Leitartikel

„Es fährt kein Zug nach irgendwo“

Es fährt kein Zug nach irgendwo

Es fährt kein Zug nach irgendwo

Gerrit Hencke
Gerrit Hencke Journalist
Apenrade/Aabenraa
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Nord- und Südschleswig sind oftmals vom großen Verkehr abgeschnitten. Foto: Michal Biernat/Unsplash

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Um eine echte Alternative für die Reise darzustellen, müssen auch Nachtzüge leicht erreichbar sein. Dass es für die neue Verbindung zwischen Hamburg und Stockholm keinen einzigen Haltepunkt bis Odense gibt, ist nicht nachvollziehbar, kommentiert Journalist Gerrit Hencke in seinem Leitartikel. Der Weg zu einer Mobilitätswende ist für EU, Länder und Unternehmen noch steinig.

Mit dem Nachtzug durch Europa reisen ­− das ist eine klimafreundliche Alternative zu Auto und Flugzeug. Das Angebot ist in den vergangenen Jahren wieder stetig gewachsen, und EU und einzelne Länder fördern die Projekte einiger Bahnunternehmen seit geraumer Zeit.

Noch sind die Hürden immer wieder groß, um den grenzüberschreitenden Verkehr reibungslos zu ermöglichen. Angefangen bei technischen Voraussetzungen, wie etwa verschiedenen Stromnetzen in den Ländern oder langwierigen Genehmigungsverfahren für Waggons oder Triebwagen. Doch auch hier wächst Europa langsam weiter zusammen.

Was im Grenzland seit Jahren ein Problem ist: Die Menschen hier können diese Angebote gar nicht immer einfach nutzen. Der neue Nachtzug von Hamburg nach Stockholm ist da nur ein Beispiel.

Er fährt ohne einen einzigen Halt an schleswig-holsteinischen oder süddänischen Ballungsräumen vorbei. Neumünster, Rendsburg, Schleswig oder Flensburg, aber auch Pattburg (Padborg), Rothenkrug (Rødekro), Woyens (Vojens) und Kolding gehen leer aus. Dass ein komplettes Bundesland und die ganze Region Süddänemark bei der Planung nicht beachtet wurden, ist für Interessierte nicht nachzuvollziehen. Zumal der Euronight-Zug in Schweden gleiche mehrere Haltepunkte zwischen Malmö und Stockholm hat.

Hunderttausende potenzieller Nutzerinnen und Nutzer des neuen Nachtzuges müssten entweder mit Bus, Zug oder Auto in Richtung Hamburg oder Odense aufbrechen − eine weite Strecke aus Nord- oder Südschleswig. Das Problem an der Sache ist: Reisen mit dem Zug muss einfach, komfortabel und günstig sein, sonst ist es keine Alternative. Erst weite Strecken zu einer Anschlussstelle zu fahren, wird für viele keine Option sein. Das betrifft nicht nur Nachtzüge, sondern sämtliche Fern- und Regionalverbindungen.

Flensburg etwa kratzt mit knapp unter 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern an dem Status Großstadt, ein ICE fährt hier dennoch nicht. Und auch der grenzüberschreitende ÖPNV steckt, trotz einzelner Pionierprojekte, noch in den Kinderschuhen. Die Grenze stellt auch beim Verkehr noch immer eine Barriere dar.

Es ist zu hoffen, dass die neuen Angebote trotz aller Unwägbarkeiten gut genutzt und stetig erweitert werden und sich sowohl Länder als auch EU weiterhin finanziell für eine nachhaltigere Mobilität einsetzen. Der Weg zu einer Verkehrswende ist allerdings noch ein steiniger Weg, besonders aber für Bürgerinnen und Bürger.

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