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Unterrichten im Klima der Angst

Unterrichten im Klima der Angst

Unterrichten im Klima der Angst

Hadersleben/Haderslev
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Anna Hallenen ist eine jener früheren Mitarbeiter des VUC Syd, die aufgrund eines autokratischen Führungsstils auf der Strecke geblieben sind. Ihr früherer Direktor war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Foto: Modellfoto: Ute Levisen

Viele Mitarbeiter des VUC Syd mit Hauptsitz in Hadersleben haben im Laufe der vergangenen Jahre der Erwachsenenbildungseinrichtung den Rücken gekehrt.

17 Jahre lang hat Anna Hallenen (Name von der Red. geändert) für das VUC Syd gearbeitet. Die meisten davon ohne besondere Vorkommnisse. Die letzten beiden Jahre dort sind die bislang längsten ihres Lebens.

Hinter Anna Hallenen liegen Monate, die sie auch heute, fast zehn Jahre „danach“, nicht verkraftet hat. Ihre Geschichte handelt von einem Alltag in Angst, nicht zuletzt der Angst zu versagen, geprägt von psychischem Druck, wie er am VUC gang und gäbe war. Aus Rücksicht auf ihren jetzigen Arbeitsplatz möchte die Lehrerin anonym bleiben.

Am Anfang ein Unfall

Ihr Leidensweg nimmt mit einem Unfall seinen Anfang: 2006 wird Anna Hallenen in Hadersleben von einem Auto angefahren. Die Folge: ein zu acht Prozent invalidiertes Knie, das mit Schrauben zusammengehalten wird, lange Zeit an Krücken und Entlastung im Rollstuhl. „Nicht einmal eine Schultasche konnte ich tragen“, sagt sie rückblickend. Die Lehrerin wird knapp zwei Monate krankgeschrieben. Es folgen Reha-Maßnahmen.

Während Anna Hallenen im wahrsten Sinne des Wortes versucht, wieder auf die Beine zu kommen, beginnt es in der Gerüchteküche des VUC zu brodeln: „Die Kollegen begannen zu tuscheln: Es könne nicht wahr sein, dass ich nicht imstande bin, mit einem kaputten Knie zu unterrichten!“ Ahnungslos kehrt Hallenen nach ihrer Genesung zurück an den Arbeitsplatz – und trifft auf eine Mauer des Schweigens. Und der Feindseligkeit. Sie erfährt: In einem Klima der Angst ist sich jeder selbst der Nächste.

Die Lehrerin erlebt es auf die harte Tour. „Eine Kollegin hat während meiner Abwesenheit meinen Unterricht übernommen – eine Aufgabe, derer sie nicht mächtig war. Den Frust darüber, den ließ sie an mir aus. Mehr noch: Es ist ihr gelungen, andere Kollegen gegen mich aufzubringen.“

Eines Tages ruft ihre Vorgesetzte an, wirft ihr vor, ihre Krankheit nur vorzutäuschen – und damit dem VUC zu schaden. Anna Hallenen reagiert fassungslos – und bestürzt. Der damalige Vertrauensmann ist ihr keine Hilfe. Im Gegenteil. Von ihm muss sich Anna Hallenen sagen lassen, dass ein kaputtes Knie in den Augen des früheren Direktors des VUC Syd, Hans Jørgen Hansen, bestimmt kein Grund zum Fernbleiben sei.

Ein unvergessenes Dienstgespräch

Eine Episode hat sich in Anna Hallenens Erinnerung gebrannt, als sei es gestern gewesen. Wir schreiben das Jahr 2006; es ist die Zeit lange vor den mit Architekturpreisen ausgezeichneten Prachtbauten des VUC Syd am Hafen. „Hans Jørgen Hansen zitierte mich zu einem dienstlichen Gespräch. Den einzigen Beistand, den man mir zubilligte, war der gewerkschaftliche Vertrauensmann.“ Äußerlich habe sie sich nichts anmerken lassen: „Doch ich war nervös. Was kommt nun?“ Der frühere Direktor ist berüchtigt ob seines cholerischen Temperaments. „Persönlich erlebt habe ich es nie!“, sagt Anna Hallenen.

„Es grenzte an Psychoterror“

Das, was sie durchmacht, ist schlimmer: „Es grenzte an Psychoterror. Hansen starrte mich unverwandt an, schwieg lange und fragte dann: Warum tuschelt man über dich? Und überhaupt: Warum bist du eigentlich von einem Auto angefahren worden? Und: Dir ist schon klar, dass andere deine Arbeit machen müssen, so lange du krank bist?!“

Das Beste ist nicht gut genug

Hallenen glaubt, sich verhört zu haben. Ihr Vertrauensmann schweigt betreten: Er habe bei einer früheren Gelegenheit das Direktionsbüro unter Tränen verlassen, sagt Hallenen. Anderthalb Jahre hält sie durch. Heute stellt sie fest:

„Wir haben uns stets ein Bein ausgerissen, um die immer neuen Ideen und Visionen unseres Direktors umzusetzen. Ich habe wirklich mein Bestes gegeben! Manchmal stand ich morgens an der Bushaltestelle und hatte keine Ahnung, ob ich in Hammeleff, Christiansfeld oder Apenrade unterrichten würde.“
Dann, an einem Novembertag, wird alles schwarz: „In meinem Kopf spielte Musik – immer ein- und dieselbe Musik! Es war nicht zum Aushalten.“ Das kaputte Knie schmerzt; die Musik dröhnt in Endlosschleife. Schließlich die Diagnose ihrer Ärztin: Stress und Depression.
„Ich wollte es nicht wahrhaben“, sagt Anna Hallenen.

