Geschichte

HAG-Jahrestreffen: Blick in NS-Zentrale der Minderheit vor 1945

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Während seines Vortrags bei der Generalversammlung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) zeigte Referent Claus Pørksen eines der wenigen Fotos aus dem Innern der Zentrale der NS-geprägten deutschen Minderheit vor 1945: Der Saal wurde durch ein Hitler-Bild beherrscht.

Bei der Generalversammlung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig referierte Claus Pørksen über „das Dibbernhaus. Hauptverwaltungsgebäude der deutschen Volksgruppe“: Das Sagen hatte die Naziführung in Berlin. Während der Besatzungszeit wurden Millionenbeträge über die Büros in Apenrade bewegt.

Die Vorsitzende Gisela Jepsen hat bei der Generalversammlung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) Rückschau auf zahlreiche Veranstaltungen des Vereins der deutschen Minderheit in Dänemark gehalten, die meist auf großes Interesse gestoßen sind.

Während des Jahrestreffens mit rund 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Haus Nordschleswig hielt HAG-Vorstandsmitglied Claus Pørksen einen Vortrag über Personen und Funktionen der Zentrale der NS-beherrschten deutschen Minderheit, insbesondere während der Besetzung Dänemarks im Zweiten Weltkrieg.

Die Vorsitzende der HAG, Gisela Jepsen, blickte während der Jahresversammlung des Verbandes in Apenrade auf ein Jahr 2024 mit vielen gut besuchten Veranstaltungen zurück.

1945 wurden belastende Unterlagen aus der NS-Zentrale in Apenrade vernichtet

Unter dem Titel „Das Dibbernhaus, Hauptverwaltungsgebäude der deutschen Volksgruppe und der Partei 1937–1945“ stellte Pørksen den Betrieb in dem kurz vor 1900 als Praxisgebäude des 1932 verstorbenen Arztes Johann Dibbern erbauten Hauses vor.

„Alle Dokumente aus dem Dibbernhaus sind 1945 kurz vor dem Ende der deutschen Besatzung verbrannt worden“, so HAG-Vorstandsmitglied und Hobbyhistoriker Pørksen zur schwierigen Erforschung des Innenlebens der seit Mitte der 1930er-Jahre auf NS-Kurs gebrachten deutschen Minderheit.

Claus Pørksen illustrierte seine Ausführungen durch Lichtbilder. Unter anderem aus dem Bestand des Deutschen Museums Nordschleswig ein Zeitungsfoto, das eine Gruppe Menschen aus der „Glanzzeit“ des Gebäudes während der Besatzungszeit vor 1945 zeigt. Ein Plakat (rechts auf dem Foto) weist darauf hin, dass sich im Gebäude ein Schutzraum für Anwohnerinnen und Anwohner bei Luftalarm befand.

Deutsche Nordschleswiger waren „Volksdeutsche“

Der Referent erläuterte, dass seinerzeit der Begriff „deutsche Volksgruppe“ üblich war, die wie andere deutsche Minderheiten in Europa als „Volksdeutsche“ bezeichnet wurden, neben den „Reichsdeutschen“ innerhalb der deutschen Grenzen.

Pørksen, der seinen Vortrag durch Lichtbilder von wenigen erhaltenen Fotos aus dem Dibbernhaus illustrierte, berichtete über eine kleine Gruppe von Spitzenfunktionären um den seit 1935 in der Minderheit herrschenden Führer der NSDAP (N), Jens Möller.

Die Funktionäre der NS-Organisation für die Jugend der deutschen Minderheit, Deutsche Jungenschaft Nordschleswig (DJN), sind auf dem Foto zu sehen. Viele junge Menschen wurden durch die Nazipropaganda zum Kriegsdienst in den Hitlerarmeen motiviert.
Claus Pørksen hat viele Informationen über das Wirken der deutschen Minderheit in der NS-Zeit aus Dokumenten entnommen, die nach 1945 der dänische Historiker Johan Hvidtfeldt in deutschen Archiven in Berlin kopieren konnte. Belastendes Material in Nordschleswig war meist vernichtet worden. Abgebildet ist ein Ausschnitt aus einem Brief von Staatsminister Scavenius an den Reichsbevollmächtigen Best, der mit dem „Volksgruppenführer" Jens Möller befreundet war.

