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Heimatkunde-Mitglieder durchstreiften jahrtausendealten Wald

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Die Gruppe der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig spazierte bei kühlem, aber sonnigem Wetter durch den Drawitter Wald, der als Natur-Nationalpark auch der Öffentlichkeit zugänglich bleibt.

Während der HAG-Exkursion in den Drawitter Wald waren Naturgeschichte und Rettung des berühmten Urwaldes und des Königsmoores bei Lügumkloster Thema. Auf dem Marquardsen-Hof in Fauerby gab es Informationen über die Siedlungen rund um Wälder und Moore.

Bei einem 2,5 Kilometer langen Streifzug durch den Drawitter Wald (Draved Skov) südlich von Lügumkloster (Løgumkloster) hat die Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) am Freitag die dortige reiche Pflanzenwelt kennengelernt. Während der Exkursion, zu der die HAG-Vorsitzende Gisela Jepsen 26 Mitglieder begrüßte, wurde auch dem Hof der Familie Marquardsen in Fauerby (Favrby) ein Besuch abgestattet. Zum Abschluss ging es außerdem zu dem heute noch rund 250 Hektar großen Königsmoor (Kongens Mose).

Naturschutz und Natur-Nationalpark

Während der Wanderung präsentierte sich der Wald in frischem Grün mit vielen Blütenpflanzen am Wegesrand. HAG-Vorstandsmitglied Volker Heesch konnte während der Tour auf den nach Wochen der Trockenheit gut begehbaren Waldwegen unter anderem die im Drawitter Wald vorkommenden Winterlinden und jede Menge Stieleichen-Baumriesen vorstellen. Sie zählen zum wertvollen Inventar des seit inzwischen 25 Jahren aus der Bewirtschaftung genommenen Drawitter Waldes, der laut politischen Beschlüssen den Titel Natur-Nationalpark erhalten soll.

Der aus Sonderburg (Sønderborg) stammende Botaniker und Geologe sowie Professor an der Universität Kopenhagen Johannes Iversen (1904-1971) hat vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren mithilfe der von ihm weiterentwickelten Pollenanalyse ermittelt, dass der Drawitter Wald seit 7.000 Jahren, seit der Erwärmung nach der jüngsten Eiszeit, existiert.

Die Vorkommen von Winterlinden mit ihren herzförmigen Blättern sind ein Zeugnis der Artenvielfalt des Drawitter Waldes, der in Teilen seit rund 7.000 Jahren erhalten geblieben ist.
Im Drawitter Wald sind Baumriesen wie die als „Skovkrukken“ bezeichnete Stieleiche zu sehen. Dieser Baum ist fast 400 Jahre alt. Er stirbt langsam ab, im morschen Holz leben Insektenlarven, die beispielsweise seltenen Vögeln wie dem Mittelspecht als Nahrung dienen.

In Dänemark wurden Wälder einst fast vollständig abgeholzt

Während in Dänemark sämtliche Wälder in vergangenen Jahrhunderten zeitweise von den Menschen zerstört worden waren, blieben Teile des Drawitter Waldes erhalten.

Grund war die Lage in einer schwer zugänglichen Gegend mit Mooren und Heiden, aber auch die Feuchtigkeit im Wald, der seit dem Mittelalter im Besitz Lügumklosters war.

Der Ausschnitt der Karte des Kreises Tondern von 1906 zeigt, dass der Drawitter Wald, seinerzeit noch als „Forst Dravit“ bezeichnet, von großen Moor- und Heidegebieten umgeben war. Die damalige preußische Forstverwaltung pflanzte wie die dänischen Vorgänger Nadelbäume in den alten Wald, bewahrte aber Teile mit altem Baumbestand.

König übernahm kirchlichen Besitz

Nach der Reformation 1536 war lange der dänische König Eigentümer des Waldes und des angrenzenden Moores, weil er sich die Besitztümer der Kirche angeeignet hatte. Neben dem Holzeinschlag spielte im Drawitter Wald auch die Nutzung als Weidegebiet für Rinder und die Schweinemast mit Eicheln eine Rolle. Bereits im 19. Jahrhundert kam der Wald in Obhut zunächst der dänischen Staatsforstbehörden, ab 1864 bis 1920 der preußischen. Nachdem weite Teile des Laubwaldbestandes bereits durch schnell wachsende Nadelgehölze ersetzt worden sind, erkannten bereits die Förster der deutschen Behörden, die vor 1900 umfangreiche Aufforstungen in Nordschleswig durchführten, die schützenswerten Laubwaldbereiche mit den andernorts längst verschwundenen, teilweise jahrhundertealten Linden.

