hand – als Arbeitssklaven eingesetzt – zu pflücken. Baumwolle, aus der die offizielle Olympia-Kleidung hergestellt wird.

Während sich die Bundesregierung in Berlin und der Europäische Rat in Brüssel – anders als Dänemark – immer noch peinlich wegducken, wenn es um die Frage eines Boykotts der Winterspiele geht, macht China mit der Verfolgung und Vernichtung einer ganzen Bevölkerungsgruppe demonstrativ weiter.

Seit 2015 sind schätzungsweise eine Million Uiguren und andere Minderheitengruppen in chinesischen Gefangenenlagern inhaftiert. Die Lager wurden als Mittel zur Einhaltung der „nationalen Ideologie" eingerichtet. Im Rahmen einer brutalen Zwangsassimilation wird gefoltert, sterilisiert und politisch indoktriniert und werden die Gefangenen zur Zwangsarbeit gezwungen.

China leugnete ursprünglich die Existenz von Gefangenenlagern, bevor es 2018 schließlich zugab, dass sie für die Rehabilitierung potenzieller Terroristen notwendig seien.

Peking bestreitet weiterhin die Vorwürfe der Zwangsarbeit und die systematische Auslöschung der Sprache, Kultur und Geschichte der Region, trotz zahlreicher Berichte von Wissenschaftlern und Journalisten.

Die Uiguren sind ein Turkvolk, das aus Zentral- und Ostasien stammt. Sie sind in Ostturkestan, in der sogenannten autonomen Region Xinjiang im Nordwesten Chinas beheimatet und werden offiziell als eine der 55 ethnischen Minderheiten Chinas anerkannt.

Angehörige der Uiguren leben auch in Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und der Türkei. Man schätzt, dass es weltweit etwa 13,5 Millionen Uiguren gibt. Die meisten gehören dem Islam an, wobei die Mehrheit Sunniten sind.

Inzwischen geht China auch gezielt gegen Kinder vor, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) unlängst berichtete. Viele Eltern kämpfen für die Freilassung ihrer Kinder aus staatlichen „Waisenhäusern“, in die sie zwangseingewiesen werden.

Ihnen wird dort die uigurische Sprache und Kultur ausgetrieben. Betroffen sind laut der GfbV auch Kleinkinder. Jasna Causevic, Referentin für Genozid-Prävention, zeigt die Folgen auf: „Die Kinder werden gezwungen, Sprache und Kultur der Han-Chinesen anzunehmen. Zugleich werden sie als Druckmittel missbraucht, um geflüchtete Eltern zur Rückkehr zu zwingen.“ Uigurische Familien werden darüber hinaus zur Geburtenkontrolle gezwungen – Zwangssterilisierungen inbegriffen.

Schließen möchte ich diese Kolumne mit der Charta der Olympischen Spiele. In der Regel 3 der Charta steht: „Jede Form der Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Geschlecht oder aus politischen und sonstigen Gründen ist mit der Zugehörigkeit zur olympischen Bewegung unvereinbar." Deutlicher geht es kaum.

Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, als ehemaliger Florettfechter ein Meister des Ausweichens, macht in der Frage der Menschenrechte und der Olympischen Spiele eine beschämende Figur.

Er steht fest an Pekings Seite und sagte in einem „ZDF“-Interview, man könne als IOC nicht „Weltregierung spielen“ und entgegnete mit dem Argument, das IOC müsse „politisch strikt neutral" bleiben, „um die Universalität der Spiele zu sichern". Wie diese Neutralität mit Blick auf den eklatanten Bruch der Menschenrechte zu rechtfertigen ist, nicht zuletzt eingedenk der hehren Ziele der Selbstverpflichtung in der Olympischen Charta, das wissen wohl nur das IOC und Thomas Bach.

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