Heimatkunde in Nordschleswig

Kekenis: Orkane, eigene Geschichte und gefährdete Natur

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Bei der Ankunft auf der Halbinsel Kekenis über die Landzunge Drei sind der 1906 erbaute Leuchtturm und die bei den jüngsten Sturmfluten schwer angegriffene Steilküste samt dabei in Mitleidenschaft gezogene Ferienhäuser zu sehen.

Die Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig studierte die mit der Insel Alsen nur durch eine schmale Landzunge verbundene Halbinsel: Vom Leuchtturm präsentiert sich die Küstenlandschaft von ihrer schönsten Seite. Zum Auftakt der Tagesfahrt wurde die Wibeker Mühle besichtigt.

Die Halbinsel Kekenis (Kegnæs) ist als „Anhängsel“ im Süden der Insel Alsen (Als) ein ganz besonderes Stück Nordschleswig. Die rund 40 Mitglieder der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) lernten am Freitag bei der Tagesfahrt des Vereins das nur mit einer schmalen Landzunge mit der übrigen Insel verbundene Gebiet von seiner Sonnenseite kennen.

Kekenis bekannt durch Meldungen der Wetterstation

Dabei kennen viele Kekenis, das sich auf Dänisch im 19. Jahrhundert Kegenæs schrieb, vor allem aus dem Wetterbericht. Von der Wetterstation am hoch über der Flensburger Außenförde thronenden Leuchtturm kamen während der vergangenen Jahre mehrfach Messungen von historisch hohen Windgeschwindigkeiten.

Vom Leuchtturm aus konnten die Heimatkundlerinnen und -kundler deutlich sehen, wo die verheerenden Sturmfluten des zurückliegenden Herbstes und Winters zu Küstenabbrüchen, Überflutungen und Schäden an Ferienhäusern geführt haben. Die HAG-Vorsitzende Gisela Jepsen begrüßte die Schar der Teilnehmenden im Bus an den Einstiegsorten Krusau (Kruså) und Sonderburg (Sønderborg).

Vom Leuchtturm gibt es eine weite Sicht auf die Halbinsel Kekenis. An der Steilküste ist zu sehen, wie die See bei den jüngsten Sturmfluten den Uferbereich „angenagt“ hat.

Schon auf der Busfahrt gab Vorstandsmitglied Lorenz Peter Wree eine Einführung in die eigene Geschichte der Halbinsel, die nach Besiedlung bereits in der Stein- und Bronzezeit bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts von einem dichten Urwald bewachsen war, in dem höchstens Schweine gemästet wurden.

Nur eine schmale Landzunge verbindet Kekenis mit der übrigen Insel Alsen. Die Landzunge Drei (Drejet), auf der die Straßenanbindung verläuft, war im Oktober 2023 schwer beschädigt worden.

Erste Station Wibeker Mühle

Für die Exkursion, die mit einer Besichtigung der Wibeker Mühle (Vibek Mølle) begann, hatte die HAG örtliche Führer engagiert. Den Mühlenkomplex, der auf Alsen liegt, aber besitzmäßig lange Kekenis zugehörig war, stellten Knud Erik Jessen und Leif Kristiansen vor. Sie erläuterten, wie es gelungen ist, die vor wenigen Jahrzehnten noch stark verfallenen Gebäude durch ehrenamtlichen Einsatz und Stiftungsmittel zu erhalten und zu restaurieren.

Die Einrichtungen und Gerätschaften vermitteln einen Eindruck vom Alltag und den Lebensumständen in vergangenen Jahrhunderten.

Die Wibeker Wassermühle war vor wenigen Jahrzehnten noch stark verfallen.

Die Wassermühle war 1835 durch eine Windmühle ergänzt worden.

Zahlreiche Einrichtungsgegenstände vermitteln einen Eindruck vom Alltagsleben in Nordschleswig in vergangenen Zeiten.

Nach einer Mittagspause mit Verpflegung im benachbarten Skovby Kro erwartete Jens Bladt die HAG-Gruppe am Kekeniser Leuchtturm.

Die HAG-Vorsitzende Gisela Jepsen (Bildmitte) hatte die Exkursion nach der Ankunft in Wibek eröffnet. Ganz rechts Mühlenguide Leif Kristiansen

Starke Küstenabbrüche

Der Vorsitzende des Lokalhistorischen Archivs und frühere Landwirt lieferte jede Menge Informationen über seine Heimathalbinsel und deren interessante Geschichte. Bladt berichtete angesichts der noch sichtbaren Schäden an der Landzunge Drei „Drejet“ und dort liegenden Ferienhäusern, dass im vergangenen Oktober 15 bis 20 Meter Küste von der Brandung fortgerissen worden sind.

