Erziehung

Nicht ideal: Freundschaft in der Eltern-Kind-Beziehung

Nicht ideal: Freundschaft in der Eltern-Kind-Beziehung

Nicht ideal: Freundschaft in der Eltern-Kind-Beziehung

Lorena Dreusicke/shz.de
Windberg
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Fast erdrückt von mütterlicher Liebe: Eltern-Kind-Beziehungen sind viel mehr als nur Freundschaft. (Symbolbild) Foto: imago images/Cavan Images/Kelsey Smith

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Viele Eltern pflegen zu ihren Kindern ein kumpeliges Verhältnis. Warum das nicht ideal ist, erklärt ein Familiencoach.

Die Beziehung zu den Eltern ist für Kinder die erste und prägendste in ihrem Leben. Gab es früher üblicherweise steile Hierarchien mit dem Vater als Familienoberhaupt und strengem Erzieher, wünschen sich Eltern heute oft eine Beziehung auf Augenhöhe mit ihren Kindern. Doch eine Freundschaft zum Nachwuchs hat ihre Tücken. Eltern verkaufen sich damit unter Wert, meint ein Familiencoach.

Einerseits ist es gut, dass die autoritäre Gehorsamskultur langsam in die Knie geht, weil sie nur Verlierer produziert hat – auf Seiten der Eltern, wie der Kinder. Andererseits gehen Eltern jetzt in das andere Extrem und wollen gerne Freunde ihrer Kinder sein. Das ist keine gute Idee.

Mathias Voelchert, Familienberater

Mathias Voelchert berät Eltern, bildet Beziehungstrainer aus und hat mehrere Bücher geschrieben. Zudem leitet er den deutschen Arm der Organisation familylab, die sich auf die Erfahrungen und Theorien des renommierten dänischen Familientherapeuten Jesper Juul beruft.

Im Gespräch mit unserer Redaktion bestätigt der 67-Jährige die Beobachtungen von Generationenforschern: Junge Eltern seien häufig große Fans ihrer Kinder und sehen sich als ihre Freunde. Manchmal spielten sie sogar eine so große Rolle in ihrem Leben, dass die Kinder unselbstständig bleiben. Von Überbehütung ist dann die Rede. Doch warum ist der Versuch, eine Freundschaft mit dem Kind zu führen, der falsche Weg?

Sind Eltern besser als Erzieher oder als Freunde?

"Eltern spielen in einer ganz anderen Liga", stellt Voelchert klar. "Die allermeisten Väter und Mütter würden ihr Leben für ihr Kind geben. Ein Freund tut das normalerweise nicht und das ist auch in Ordnung."

Andersherum bekämen Eltern von ihren Kindern bedingungslose Liebe geschenkt. "Das Kind denkt ja bis es sechs oder sieben ist, seine Eltern sind die Größten und Tollsten der Welt. Alle anderen haben nicht so tolle Eltern wie ich. Das denkt man meist nicht vom Freund im Kindergarten oder in der Schule."

Bei einer freundschaftlichen Beziehung mit ihren Kindern verkaufen sich Eltern unter Wert.

Mathias Voelchert, familylab.de

Während die Beziehung zu Freunden oft gleichwertig und auf Augenhöhe ist, sei sie bei Eltern und Kind im besten Fall "gleichwürdig". Der von Therapeut Juul geprägte Begriff berücksichtige, dass Erwachsene und Kinder nicht gleich sind, sagt Voelchert. Die Eltern haben demnach die Macht und die Verantwortung – je jünger das Kind ist, umso mehr.

Für kleine Kinder sind die eigenen Eltern die tollsten der Welt. Dass der Eindruck in der Pubertät bröckelt, ist normal. Foto: imago images/Cavan Images/Rachel Annie Bell

Bis die Kinder in die Pubertät kommen, sollten Eltern ihren Erziehungsauftrag erfüllt, also alle notwendigen Werte und Fähigkeiten vermittelt haben. "Die Idee ist, dass die Kinder nach 18, 19, 20 Jahren so viel Eigenverantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen können, dass sie ausziehen und sicher durch ihr Leben gehen können."

Lieber befreundet sein, um Konflikte zu vermeiden?

Wenn Eltern nun ein Beste-Freunde-Verhältnis anstreben, gehe das nach hinten los, warnt Voelchert. "Wenn ich versuche, über die gute Freundschaft mein Kind zu erreichen, sodass mein Kind mir keine Probleme macht, dann besteche ich es sozusagen mit pseudoliebevollen Gefühlen. Ich versuche dann, das billig zu bekommen, was innerhalb der Beziehung erarbeitet werden muss."

Das Ausspielen des Machtverhältnisses kann zu Streit führen, aber stärkt gleichzeitig die Eltern-Kind-Beziehung, merkt er an. "Oft ist das wie ein Verkaufsgespräch, dass Eltern davon reden, sie hätten ein sehr gutes Verhältnis und meinen damit ein konfliktfreies Verhältnis." Konflikte seien aber per se nicht schlecht, sondern gehörten zu allen Beziehungen dazu, vor allem zu Eltern-Kind-Beziehungen.

Die Frage ist, wie man die Konflikte gestaltet, konstruktiv oder destruktiv. Die Verantwortung dafür tragen natürlich die Eltern und da müssen sie ihren Kindern manchmal eben zumuten, dass etwas gegen ihren Willen getan wird.

