Deutsche Minderheit

Heimatkundliche AG: Geltinger Baron führt durch Adelssitz

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Baron Friedrich von Hobe (hinten links) begrüßte die HAG-Gruppe aus Nordschleswig vor dem Familienbesitz, dem Herrenhaus Gelting. Rechts neben ihm die HAG-Vorsitzende Gisela Jepsen

Die Gruppe aus Nordschleswig lernte während der HAG-Ganztagesfahrt auch die Geltinger Kirche, die Karriere eines nordfriesischen Seefahrers im niederländschen Kolonialreich und das bedeutsame Naturschutzgebiet Geltinger Birk kennen. Das Naturschutzgebiet fördert Zugvögel und Tourismus.

Die Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) hat am Freitag während ihrer Tagesfahrt die Geschichte und den Naturreichtum in Gelting im Nordosten der Landschaft Angeln kennengelernt.

HAG-Tour war ausgebucht

Alle 40 Plätze während der ersten diesjährigen Exkursion des auf Geschichte, Kultur und Natur der deutsch-dänischen Grenzregion spezialisierten Verbandes der deutschen Minderheit waren besetzt.

Zum Auftakt steuerte der Bus die Kirche des Dorfes Gelting an, weitere Stationen waren das oft auch als Schloss bezeichnete Herrenhaus der Adelsfamilie von Hobe und die während der vergangenen Jahrzehnte umfangreich renaturierte Halbinsel Geltinger Birk an der Flensburger Förde.

Die Geltinger Kirche ist im Mittelalter errichtet worden. Ein Umbau erfolgte im 18. Jahrhundert. Dabei wurde der Innenraum klassizistisch gestaltet.

HAG-Vorstandsmitglied Lorenz P. Wree, das zusammen mit der Vorsitzenden Gisela Jepsen die Fahrt vorbereitet hatte, gab während der gemeinsamen Busfahrt eine Einführung in die Geschichte Geltings und des dort von Gutsherrschaften geprägten Bereichs von Angeln.

Lorenz P. Wree, Pastor emeritus und Vorstandsmitglied der HAG, gab eingehende Erläuterungen zur Geschichte der Kirche zu Gelting, die sich seit 1793 im klassizistischen Stil präsentiert, ohne „verwirrende“ Stilelemente, die vom Blick auf Gott „ablenken“ könnten.

Familiäre Wurzeln in Nordfriesland

So erfuhren die HAG-Mitglieder, dass die heutige Eigentümerfamilie von Hobe-Gelting in Person des aus Langenhorn in Nordfriesland gebürtigen Seneca Inggersen (1715-1786) in den Besitz des schon im 13. Jahrhundert als Besitz König Waldemars II. urkundlich erwähnten Adelshofes Gelting gelangt ist.

Der heutige Herr des Besitzes, Friedrich von Hobe, der die Nordschleswiger persönlich durch sein Herrenhaus führte, berichtete über die „Karriere“ des als Sönke Ingwersen in Langenhorn geborenen Vorfahren.

Während seiner Führung durch das Geltinger Herrenhaus stellte Friedrich von Hobe auch einen Schrank mit Landkarten vor. Sie zeigen das niederländische Kolonialreich im heutigen Indonesien und Schifffahrtsrouten dorthin, die der aus Langenhorn in Nordfriesland in niederländische Führungspositionen aufgestiegene Vorfahr seiner Familie, Seneca von Geltingen, als Seefahrer bereist hat.

Als Seefahrer in die Niederlande

Ingwersen war als Seefahrer in niederländische Dienste getreten und nach Ausbildung zum Chirurgen und Pharmazeuten in niederländisch Ostindiens Hauptstadt Batavia auf Java zum Spitzenbeamten aufgestiegen. Im Gewürzhandel und als Plantagenbetreiber gelangte er zu großem Reichtum.

Von Hobe erläuterte, dass die dänische Regierung nach dessen Rückkehr von Java 1757 an den sich inzwischen Seneca Ingwersen nennenden „Erfolgsmann“ herangetreten war, um diesen für ein Engagement für seinen Heimatstaat zu gewinnen, denn er war ja im Herzogtum Schleswig gebürtig, das seit 1713 vollständig von Kopenhagen aus regiert wurde. Mit dem Erwerb des Gutes Gelting, das nach dem Konkurs der dortigen Besitzerfamilie Ahlefeld dem dänischen König zugefallen war, wurde Seneca als Baron von Geltingen in den Freiherrenstand erhoben. Er ließ um 1770 das Herrenhaus teilweise neu aufbauen.

Ein Stuckbildnis Seneca von Geltingens (1715-1786) ist in einem der prachtvollen Säle des Herrenhauses zu sehen, das der gebürtige Nordfriese um 1770 im Mittelbereich ganz neu aufbauen ließ.
Baron Seneca von Geltingen hat nach dem Erwerb des Herrenhauses Gelting 1758 vom dänischen König Frederik V. (1723-1766) im Jahre 1770 umfangreiche Umbauten am Bauwerk vornehmen lassen.

Sohn der Schwester erbte das Herrenhaus

Sein ihm nachfolgender Sohn Christian Rudolf ließ 1789 einen französischen und englischen Garten anlegen – die Parkanlagen präsenterten sich der HAG-Gruppe in schönsten Frühlingsfarben. Dieser 1820 verstorbene Baron vererbte Gelting an den Sohn seiner Schwester Adriana von Hobe, der seit 1821 als Baron von Hobe-Gelting die bis heute im Herrenhaus residierende Familienlinie begründete.

In seinem Vortrag erwähnte Friedrich von Hobe viele Details der Familiengeschichte.