Nervenzusammenbruch im November

Sie wird krankgeschrieben. Eine Schonzeit solle sie nach ihrer Rückkehr bekommen. Eigentlich. Diese währte gerade einmal 14 Tage.
„Dann war ich wieder hoch auf 45 Wochenstunden.“

Ihr Tag beginnt um 7 in der Früh und endet nicht selten gegen 21 Uhr. Wohl gilt die Transport- als Arbeitszeit, doch sei diese Zeit nicht Teil der 11-Stunden-Regel, erläutert Anna Hallenen. Eine normale und keineswegs gesetzeswidrige Praxis, die mit einer Schonfrist nach einem psychischen Kollaps allerdings nichts zu tun hat. Ein Anruf ihrer damaligen Abteilungsleiterin, die sie ausschilt und der Faulkrankheit bezichtigt, ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: „Nach 17 Jahren Diensterfüllung habe ich mir das nicht länger bieten lassen – und mir eine neue Arbeit gesucht.“ – Der frühere Direktor war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Am Rande des Selbstmords

Selbst heute noch, gut acht Jahre später, denkt Anna Hallenen mit Grauen an ihre letzten Jahre am VUC Syd und an ihren Zusammenbruch zurück: „Einen Monat habe ich mich in Fötusstellung aufs Sofa verkrochen, hatte Angst, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Ich war derart am Boden zerstört, dass meine damals zehnjährige Tochter oft weinte, sich nicht traute, mich allein zu lassen – aus Angst, ich würde mir etwas antun.“

VUC Syd in Hadersleben. Foto: Ute Levisen

Und heute: Neuer Job – alles gut?

Weit gefehlt. Die letzten Jahre am VUC Syd haben Narben auf ihrem Gemüt hinterlassen: „Ich bin extrem lärmempfindlich und habe Probleme, mich zu konzentrieren.“

Der Alltag von Lehrern aber ist vor allem eins: laut. Anna Hallenen kämpft täglich mit diesen „Nebenwirkungen“: „Wen aber interessieren schon Menschen, die wegen eines zweifelhaften Führungsstils auf der Strecke bleiben?“ Sie ist kein Einzelfall. Dem Nordschleswiger liegt eine lange Liste mit Namen früherer Mitarbeiter vor, die an Stress erkrankten – oder sich eine andere Arbeit suchten.

Niemand möchte seine VUC-Syd-Erfahrungen mit der Öffentlichkeit teilen – jedenfalls nicht mit Echtnamen. Alle früheren Mitarbeiter, mit denen unsere Zeitung gesprochen hat, bestätigen das von Anna Hallenen beschriebene Klima der Angst am VUC Syd. „Es war ein Regime der Angst. Widerspruch wurde nicht geduldet!“ – So bringt es ein früherer Mitarbeiter auf den Punkt.

Redigierte Wirklichkeit

Einer, der sich traut, mit seiner Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen, ist Søren Hessellund Axelgaard: Er habe seinerzeit auf Anweisung der Direktion den Wortlaut von Fragen und Antworten der Mitarbeiterzufriedenheitsuntersuchung (MTU) für eine Kurzfassung dergestalt verändert, dass sich deren Ergebnisse positiver ausnehmen: „Das ist nichts, worauf ich stolz bin“, sagt er heute. Wenn er sich jetzt „outet“, dann um zu zeigen, wie es hinter der glänzenden Fassade des VUC-Lighthouse aussieht.

VUC: Keine Einflussnahme möglich

Die amtierende VUC-Direktorin Vinnie Lerche Freudendal weist die Behauptung des früheren Mitarbeiters vehement zurück und teilt auf Anfrage mit, dass das VUC keinerlei Einfluss auf die Ergebnisse der Analysen habe, die von einer externen Firma vorgenommen worden sind.

„Das ist auch korrekt“, bestätigt Axelgaard, doch sei er nachfolgend aufgefordert worden, den Wortlaut der Analysen für eine Zusammenfassung zur internen Verwendung zu modifizieren: „Die Zahlen an sich sprechen eine deutliche Sprache. Bei dem Resümee ging es um den Wortlaut der MTU. Besonders kritische Parameter tauchten in der Kurzfassung nicht auf. Ich bin seinerzeit davon ausgegangen, dass man das Resümee eventuell für die VUC-Website nutzen wollte.“ – Und wozu noch? – Die Gedanken sind frei …

Auch Axelgaard hat die Einrichtung aus Unzufriedenheit mit der dort herrschenden Praxis längst verlassen.

Schlechtes Arbeitsklima

Die Mitarbeiterzufriedenheitsuntersuchungen vergangener Jahre sprechen in der Tat eine deutliche Sprache: Darin schneidet das VUC Syd – verglichen mit anderen Erwachsenenbildungseinrichtungen und der Zufriedenheit an dänischen Arbeitsplätzen im Allgemeinen spürbar schlechter ab. Ungeachtet dessen wurde dem früheren Direktor des VUC Syd laut seinem jüngsten Vertrag der volle Bonus zugebilligt – trotz vergleichsweise hoher Durchfallquoten (wir berichteten) und geringer Freude der Mitarbeiter an ihrer Arbeit. In der jüngsten Resultatvereinbarung steht es schwarz auf weiß: „Das Ziel ist zu 100 Prozent erreicht!“

Es stellt sich die Frage: Wessen Ziel?

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