Seit 1938 war er „Volksgruppenführer“ und 1939 bis 1943 auch Folketingsmitglied. „Es gibt nicht ein Stück Papier aus dem Dibbernhaus“, so Pørksen, und er erklärte, dass Zeitzeugenberichte und Lebenserinnerungen mit Äußerungen zum Betrieb dort oft nicht glaubwürdig seien. Stichhaltige Dokumente zum Treiben der ohne demokratische Legitimation agierenden NS-Führung der Minderheit lieferten allein Unterlagen, die in deutschen Archiven in Berlin vom dänischen Historiker und Reichsarchivar Johan Hvidtfeldt (1908-1979) nach 1945 aufgespürt und für die dänische Justiz kopiert worden sind.

Der „Volksgruppenführer“ Dr. Jens Möller war beruflich als Tierarzt tätig. Seine Handlungsmöglichkeiten wurden durch Kommandos aus der Naziführung in Berlin begrenzt.

„Ohne das Material könnte ich keinen Bericht über das Dibbernhaus vorlegen“, so Pørksen, der die in Buchform veröffentlichten Funde Hvidtfelds, der 1936 bis 1946 Archivar am Landesarchiv Apenrade gewesen ist, ausgewertet hat.

Claus Pørksen verdeutlichte mit diesem Diagramm den Einsatz des Dibbernhauses für die deutsche Besatzungsmacht und Hitlers Kriegsmaschinerie.

Möller war auch Eigentümer des Dibbernhauses

Es wurde berichtet, dass Jens Møller, der viele Jahre auch Eigentümer des Dibbernhauses war, als Hauptverantwortlicher von Verbrechen der deutschen Nordschleswiger zu 13 Jahren Haft verurteilt worden ist. Er war auch Hauptverantwortlicher für im NS-Militär gefallene 750 deutsche Nordschleswiger und Verurteilung von über 2.000 Personen aus der Minderheit nach 1945.

Pørksen erläuterte, dass die NS-Spitze in Apenrade die Macht in der Minderheit ausübte. „Die deutschen Stellen in Berlin hatten aber letztlich das Sagen auch im Dibbernhaus“, so der Referent unter Hinweis auf das „Zurückpfeifen“ der deutschen Minderheit aus Berlin, wo man nach der Besetzung Dänemarks am 9. April 1940 Rufe nach einer Grenzrevision verbot.

Das Diagramm zeigt, wie die Organisationen der deutschen Minderheit in der NS-Zeit mit den zuständigen Stellen in Deutschland zusammengearbeitet hat.

Pørksen stellte die Strukturen vor, die von Berlin aus vom Reichsführer SS über die „Volksdeutsche Mittelstelle“ ebenso wie das Auswärtige Amt, die deutsche Gesandtschaft in Kopenhagen und den dortigen „Reichsbevollmächtigten“, seit 1942 Dr. Werner Best, den Kurs in Nordschleswig vorgab.

Skrupelloser Adjutant Möllers

Pørksen berichtete, dass die NS-Spitze in Apenrade die Macht in der Minderheit ausübte. „Die deutschen Stellen in Berlin hatten aber letztlich das Sagen auch im Dibbernhaus“, so der Referent unter Hinweis auf das „Zurückpfeifen“ der deutschen Minderheit aus Berlin, wo man nach der Besetzung Dänemarks am 9. April 1940 Rufe nach einer Grenzrevision verbot.

Pørksen stellte die zentralen Akteure neben Möller vor, die Finanzen, Schulwesen, Kultur, Jugendarbeit und Presse in der NS-geprägten Minderheit lenkten. Als ganz wichtige Funktion der Leute im Dibbernhaus stellte er deren Einsatz für die Rekrutierung von Kriegsfreiwilligen, Arbeitskräften für die Besatzungsmacht und Produktion von Materialien durch Angehörige der Minderheit vor. Er nannte unter anderem den Anwalt Dr. Lauritz Clausen als Organisator, der es schaffte, in der Besatzungszeit erworbenes Vermögen für sich zu sichern. Peter Larsen, den „getreuen Eckhard“ und Adjutanten Möllers, bezeichnete Pørksen als skrupellose Person, die „überall mitmischte“, politische Gegner aussortierte und als Leiter der paramilitärischen Gruppen der Minderheit fungierte, was ihm eine mehrjährige Gefängnisstrafe einbrachte.

