Minderheiten international

Diktator Mussolini ist Ehrenbürger in Europas Kulturhauptstadt 2025

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An der Fassade des 1928 errichteten „Siegesdenkmals“ steht unter einer Skulptur der römischen Siegesgöttin Victoria bis heute die Inschrift „Von hier aus haben wir die anderen in der Sprache, den Gesetzen und Künsten unterwiesen.“

Das italienische Gorizia und das slowenische Nova Gorica sind gemeinsam Kulturhauptstadt 2025. Allerdings hat in der italienischen Stadt Mussolini den Ehrenbürgertitel inne. Während die lokale Regierung die Geschichte als Lehrstück für die Zukunft sieht, sorgt diese Haltung bei der slowenischen Minderheit für Empörung.

Eigentlich sind Görz (Gorizia) und Nova Gorica ein Beispiel, wie Nationalitätenkonflikte befriedet werden können: In der Stadt, durch die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenze zwischen Italien und Slowenien gezogen wurde, leben schon seit jeher Italienerinnen und Italiener wie Sloweninnen und Slowenen. Die im 19. Jahrhundert aufgeflammten ethnischen Konflikte im adriatischen Küstenland, die im 20. Jahrhundert in Massenmorden und -vertreibung kulminierten, konnten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in eine Zusammenarbeit verwandelt werden.

Gemeinsam für den Titel Kulturhauptstadt beworben

Krönung ist die gemeinsame Bewerbung von Gorizia und Nova Gorica als Europäische Kulturhauptstadt. Als dritte Stadt trägt Chemnitz im nächsten Jahr ebenfalls den Titel. Am 8. Februar 2025 wird die Veranstaltungsreihe eröffnet. Über ihr hängt nun aber ein dunkler Schatten: Jener des faschistischen Diktators Benito Mussolini (1883 – 1945), der einst mit massiver Gewalt versucht hatte, Italien zu einem ethnisch homogenen Staat zu machen, indem nationale Minderheiten assimiliert oder vertrieben wurden. Mussolini ist seit 1924 Ehrenbürger von Gorizia – und er bleibt es weiterhin, wie der Stadtrat von Gorizia am 11. November beschlossen hat.

Bürgermeister Rodolfo Ziberna sprach sich gegen die Aberkennung aus mit dem Argument, dass der Antrag ein Vorwand und der „Versuch der Linken“ sei, „den Weg des großen Zusammenhalts und der Zusammenarbeit zwischen Nova Gorica und Gorizia im Hinblick auf die Kulturhauptstadt Europas im nächsten Jahr zu untergraben.“ Ziberna bezeichnet sich als Antifaschisten; er hat seine politische Laufbahn bei der sozialdemokratischen Partei PSDI begonnen und war nach deren Untergang ins Mitte-rechts-Lager gewechselt. „Die Geschichte“, so wird Ziberna von der italienischen Nachrichtenagentur ANSA zitiert, „vor allem ihre dunkelsten und verwerflichsten Seiten, darf nicht ausgelöscht werden, sie muss vielmehr bekannt gemacht werden, vor allem den neuen Generationen, damit sie sich nicht wiederholt.“

Kritik kommt von der slowenischen Minderheit

In der slowenischen Minderheit in Italien hat die Entscheidung scharfe Kritik hervorgerufen, und auch der Außenminister Sloweniens verurteilt sie aufs Schärfste.

Gorizia ist kein Einzelfall. Während die meisten der rund 6.700 Gemeinden Italiens, die Mussolini während des Faschismus zum Ehrenbürger ernannt hatten, diese Entscheidung nach dem Untergang des Regimes widerriefen (manche freilich auch erst in letzter Zeit, wie Florenz im Jahr 2009), geschah dies in mehreren hundert Gemeinden bis heute nicht.

Auch andere faschistische „Helden“ sind heute noch Ehrenbürger von Gemeinden in Italien, ganz zu schweigen von Straßennamen, die bis heute unkommentiert an das faschistische Regime und seine Ideen erinnern. In Bozen beispielsweise gibt es ein ganzes Viertel rund um das sogenannte Siegesdenkmal, dessen Straßen Namen von Männern und Orten tragen, die große Bedeutung für den Faschismus hatten. Der Triumphbogen ist 1928 errichtet worden und sollte den Sieg Italiens über Österreich-Ungarns feiern, vor allem aber unter Rückgriff auf das römische Reich die Überlegenheit des faschistischen Regimes demonstrieren.

Padre Reginaldo Giuliani (1887-1936): Der Namensgeber dieser Straße war Pater des Dominikanerordens und glühender Nationalist. Er nahm im Oktober 1922 an Mussolinis Marsch auf Rom teil und war Feldkaplan des italienischen Heeres, das 1935 einen Eroberungskrieg gegen Äthiopien führte, bei dem die italienischen Soldaten mit Maschinenpistolen, Kampfflugzeugen und Giftgas gegen die meist nur mit Speeren bewaffneten Einheimischen kämpfte.

Faschistische Unterdrückung in Görz, Triest und Istrien

Görz, Triest und Istrien waren schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Pulverfass gewesen. Nach 1918 wurde begonnen, die nicht-italienische Bevölkerung zu entnationalisieren. Die Methoden sind bekannt: Die kroatischen und slowenischen Schulen wurden geschlossen, die kulturellen und sozialen Vereinigungen aufgelöst und die Zeitungen verboten. Orts- und Familiennamen wurden italianisiert. Am 13. Juli 1920 wurde das slowenische Kulturzentrum Narodni Dom in Trst/Triest niedergebrannt.

Faschistische Sondergerichte erstickten ab 1927 jeglichen Widerstand. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurde aus faschistischer Repression blanker Terror. In Istrien wurden, nachdem deutsche und italienische Truppen im Herbst 1943 das Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht hatten, allein im Monat Oktober 5.000 Menschen umgebracht. In Triest wurde in der Reismühle San Sabba das einzige Vernichtungslager auf italienischem Boden errichtet.

Nach Italiens Seitenwechsel im Sommer 1943 und nach Kriegsende wurden Tausende Italiener, in erster Linie Repräsentanten des Regimes, und viele Kollaborateure grausam ermordet, eine große Zahl lebend in Karsthöhlen (Foibe) geworfen. 250.000 Menschen, Italiener wie auch Kroaten und Slowenen mit italienischer Staatsbürgerschaft, wurden aus ihrer Heimat in Istrien und Dalmatien vertrieben.

In Italien wurde nie einer der Täter belangt: Der (kommunistische) Justizminister Palmiro Togliatti erließ bereits 1946 eine Amnestie.