Von Bayern nach Brøndby

Eine Polizeikadettin findet ihren Weg

Karin Friedrichsen
Karin Friedrichsen Journalistin
Starup
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Lucie Hirschauer
Lucie Hirschauer zu Hause in Starup. In Kopenhagen ist sie oft mit Freunden aus Nordschleswig zusammen. Foto: Karin Riggelsen

Lucie Hirschauer hat schon viele spannende Dinge unternommen – im März begann sie ihre berufliche Ausbildung bei der Polizei in Brøndby.

Die 21-Jährige begann im März die neue Kadettenausbildung in der Polizeischule in Brøndby. Der Chef der dänischen Reichspolizei, Jens Henrik Højbjerg, nahm 56 Polizeikadetten in Empfang. Lucie Hirschauer ist eine der Auszubildenden, die die schwere Aufnahmeprüfung schaffte. Nach bestandenem Examen werden die Kadetten ab September die „echten“ Polizisten bei unter anderem Bewachungsaufgaben und Grenzkontrolle entlasten. Polizeiuniform, Stab und Pistole haben sie schon ausgehändigt bekommen. Nur das Pfefferspray erhalten die Kadetten erst, wenn sie ihr Examen in der Tasche haben.

Wir treffen uns mit Lucie Hirschauer in ihrem Elternhaus in Starup. Sie gehört wie ihre Eltern, Britta und Anton Hirschauer und Schwester Lea (20) zur deutschen Minderheit. Nach der Deutschen Schule Hadersleben (DSH) war Lucie Hirschauer an der Nachschule in Tingleff, bevor sie ihr Abitur am deutschen Gymnasium in Apenrade machte. Lucie Hirschauer ist in einer Sprachenvielfalt aus Deutsch, Dänisch und den Dialekten Bayerisch und „Synnejysk“ aufgewachsen: „Wenn ich gefragt werde, wie ich mich fühle, kann ich das nicht sagen. Ich habe in beiden Ländern gewohnt.“

Ihre Eltern entschlossen sich 2004, den Wohnsitz von Bayern nach Hadersleben zu verlegen. Britta Hirschauer ist gebürtige Haderslebenerin. Lucies Großmutter mütterlicherseits, Marion Gaussmann, wohnt in der Domstadt mit ihrem Partner Jørgen Viking. Die Eltern ihres Vaters leben in Baierbrunn im Landkreis München. Für Lucie Hirschauer war es ein großes Erlebnis, sich wieder als Teil der bayerischen Gemeinschaft zu fühlen und das Maifest mitzufeiern, als sie dort eine Auszeit nahm: „Nach dem Gymnasium wollte ich sehr gern nach Bayern“, erinnert sich die 21-Jährige, die die ersten Jahre in Hadersleben als „große Umstellung“ in Erinnerung hat: „Das war ein Kulturschock, vom katholischen Bayern hierher zu kommen.“

„Die Hirschauer, vom Toni die Tochter“

„Die Hirschauer, vom Toni die Tochter“, wie Lucie in Baierbrunn gerufen wird, wurde sehr schnell Teil der Dorfgemeinschaft. Sie genoss es auch, die bayerische Küche ihrer Großmutter neu zu entdecken. Ihr Wunsch, das Maifest 2016 nicht nur als Gast zu erleben, sondern aktiver Teil der lang gestreckten Vorbereitungen zu sein, ging auch in Erfüllung. Maibäume werden für gewöhnlich jedes fünfte Jahr neu aufgestellt. Lucie Hirschauer wurde im Herbst 2015 in die „Maimusi-Gruppe“, die ein wichtiger Teil des Festprogramms ist, integriert. Frauen ab 16 und Männer ab 18, so sieht es die Maibaum-Tradition in Baierbrunn vor, können mitmachen, wenn sie nicht verheiratet sind.

„Unserer Gruppe gehörten über 60 Leute an“, erinnerte sich Lucie Hirschauer. Vom Fällen des Baumes Ende Oktober über den Bau von Wachhütten, Tanzstunden bis hin zu fröhlichen Nachtschichten, bei denen die Frauen Brotzeiten für ihre männlichen „Kollegen“ zubereiteten, während diese darauf achtgaben, dass der Baum nicht gestohlen wurde. Die blau-weiß gestrichenen Schilder wurden von den Frauen geputzt. Lucie hatte auch die Finger im Spiel beim Schmieden des neuen Maibaum-Gockels. „Ich bin zurückgekommen nach Baierbrunn, und es war alles, wie ich es verlassen habe. Es war echt toll, die Geschichten, die ich in meiner Kindheit und Jugend immer gehört habe, wieder aufs Neue zu erleben“, so die 21-Jährige. Sie arbeitete in Baierbrunn in einer Metallwerkstatt und engagierte sich ehrenamtlich bei der Feuerwehr, wo sie auch eine Truppmannausbildung abschloss.