Jef Blume zählte zu den fanatischen Nazi-Anhängern in der Minderheit vor 1945.

Führungsposten nach 1945

Auch Jugendführer Jef Blume stellte er als fanatischen Nazi vor, der als Jugendführer viele junge Nordschleswiger zum Dienst in der Waffen-SS trieb. „Er hat bis zum Schluss für die Sache gekämpft“, was später kein Hindernis war, Führungsposten in der Nachkriegsspitze des Bundes Deutscher Nordschleswiger einzunehmen.

Berüchtigt ist auch der Einsatz des nur kurz amtierenden Nachfolgers von Blume als Jugendführer, Johann Thorius, der im Frühjahr 1945 versuchte, noch 16-Jährige zum Kriegsdienst zu drängen.

Wirtschaftsexperte später bei Danfoss

Zum Leiter der „Wirtschaftssparte“ der NS-Zentrale im Dibbernhaus, Peter Hansen-Damm, sagte Pørksen, dass dieser dort ein „Big Business“ steuerte. Es wurden Aufträge an Angehörige der Minderheit vergeben und Arbeitskräfte vermittelt. Er erwähnte auch Hansen-Damms zweite Karriere nach dem Krieg als führender Mitarbeiter im Danfoss-Konzern, der viele Kontakte nach Deutschland aufbaute.

Arbeitslosigkeit verschwunden

„Es gab ab 1940 keine arbeitslosen Nordschleswiger mehr“, berichtete der mit der NS-Geschichte der Minderheit vertraute Hobby-Historiker. Viele deutsche Nordschleswiger fanden Posten als Wachleute in ganz Dänemark, oft lieferten sie Informationen an die Gestapo, so Pørksen laut Erkenntnissen aus den von ihm studierten Akten, die Archivar Hvidtfeldt in Berlin beispielsweise aus Schriftwechseln zwischen Dibbernhaus und Stellen in Berlin entnommen hatte. Über den Leiter des für „Ariernachweise“ im Dibbernhaus-Sippenamt zuständigen Dr. Max Rasch berichtete Pørksen, dass dieser ebenso wie der Aufträge der Wehrmacht organisierende Hans Fürsen auch als deutscher Spion aktiv gewesen ist.

Claus Pørksens Erkenntnisse zum Dibbernhaus werden ausführlicher im Jahresheft 2025 der HAG veröffentlicht.

Drei Exkursionen der Heimatkundler in diesem Jahr

Archivarin Nina Jebsen berichtete während der HAG-Generalversammlung über die intensive Arbeit des Archivs der deutschen Minderheit in Sonderburg (Sønderborg).

Die Generalversammlung wurde über das Angebot von drei Exkursionen mit der HAG in diesem Jahr informiert: Am Freitag, 25. April, führt eine Ganztagesfahrt zum Schloss Gelting in Angeln und ins Naturschutzgebiet Geltinger Birk, am Freitag, 23. Mai, geht es auf Halbtagesfahrt in den Drawitter Wald, und am Freitag, 29. August, nach Lügumkloster. Die Generalversammlung beschloss eine Beitragserhöhung von jährlich 130 auf 150 Kronen pro Person/Haushalt. Als Vorstandsmitglieder wurden Frank Lubowitz, Volker Heesch und Gudrun Kromand wiedergewählt.

HAG gedachte Andre Riggelsens

Gisela Jepsen berichtete, dass der kürzlich verstorbene Andre Riggelsen der HAG einen Betrag von 30.000 Kronen geschenkt hat. Man gedenke des treuen Mitglieds in großer Dankbarkeit, der jahrzehntelang HAG-Mitglied gewesen war.