Im Herrenhaus Gelting sind viele Gegenstände zu sehen, die durch niederländischen Einfluss geprägt sind. Seneca von Geltingen hatte sie in dem von ihm dem dänischen König abgekauften Prachtbau platziert. Auch die Fenster sind in ihrer beachtlichen Größe nach niederländischem Vorbild 1770 eingebaut worden.

Gebürtiger Friese war kein Sklavenhalter

„Er hat keine Sklaven auf seinen Plantagen beschäftigt“, so Friedrich von Hobe. Das Personal des späteren Seneca von Geltingen auf Java wurde per Vertrag angestellt und entlohnt. Der zweite Besitzer des Herrenhauses und Gutsbetriebs Gelting, Rudolf von Geltingen, ist als Reformer bekannt geworden, denn er hob bereits 1789 freiwillig die Leibeigenschaft in seinem Besitztum auf. Der heutige Herr im Betrieb berichtete auch, dass die Familie einen großen Teil des Vermögens des als Seemann zum Adligen aufgestiegenen Senecas Ende des 18. Jahrhunderts verloren hat, weil es in französischen Wertpapieren angelegt war, die in den Revolutionswirren wertlos wurden.

Der heutige Baron von Hobe erläuterte auch die Anlage des Herrensitzes als militärische Anlage. Daran erinnern Kanonen, die einer seiner Vorfahren 1866 von den neuen preußischen Behörden nach dem Ende des Zweiten Schleswigschen Krieges als Ausgleich für die 1864 in Gelting geraubten Kanonen erhalten hatte.

In einem Raum des Herrenhauses Gelting hängt ein Bildnis des französischen „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. Sein Enkel wurde in der Französichen Revolution entmachtet und hingerichtet. Die Familie von Geltingen büßte in dieser Phase Teile ihres Vermögens ein, das in französischen Wertpapieren angelegt war.

„Sie standen bis dahin am Schloss in Sonderburg“, so der Baron. Laut der Topografie des Herzogtums Schleswig, Ausgabe 1906, hatte die dänische Armee, die 1864 von Preußen und Österreichern besiegt worden war, bei ihrem Rückzug aus dem Herzogtum die alten Geltinger Geschütze nach Kopenhagen verlegt.

Kanonen „zieren“ heute die einstigen Festungsanlagen des Herrenhauses Gelting. Sie wurden 1866 vom Sonderburger Schloss als „Schadenersatz“ nach Angeln gebracht, weil die im Krieg 1864 nach Norden aus dem südlichen Herzogtum Schleswig abziehenden Dänen die alten Geltinger Geschütze nach Kopenhagen „entführt“ hatten.

Alter Altar übertüncht

Bei der Ankunft im Dorf Gelting besuchte die HAG-Gruppe die Geltinger Kirche, die sich nach dem Umbau 1793 – der Baron von Geltingen war als Kirchpatron der Initiator – als Gotteshaus im klassizistischen Stil präsentierte. „Hier herrschen nur klare Formen, nichts soll verwirren, der Blick soll nur auf Gott gelenkt werden“, so Lorenz Wree, und er verwies auf „Gottes Auge“ als Ornament in der Kirche. Der einst farbenprächtige gotische Altar war bei der „Modernisierung“ weiß übertüncht worden.

Nach dem Mittagessen in Wackerballig mit Ausblick auf die Flensburger Förde wurde die Geltinger Birk angesteuert. Der Natur-, Landschafts- und Kulturführer Ernst Otto Löwenstrom erwartete dort die Gruppe zu einem Streifzug auf die Halbinsel, die während der vergangenen Jahrhunderte, geformt durch Sturmfluten, Eindeichungen und Entwässerungen, ihr Aussehen mehrfach verändert hat.

Naturführer Ernst-Otto von Löwenstrom erläuterte gut verständlich die Entstehung der heutigen Halbinsel Geltinger Birk, in der ursprünglich die Insel Beweroe getrennt vom Festland lag.

„Mühle“ zur Entwässerung

An der Entwässerungs-„Mühle" Charlotte, die seit über 30 Jahren kein Wasser mehr pumpt, erläuterte Löwenstrom dort auf benachbarten Flächen brütende Küstenvögel wie die Flussseeschwalben, Säbelschnäbler, Austernfischer und Entenvögel. Er berichtete über die Übertragung der Geltinger Birk in die Obhut der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, die im Zuge von Landtausch große Flächen übernommen hat, die zuvor zum Besitz der Familie von Hobe-Gelting gehörten. „Seit 1934 ist die Geltinger Birk Naturschutzgebiet“, so der Naturführer, der über anfangs vorhandenen Protest Einheimischer gegen die seit 2013 verstärkt durchgeführte Wiedervernässung einst trockengelegter Flächen der Birk berichtete.

Inzwischen ist die reiche Natur ein entscheidender Faktor für den in Gelting blühenden Tourismus. Löwenstrom erläuterte die große Bedeutung der Geltinger Birk für die Zugvögel. Die dortigen Flachwasserbereiche, Sandnehrungen und Wiesen, auf denen Robustrinder Bewuchs kurz halten, dienen vielen Arten bei Langstreckenflügen als Rastplatz und „Nahrungstankstelle“. Nach schönen Ausblicken auf die Flensburger Außenförde mit der Insel Alsen am Horizont und einem Gang durch eine blühende Landschaft ging es zurück Richtung Grenze und Nordschleswig.

Die Mühle Charlotte ist ein Wahrzeichen der Geltinger Birk. Sie ist durch moderne Pumpen ersetzt worden, die Wasser in wiedervernässte Bereiche des Naturschutzgebietes leiten.
Die Säbelschnäbler zählen wie Seeschwalben zu den Brutvögeln der Geltinger Birk, die auch als Rastgebiet Tausender Zugvögel dient, die als im hohen Norden brütende Arten die Naturoase an der Flensburger Förde anfliegen.