Vom Pilgerweg in Spanien zur Polizeischule in Brøndby

Ein festes Ziel vor Augen hatte Lucie Hirschauer auch für die Zeit nach Baierbrunn. Wie in den Jahren davor war die junge Staruperin auf dem Roskilde-Festival, und danach ging es auf dem Fahrrad durch Schleswig-Holstein. Ein einschneidendes Erlebnis war für Lucie Hirschauer das Pilgern auf dem Jakobsweg. Im Juli 2016 machte sie sich auf nach Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich mit Santiago de Compostela als Hauptziel. Von dieser Reise hatte sie schon geträumt, als sie zwölf Jahre alt war. Nachdem sie Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ gelesen hatte, gab es kein Halten mehr. Es sei teuer gewesen, so die junge Frau, die sich die Wanderreise mit Erspartem finanzierte. Es wurde eine große Erfahrung für ihre Seele: „Ich habe komplett die Vorurteile gegenüber anderen Menschen weggelegt und ruhe mehr in mir selber“, erklärt die 21-Jährige. Trotz Blasen an den Füßen, Knieproblemen, ständigem Hunger und sonstigen Strapazen sei sie zusammen mit Pilgerfreunden von Santiago weitere rund 100 Kilometer bis an die galizische Atlantikküste zum sogenannten Ende der Welt, der kleinen Landzunge Kap Finisterre, gelaufen: „Beim Anblick der Kathedrale in Santiago de Compostela habe sie die Tränen nicht zurückhalten können: „Das war echt schön“, fasst Lucie zusammen. Nach einem zweiwöchigen Surfurlaub im Nordwesten Spaniens ging es mit dem Bus zurück nach Dänemark.

Was ihre beruflichen Ziele anbelangte, hatte Lucie Hirschauer schon lange mit dem Gedanken gespielt, eine Polizeiausbildung zu machen oder Goldschmiedin zu werden. Nach einer gescheiterten Aufnahmeprüfung bei der Polizei in München im November 2016 kam ihr die Idee, sich um einen Platz bei der neuen Polizeikadetten-Ausbildung in Brøndby zu bewerben. Sie wollte gern eine wichtige Aufgabe übernehmen und in Dänemark für Ruhe und Ordnung sorgen. Lucie Hirschauer und ihre Studienkollegen sind in drei Klassen aufgeteilt: In Lucies Klasse sind lediglich Auszubildende aus Jütland: „Wir sind die Jütland-Klasse. Das merkt man auch, denn bei uns ist es bedeutend ruhiger als in den anderen Klassen“, lacht Lucie Hirschauer.

Lucie Hirschauer ist die einzige Frau in ihrer Klasse. Mit den vier Kolleginnen treffe sie sich in den Umkleideräumen, und sie findet es toll, dass ihre Klassenkameraden voraussichtlich auch ihre Kollegen werden, wenn die Kadetten nach bestandener Abschlussprüfung im September ihren Dienst beginnen. Bis dahin sei aber noch viel zu lernen. Lucie Hirschauer freut sich darüber, dass sie physisch gut in Form ist und ihr das Ausdauertraining relativ leicht fällt.

Mit (DRH-)Ergometerrudern fit für die Polizei

So habe sie unlängst beim Ergometertraining den 2.000-Meter-Test in 7:59 Minuten geschafft. Das sei ihre persönliche Bestzeit. „An dieser Stelle einen herzlichen Gruß an Angelika Feigel“, lacht Lucie Hirschauer. Bei Angelika Feigel im Deutschen Ruderverein Hadersleben (DSH) habe sie das Ergometerrudern trainiert, und dort ist sie noch immer aktiv in der Jugendarbeit.
Als sie Anfang 2017 die Aufnahmeprüfung bestand, habe sie keine Ahnung gehabt, was sie in der Polizeischule erwartet in Bezug auf den theoretischen Teil der Ausbildung. Inzwischen weiß Lucie Hirschauer, dass der Unterricht gute Einblicke in Fachwissen und Jura für Polizei gibt und Wissen zur Gesellschaft. Gelernt hat sie auch, dass sie sich daran gewöhnen muss, dass nicht sie als Person im Vordergrund steht, wenn sie im Dienst ist: „Wenn ich angegriffen werden sollte, dann ist es nicht die Persönlichkeit, sondern die Uniform.“ Es sei für sie die richtige Entscheidung gewesen, die Ausbildung anzufangen, und sie fühle sich gut integriert in die „Kadetten-Gemeinschaft“.

Straßenverkehrsordnung, Bewachung und Grenzkontrolle, das sind die Hauptpunkte, mit denen die Kadetten sich beschäftigen. „TV 2 filmt uns während unserer Ausbildungszeit. Die Ausbildung ist ja neu und politisch wichtig. Durch die Fernsehsendung bekommt die Bevölkerung ein Bild davon, was bei uns in der Schule passiert.“

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