Nach 1920 war es vor allem Johannes Iversen zu verdanken, dass wertvolle Restbestände des „Urwaldes“ trotz der vom staatlichen Forstamt angestrebten Umwandlung in einen Wirtschaftswald unterblieben.

Trotz der wochenlangen Trockenheit waren auch während der HAG-Tour noch für den Drawitter Wald typische Feuchtgebiete zu sehen. Das Naturschutzgebiet dient auch als Wasserspeicher für die angrenzenden Flächen.

Wissenschaftliche Erforschung seit 1948

Erst 1948 wurde ein Teil des Waldes Naturschutzgebiet, und es begannen umfangreiche wissenschaftliche Forschungen. Die nie umgepflügten Bodenschichten des Waldes dienen als Archiv zur heimischen Pflanzenwelt während der zurückliegenden Jahrtausende. Außerdem dient die reiche Pflanzenwelt auch als Genbank. Bei Neuaufforstungen in Dänemark werden Samen aus dem Drawitter Wald genutzt. Die Blütenstaubanalysen Professor Iversens zeigten auch, wann hierzulande erstmals Ackerbau im Zuge von Brandrodungen vor über 5.000 Jahren eingeführt wurde.

Beim Besuch auf dem Hof Marquardsen berichtete Christian Marquardsen über die vielen Generationen seiner Familie in Fauerby. Zu Wort kam auch Lokalhistoriker Frede Gotthardsen, der einen Artikel über das Königsmoor in der historischen Zeitschrift „Sønderjysk Månedsskrift“ (Jg. 2000/4) veröffentlicht hat. In derselben Ausgabe wird auch das Wirken Iversens beschrieben.

Auf dem Hof der Familie Marquardsen in Fauerby, wo in einer Scheune Kaffee und Kuchen serviert wurden, gab auch Lokalhistoriker Frede Gotthardsen (l.) aus Lügumkloster Erläuterungen zur Vergangenheit des Gebietes.

Beim abschließenden Besuch im Königsmoor konnten sich die Heimatkundlerinnen und Heimatkundler über den Stand der Renaturierung des Moores überzeugen, in dem heute Kraniche und seltene Watvögel wieder heimisch geworden sind. In seinem Artikel hat Gotthardsen beschrieben, wie jahrhundertelang Torf im Königsmoor abgebaut wurde.

Christian Marquardsen (l.), Vater des heutigen Hofeigentümers Harro Marquardsen, berichtete über die lange Geschichte des Hofes in Fauerby und ging dabei auch auf das Wirken seines Vaters, des einstigen BDN-Hauptvorsitzenden und SP-Politikers Harro Marquardsen (1910-1991) ein. Rechts neben ihm HAG-Vorstandsmitglied Ernst August Hansen

Aber mit industriellen Abbaumethoden und intensiver Entwässerung verschwanden große Teile des Königsmoores, teilweise wurde das Gebiet im 20. Jahrhundert landwirtschaftliche Nutzfläche. Die Vernichtung des letzten Stücks Hochmoor stand in den 1990er-Jahren bevor. Die Moorvegetation war bereits weitgehend von Gebüsch überwuchert worden. Mit Maschineneinsatz wurde viel Gebüsch entfernt. Zu den Naturschutzerfolgen zählt die Ansiedlung von Kranichen in dem Feuchtgebiet.

Vom Beobachtungsturm am Königsmoor konnten die HAG-Mitglieder das Königsmoor überblicken, in dem Wollgras das Bild beherrschte. Im Zuge der Renaturierung ist der Wasserstand in dem Gebiet erhöht worden. Damit kann das Torfmoos wieder gedeihen, und es besteht die Hoffnung, dass sich wieder ein Hochmoor bildet.

Infos zu Höfen am Wald

HAG-Mitglied Broder Ratenburg berichtete über die Geschichte der Höfe Friedrichshof/Frederiksgaard und Skovgaard, erbaut als Hoheneck, deren Namenswechsel an die deutsche Verwaltungssprache im einstigen Herzogtum Schleswig bzw. Besitzerwechsel nach der Vereinigung Nordschleswigs mit Dänemark 1920 erinnern.