„Drejet ist eine natürliche Verbindung zwischen Kekenis und Alsen“, so Bladt, der über eine dichte Besiedelung der Halbinsel in den Jahrtausenden vor Christi Geburt berichtete.

Jens Bladt (3. von links) stand der HAG-Gruppe als sehr kompetenter Führer zur Verfügung. Auf dem Foto informiert er die Exkursionsteilnehmerschaft über den 1906 erbauten Leuchtturm auf Kekenis.

Einst Seeräuberquartier

Im Mittelalter existierte, auf einem bronzezeitlichen Hügel errichtet, die Burg Kegborg. „Sie war ein Abwehrposten gegen damals hier von See her einfallende Wenden“, so der Lokalhistoriker. Später hauste dort vorübergehend ein Seeräuber, der Schiffe mit Leuchtzeichen auf Sandbänke lockte und anschließend plünderte.

Er berichtete am 1906 während der deutschen Herrschaft in Nordschleswig erbauten Leuchtturm über die von dort schon zuvor lange eingesetzten Lotsen, die den Seeverkehr nach Flensburg (Flensborg) und Sonderburg sicherten. Bereits 1845 war ein erster Leuchtturm errichtet worden, zusätzlich sicherte zwischen 1906 und 1963 ein Feuerschiff die Einfahrt in die Förde.

Das Lokalhistorische Archiv hat im Leuchtturm Kekenis eine Ausstellung mit Dokumenten zur Geschichte des Bauwerks eingerichtet. Bis 1928 blinkte der Turm mithilfe von Petroleumlampen über die Flensburger Außenförde.

Der Leuchtturm ist für Interessierte frei zugänglich

„1928 wurde die Petroleumbeleuchtung durch ein elektrisches Leuchtfeuer abgelöst“, so Bladt, der hinzufügte, dass die Kommune Sonderburg heute Eigentümerin des frei zugänglichen Turmes mit Informationen des lokalhistorischen Archivs ist. Die Wetterstation und das Leuchtfeuer arbeiten automatisch.

Während der Fahrt an verschiedene Besichtigungspunkte auf Kekenis berichteten Bladt und Lorenz P. Wree über die Neubesiedelung von Kekenis auf Betreiben des in Sonderburg residierenden Herzogs Hans der Jüngere (1545-1622).

Die Karte zeigt die Halbinsel Kekenis auf einer historischen Seekarte. Auch in Zeiten dänischer Herrschaft gab es deutsche Bezeichnungen für die Ortschaften und Güter, die in der Regierungszeit von Herzog Hans dem Jüngeren (1564 bis 1622) entstanden sind. Dieser war mit deutschen Prinzessinnen verheiratet. Seine Untertanen auf Alsen sprachen dänisch.

Lange Regierungszeit

Der Bruder König Frederik II. (1534-1588) besaß in seiner 58 Jahre währenden Regentschaft zahlreiche Territorien in Schleswig und Holstein als ererbten oder später erworbenen Besitz. Er ist bis heute bekannt als Erbauer der Glücksburg in Angeln, des Jagdschlosses Österholm auf Alsen und zahlreicher Gutshöfe, so auch des Gutes Hirschholm (Hjortholm) auf Kekenis.

Er erwarb sich auch den Ruf als Plage seiner oftmals gewaltsam in die Leibeigenschaft gepressten Bauern. So wurden die Neusiedler auf Kekenis zwangsweise auf die Halbinsel beordert. Herzog Hans hatte sich auf Reisen unter anderem zum Reichstag in Augsburg 1566 Wissen über die seinerzeit „modernen“ feudalen Herrschaftsformen erworben.

Herzog Hans der Jüngere hat die Kirche auf Kekenis erbauen lassen. Der Bruder des dänischen Königs Frederik II. ist auch als „Plage“ der Bauern in die Geschichte Nordschleswigs eingegangen.

Tragischer Hintergrund

Jens Bladt konnte auch über einen tragischen Hintergrund zur Errichtung der Kekeniser Kirche im Jahre 1615 berichten. Diese ließ Herzog Hans als Bußkirche errichten, nachdem er zuvor zehn Bauern hatte hängen lassen, die verurteilt worden waren, weil sie angeblich Fleisch aus der Speisekammer des Herzogs gestohlen hatten. Es stellte sich nach der Hinrichtung heraus, dass Bedienstete das Fleisch hatten verderben lassen und die Bauern des Dienstahls bezichtigt hatten, um ihr „eigenes Fell“ zu retten.

