Geschichte

„Erinnern, um nicht zu vergessen“ – Jens Peter Jessen: Nationalsozialist und Widerstandskämpfer

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Nis-Edwin List-Petersen übersetzte das Flott-Buch ins Deutsche.

Er war kein Däne, sondern Nordschleswiger – und seine Geschichte und seine maßgebliche Beteiligung am sogenannten Stauffenberg-Attentat wäre beinahe in Vergessenheit geraten. Am Mittwochabend jedoch wurde sie in der Nordsee Akademie Leck eindrucksvoll durch Nis-Edwin List-Petersen ins Licht gerückt.

Über 70 Gäste fanden sich zur Lesung des Buches „Der Mann, der Hitler töten wollte“ in der Nordsee Akademie Leck (Læk) ein – und sie erlebten weit mehr als einen Vortrag. Übersetzer Nis-Edwin List-Petersen aus Apenrade (Aabenraa)präsentierte nicht nur die Biografie eines bemerkenswerten Mannes, sondern ließ auch seine eigene Familiengeschichte einfließen.

Republik mit Problemen

Die Geschichte von Jens Peter Jessen ist keine Schwarz-Weiß-Erzählung. Geboren 1895 in Stoltelund – damals deutsches Gebiet –, studierte er Jura und Volkswirtschaft in Kiel. Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, an dem Jessen als Soldat teilnahm, war zugleich das Ende des Kaiserreiches: Wilhelm II. dankte ab, kurz darauf wurde die Republik ausgerufen. Im August 1919 trat die Weimarer Verfassung in Kraft. Doch die junge Republik sah sich von Anfang an mit großen wirtschaftlichen und politischen Problemen konfrontiert.

Viele Deutsche – darunter auch Jens Peter Jessen – lehnten die Weimarer Demokratie ab und sahen sie als Ursache für die Niederlage im Krieg und die damit verbundenen Schwierigkeiten. „Er sah sich als Teil einer verlorenen Generation. Jessen fühlte sich in der NSDAP verstanden“, betonte Nis-Edwin List- Petersen.

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) unter Adolf Hitler nutzte gerade diese Unzufriedenheit in der Bevölkerung und bot eine alternative Lösung an, die auf Nationalismus und einem starken Führer basierte. Jens Peter Jessen war begeistert und entwickelte sogar einen Volkswirtschaftsplan für das neue Deutschland unter der Führung von Reichskanzler Hitler.

Verwandtschaft mit dem Widerstand

Jens Jessen

Der zunächst so begeisterte Nationalsozialist lieferte später jedoch die Idee für ein Attentat auf Hitler, die Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 umsetzte. Eigentlich hätte Jens Peter Jessen selbst die Mappe mit der Bombe in der Wolfsschanze platzieren wollen. Allerdings wurde er kurz vorher bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt und war deshalb bettlägerig. – Am 30. November 1944 wurde Jessen in Berlin-Plötzensee wegen hochverräterischer Verschwörung erhängt.

List-Petersen ist mit Jessen verwandt – über eine nicht eheliche Linie. Jessens Vater erkannte ein mit einer jungen Frau gezeugtes Kind an, das zur Großmutter List-Petersens wurde. „Das hat ihm in der Familie Respekt eingebracht“, erzählte der Referent, der auch persönliche Kontakte im Publikum entdeckte – darunter Ellen Blume, deren Großmutter in zweiter Ehe mit Jessens Bruder verheiratet war.

Ein Abend, der unter die Haut ging

Das Vortragsthema zog weit mehr Publikum an, als die Verantwortlichen in der Nordsee Akademie Leck gedacht hatten. Eine Zwischentür musste geöffnet werden, um Platz für mehr Stuhlreihen zu schaffen.

Bereits der Beginn des Abends war besonders: Wegen des großen Andrangs musste eine Zwischentür geöffnet werden, und zusätzliche Stühle wurden aufgestellt. Im Saal saßen neben Seminarteilnehmenden („Vergangenheit verstehen. NS-Tatorte an der schleswig-holsteinischen Westküste“) auch Mitglieder des Geschichtsvereins Leck & Karrharde sowie interessierte Nordschleswigerinnen und Nordschleswiger.

Nis-Edwin List-Petersen eröffnete die Veranstaltung mit Erinnerungen an seine Familie: die „deutschen Petersens“ aus dem Raum Tingleff (Tinglev) und die „dänischen Lists“ von der Insel Röm (Rømø). Er erzählte von seiner Kindheit in Leck, wo sein Vater von 1960 bis 1972 Propst war, und vom familiären Alltag zwischen zwei Kulturen.