Mathias Voelchert, Elternberater

Die US-Serie "Gilmore Girls" (2000-2007) dreht sich um ein Mutter-Tochter-Gespann, die sich als beste Freundinnen verstehen. Ihr enges Verhältnis steht im krassen Gegensatz zur distanzierten Beziehung von Mutter Lorelai zu ihrer Mutter Emily. Zückt Lorelai jedoch die "Mama-Karte" für ihre Tochter Rory, zerrüttet das sogleich ihr Verhältnis. Eine Freundschaft verträgt so eine (elterliche) Bevormundung nämlich nicht. Foto: imago images/Cinema Publishers Collection/APC/Ron Batzdorff

Was sollten Eltern für ein inniges Verhältnis mit ihren Kindern tun?

"Kinder wollen ihre Eltern groß, nicht gleich", sagt Voelchert. Spätestens in der Pubertät nutzen Kinder ihre Eltern als Sparringspartner. "Die Idee ist nicht, den anderen K.O. zu hauen, sondern möglichst großen Widerstand zu geben, aber dabei möglichst wenig Schaden anzurichten. Das ist auch für Eltern sehr wichtig, dass sie nicht süßlich-lieb ihre Kinder befreunden wollen, sondern dass sie ihren Kindern, je älter sie werden, auch Widerstand geben."

Sind die Kinder groß, könne die Beziehung zu den Eltern freundschaftliche Züge bekommen. Dennoch bleibe die Beziehung besonders: Freundschaften können zerbrechen, ohne dass man ihnen nachweint. Eine Kontaktlosigkeit zwischen Eltern und Kindern belaste die Betroffenen auch 20 Jahre später noch, sagt Voelchert. "Da ist eine existenzielle Verbindung zwischen Müttern, Vätern und Kindern."

Das bedeute allerdings auch: "Eltern können furchtbare Sachen machen und Kinder halten es aus, weil sie dazu gehören wollen. Es gibt nichts Schlimmeres für ein Kind, als ausgeschlossen zu werden. Deshalb ist es das Schönste für ein Kind, wenn es dabei sein kann, wenn es angenommen wird, so wie es ist."

Topmodel Heidi Klum, die sich selbst als Helikopter-Mutter bezeichnet, hat kürzlich ihre Tochter Leni Klum der Öffentlichkeit vorgestellt. In ihrem ersten gemeinsamen Interview sagt das 16-jährige Nachwuchs-Model, sie und ihre Mutter seien "Besties". "Ich erzähle dir alles." Foto: dpa/Chris Colls/Vogue

Ist die autoritäre Erziehung am Ende? Ja und Nein

Die autoritäre Gehorsamskultur gibt es nach wie vor, sagt Voelchert. Das zeige der Blick auf den Kult um Politiker wie Donald Trump oder Recep Tayyip Erdogan, den Demokratie-Abbau in Ungarn und Polen, oder auch die Autoritätskultur in Wirtschaft und Kirchen. Hier funktioniere noch vieles nach dem Prinzip: "Mein Wort gilt und du hast zu tun, was ich Dir sage."

In Deutschland, Skandinavien und den Benelux-Staaten sind wir dabei, das zu verändern. Hier ist autoritäre Erziehung nicht mehr salonfähig und das ist gut so. Aber in den Schulen wird immer noch das Spiel gespielt, 'Ich weiß etwas, das du nicht weißt'. Autoritäre Benotung ist en vogue und wird auch von vielen Eltern so gefordert.

Mathias Voelchert, Beziehungsberater

Außerdem sei ein Teil der Bevölkerung immer noch der Meinung, dass eine Ohrfeige noch niemandem geschadet habe. "Da auszubrechen erfordert, dass man sich damit auseinander setzt." Denn negative, disziplinierende Erziehungsmaßnahmen seien immer beziehungsschwächend. Diese nicht nachzumachen, sei eine wichtige Elternlektion, sagt Voelchert. Immer wieder seien Eltern erschrocken, wie tief ihnen ihre eigene schmerzliche Erziehung in den Knochen sitzt.

Beziehung über Erziehung: Kinder machen eh alles nach

Dabei sei es irrelevant, aus welcher Bildungsschicht die Familien sind: "Die Herzensbildung hat nichts mit Bildung zu tun. Wir haben Familien, die kein Deutsch sprechen und mit dem Computer nichts zu tun haben und hervorragend durch die Corona-Zeit kommen, weil sie mit ihren Kindern eine nahe, gleichwürdige Beziehung auf Augenhöhe haben. Weil sie ihre Kinder sehen, ihnen nahe sind, ihre Gefühle lesen können, Zeit mit ihnen verbringen. Während manch andere die Kinder als Menschen ansehen, die funktionieren sollen, denn dann seien sie gute Kinder."

Die wahre Erziehung finde zwischen den Zeilen statt, sagt der Familienberater. "Es ist nicht das, was wir verbal formulieren, sondern die Kinder machen uns nach, was wir vorleben. Deshalb kann man sich das Erziehen auch sparen und lieber eine gute Beziehung pflegen." Die Verantwortung für die Qualität der Beziehung trügen die Eltern, sagt er und fasst zusammen: "Es geht um liebevolle elterliche Führung, nicht darum 'Buddy' zu sein. 'Ich bin der Große, du bist das Kind. Du kannst randalieren, du kannst Widerstand leisten. Ich habe eine bedingungslose Liebe zu dir, egal, was du aufführst.''

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