Thema war auch der Fort- und Niedergang der herzoglichen Geschichte nach dem Tode von Herzog Hans, aus dessen zwei Ehen 23 Kinder hervorgegangen waren. Nach Teilung des Besitzes unter fünf Söhnen erweisen sich die neuen „Zwerg-Herzogtümer“ meist nicht als lebensfähig. So gingen auch die Gutsbetriebe auf Kekenis später in königlichen Besitz über und wurden aufgesiedelt, um von selbstständigen freien Bauern bewirtschaftet zu werden.

Der Altar der Kekeniser Kirche stammt aus einer Sonderburger Kirche. Er ist deutlich älter als das Gotteshaus, entstanden um 1450.

1864 Evakuierung dänischer Truppen

Der „Genforeningssten“ erinnert an das Ende der deutschen Herrschaft auf Kekenis, wo bei der aufgrund des Versailler Friedensvertrages nach dem Ersten Weltkrieg abgehaltenen Volksabstimmung eine sehr starke Mehrheit in der Gemeinde für die Vereinigung Nordschleswigs mit Dänemark votierte.

Jens Bladt berichtete über weitere geschichtliche Ereignisse. So über die Evakuierung Tausender dänischer Soldaten 1864 vor den heranrückenden preußischen Truppen, nachdem diese nach dem Ende des Waffenstillstandes nach der dänischen Niederlage auf den Düppeler Schanzen Ende Juni 1864 nach Alsen vorgedrungen waren. Bladt berichtete, dass von Einwohnerinnen und Einwohnern auf Kekenis bei der Volksabstimmung 1920 fast 600 für eine Vereinigung Nordschleswigs mit Dänemark gestimmt haben, nur 16 für einen Verbleib bei Deutschland.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wurden im Hörup Haff, das Kekenis von Alsen trennt, Torpedos getestet. Besichtigt wurde der Gedenkstein für die Kriegsgefallenen der Gemeinde Kekenis, die bis 1970 selbstständig war. Am Ende des Zweiten Weltkriegs versenkte die deutsche Marine zahlreiche U-Boote vor der Halbinsel, an die Schrecken der Besatzungszeit erinnert die Inschrift mit dem Namen eines örtlichen Grenzgendarms, der nach seiner Deportation 1944 noch im selben Jahr im KZ Neuengamme umgekommen ist.

Diese Zeichnung stellt die Ausschiffung dänischer Truppen von Kekenis aus dar. Sie brachten sich dort vor heranrückenden preußischen Soldaten in Sicherheit, die nach dem Ende des Waffenstillstands auch die Insel Alsen eroberten.

Letzte Etappe am entwässerten Hartsee

Letzte Etappe war ein Besuch am Hartsee (Hartsø), Denkmal zur Wiedervereinigung Nordschleswigs mit Dänemark 1920 und ein Markierungsstein zur Erinnerung an die Sturmflut 1872. Bei dieser Flut starb ein älteres Ehepaar auf Kekenis, zahlreiche Menschen konnten sich nur mit Mühe vor den tosenden Fluten retten, die vor gut 100 Jahren noch einen Meter höher standen als im Herbst 2023.

HAG-Vorstandsmitglied Volker Heesch berichtete über bisher vergebliche Bemühungen, den durch einen kleinen Strom mit der Flensburger Förde verbundenen Hartsee wieder in ein Naturparadies zu verwandeln. Nach anfänglicher Entwässerung der Niederung rund um den einst 50 Hektar großen See war in den 1930er-Jahren im Rahmen der staatlichen Förderung zur Gewinnung zusätzlicher Agrarflächen das Gewässer mit elektrischen Pumpen fast ganz trockengelegt worden.

Der Hartsee war bis in die 1930er-Jahre ein Naturparadies, in dem viele seltene Vogelarten brüteten. Eine Wiedervernässung des durch ein elektrisches Schöpfwerk trockengelegten Sees könnte zur Wiederansiedlung von Trauerseeschwalben, Bekassinen und Rohrsängern führen. Auch könnte sehr viel Kohlendioxid im Boden der überwiegend intensiv landwirtschaftlich genutzten Halbinsel gebunden werden. Nur noch drei Großbetriebe nutzen die Flächen. Es dominiert heute auch der Tourismus dort.

Hartsee wird von Zugvögeln besucht

Die dort einst heimischen Trauerseeschwalben, Löffelenten, Bekassinen und Drosselrohrsänger sind längst verschwunden. Allerdings dient das im Winterhalbjahr meist unter Wasser stehende Gewässer weiter vielen Zugvögeln als Rastgebiet. Ein Hochstand wird von Vogelbeobachterinnen und -beobachtern genutzt. Nur ein paar wenige Kiebitze ließen sich am Hartsee blicken, bevor die HAG-Gruppe die Heimreise antrat.