Vom Buch zur Mission

Dass das Buch von Søren Flott überhaupt auf Deutsch erschien, ist Nis-Edwin List-Petersen zu verdanken. Als er das dänische Original „Danskeren der ville dræbe Hitler“ in die Hände bekam, las er es in einer Nacht durch und wusste: Das muss übersetzt werden. Da der Verlag Gyldendal selbst kein geschäftliches Interesse sah, gestattete er List-Petersen, das Werk in Eigenregie zu übersetzen und veröffentlichen zu lassen.

Mit einer Einschränkung hielt sich Nis-Edwin List-Petersen an das Manuskript: Der Titel des Originals war aus seiner Sicht falsch. „Jessen war kein Däne, sondern ein Nordschleswiger mit deutschem Pass“, betonte List-Petersen. Der deutsche Titel wurde deshalb korrekt angepasst.

Nis-Edwin List-Petersen vor einem seiner Lieblingsbilder seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Schwester Gebbe. Eine Ausstellung mit Werken seiner Schwester ist noch bis Anfang August im Haupthaus der Nordsee Akademie Leck zu sehen.

Die Arbeit am Buch war intensiv – ganze drei Wochen übersetzte er nahezu pausenlos in seinem Winterdomizil auf Gran Canaria. „Der Urlaub fand nicht am Strand statt“, erinnerte er sich lachend. List-Petersen saß stattdessen in seinem Winterdomizil vor der Nordwestküste Afrikas am Computer – drei Wochen lang – nahezu Tag und Nacht.

Nur so war die Veröffentlichung rechtzeitig zur Buchmesse im Frühjahr 2014 – pünktlich zum 70. Jahrestag des Attentats im Juli – möglich.

„Er hat das Gute gewollt“ – warum Erinnerung zählt

Ellen Blume berichtete vor einiger Zeit im „Nordschleswiger“ von einer bemerkenswerten Aussage von Jessens Witwe Käthe: „Er hat das Gute gewollt. Und dass es so traurig ausgegangen ist, da ist nichts zu machen. Aber er hat versucht, dagegen anzukämpfen.“

Nis-Edwin List-Petersen unterstrich am Mittwoch: „Im Gegensatz zu anderen Verschwörern war Jessen ein überzeugter Nationalsozialist. Genau das macht ihn besonders. Er hat den inneren Bruch erlebt.“ Für ihn ist die Erinnerung an Jessen gerade heute aktuell – mit Blick auf Rechtspopulismus, Hetze und politische Radikalisierung.

„Wenn ich höre, was heute Menschenverachtendes von Leuten wie Höcke und Konsorten geäußert wird und wieder nur das Recht des Stärkeren gilt und das Allgemeinwohl keine Rolle mehr spielt, kann mir schon angst und bange werden. Die AfD setzt geschickt Propaganda ein, um ihre Botschaften zu verbreiten. Sie nutzt einfache Schlagworte, die auf Emotionen zielen anstatt auf Argumente. Das gilt übrigens nicht nur für Deutschland. Wir sehen die Tendenzen leider überall auf der Welt. – Wehret den Anfängen. Deshalb müssen wir uns an Männer wie Jens Peter Jessen erinnern“, sagte List-Petersen mit Nachdruck und unter dem Beifall des Publikums.

Wehret den Anfängen. Deshalb müssen wir uns erinnern.

Nis-Edwin List-Petersen

Ausblick und Wirkung

Sein großer Karton mitgebrachter Bücher war am Ende des Abends fast vollständig verkauft – viele mit persönlicher Widmung. Eine jüdische Gemeinde aus Friedrichstadt bekundete bereits Interesse an einem weiteren Vortrag. Auch auf dem Knivsberg soll Nis-Edwin List-Petersen bald sprechen.

Søren Flott, der Autor des Buches, plant derweil einen Besuch in Nordschleswig – ein Rundgang durch das neue Deutsche Museum Nordschleswig steht bereits auf der Liste.

Seinen Anfang nahm Flotts Buch übrigens bei einem Besuch im damaligen Museum der deutschen Minderheit. Dort stieß der Journalist auf ein Porträt von Jens Peter Jessen. „Wer ist das?“, fragte er – und bekam eine Antwort, die seine Neugier weckte. Was folgte, war intensive Recherchearbeit, die schließlich in das Buch „Danskeren, der ville dræbe Hitler“ mündete. Das Buch erschien 2012.

Wie bereits erwähnt, ist der Titel historisch nicht korrekt – Jessen war kein Däne. Zur Ehrenrettung von Søren Flott sei jedoch gesagt: Der ursprüngliche Titelentwurf lautete „Manden, der ville dræbe Hitler“, doch der Verlag bestand aus Marketinggründen auf „Danskeren“. Ein zutreffenderer Titel hätte sich vermutlich schlechter verkauft.