Die Woche am Alsensund

„Nicht mal James Bond weiß, wie es weiter geht“

Nicht mal James Bond weiß, wie es weiter geht

Nicht mal James Bond weiß, wie es weiter geht

Sonderburg/Sønderborg
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Wartet auf den Frühling und auf neue Überschriften: Journalistin Sara Wasmund. Foto: Karin Riggelsen

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Vor rund einem Jahr war plötzlich alles anders. Wie Corona die Arbeit der Lokalredaktion geprägt hat und warum niemand die Überschriften der kommenden 12 Monate kennt, beschreibt Sara Wasmund in ihrer Kolumne „Die Woche am Alsensund“.

Diese Woche am Alsensund begann mit ersten zaghaften Frühlingsgefühlen. Die Einzelhandelsgeschäfte in den Innenstädten des Landes durften nach über zwei Monaten wieder öffnen. Endlich! Endlich!, hörte man Kunden und Geschäftsinhaber allerorten jubeln, in Gravenstein, Norburg und nicht zuletzt in der Sonderburger Fußgängerzone.

Die Kassen klingelten geradezu feierlich um die Wette, winterbleiche Einkaufende flanierten im Sonnenschein. Blusen mit Puff-Ärmeln und ganze Berge an Männersocken wechselten den Besitzer. Zwei Monate im Shutdown ging offenbar nicht nur aufs Zahnfleisch, sondern auch an die Sockensubstanz. In der Perlegade summt und brummt es seitdem, als würde eine Großfamilie der Dunklen Erdhummel kurz unter der Oberfläche im Gemüsebeet Bienenbrot backen.

Meine Kollegin Ilse sprach mit passierenden Passanten auf der Perlegade und ich mit Ehrenamtlichen eines Second-Hand-Ladens in Wester-Satrup, den ich völlig uneigennützig bereits kurz vor Ladeneröffnung aufsuchte, um mir zwei kleine Stehlampen und ein Exklusivinterview zu sichern.

Der Winter war überstanden, Kollegen saßen braungebrannt vom Skiurlaub in Norditalien an ihren Schreibtischen, der Frühling war zum Greifen nah – und dann kam alles anders. Die gesamte Welt hielt an.

Sara Wasmund, Journalistin

Der 1. März roch nach Aufbruch, frisch gedüngten Feldern und dem Versprechen, dass nun alles besser wird. Raus aus dem Winter, raus aus dem Lockdown. Vor einem Jahr dachten wir ähnlich. Der Winter war überstanden, Kollegen saßen braungebrannt vom Skiurlaub in Norditalien an ihren Schreibtischen, der Frühling war zum Greifen nah – und dann kam alles anders. Die gesamte Welt hielt an.

Abgesagt, abgesagt, abgesagt

Fast genau ein Jahr ist es nun her, dass das Corona-Virus und die damit einhergehenden Restriktionen unser Leben verändert haben. Schlagzeilen, die vorher undenkbar waren, sind zur neuen Normalität geworden: „Illegales Friseurgeschäft in Keller aufgedeckt“, „Geburtstagsfeier von Polizei aufgelöst: Gäste versteckten sich in Schränken“ oder „Dänemark rät von sämtlichen Reisen nach Deutschland ab“.

Vor einem Jahr organisierten Festivals ihre Konzerte, Kinos ihr Programm und James Bond seine Filmpremiere. Wir planten Sommerurlaube und Spa-Aufenthalte, Geburtstagsfeste und Familienfeiern. Und dann war plötzlich alles anders und der mühsam zurechtgeplante Kalender wieder leer. Abgesagt, abgesagt, abgesagt.

Nicht nur die Schulen mussten sich auf einen völlig neuen Alltag einstellen … Foto: Sara Wasmund

Im Laufe der vergangenen zwölf Monate haben wir als Lokaljournalisten die Menschen in ihrem neuen Alltag begleitet. Stets mit Mund-Nasenschutz und desinfizierten, rauen Händen. Zwar gab es kaum Veranstaltungen und Termine. Doch das Leben ging ja trotzdem weiter, und so gab es weiterhin jede Menge Geschichten zu schreiben.

Wir haben berichtet, wie Cafés, Restaurants und Geschäfte mit kreativen Verkaufsangeboten versuchen, durch die Krise zu kommen. Ilse und ich haben unser Lieblingscafé Kislings nach Kräften unterstützt und einen Latte to go nach dem anderen von der provisorisch aufgestellten Verkaufstheke gepflückt. Hie und da rollte auch eine Chia-Kugel von der Auslage in die braune Papiertüte.

Gruppen-Interviews ansteckungsfrei online

Wir waren zu Besuch in den Notbetreuungen der deutschen Schulen, lernten das neue Abholsystem in der deutschen Bücherei kennen und führten Gruppen-Interviews ansteckungsfrei online. Wir nahmen an Krisentreffen der kommunalen Notbereitschaft teil, waren beim Aufbau von neuen Test- oder Impfzentren dabei, verfolgten Lieferengpässe bei Desinfektionsmitteln und setzten das „Breaking“-Häkchen, als Corona die deutsche Schule Sonderburg und somit erstmals auch eine Schule des Deutschen Schul- und Sprachvereins erreichte.

In den Humlehøj-Sporthallen gibt es bis auf Weiteres keine Zuschauer mehr – dafür aber Ärzte und Krankenpflegepersonal, die Bürger impfen. Foto: Corona

In dieser Woche erlebte ich einen Meilenstein in der Corona-Bekämpfung: Ich ging mit dem Projektverantwortlichen der Region Süddänemark durch das neu eingerichtete Impfzentrum der Kommune Sonderburg. Wo vor einem Jahr noch Handballspiele und Kletterevents stattfanden, stehen nun frisch gezimmerte Stellwände, hinter denen ab sofort bis zu 2.000 Bürger täglich geimpft werden.

Jetzt ist der Spuk bald vorbei, denken wir mit Blick auf Impf-Maschinerie und Frühling. Das Leben geht weiter. Festivals organisieren ihre Konzerte, Kinos ihre Programme und James Bond seine Filmpremiere. Und wir planen Sommerurlaube und Spa-Aufenthalte, Geburtstagsfeste und Familienfeiern.

Doch genauso unvorhersehbar wie die Corona-Krise vor einem Jahr, sind die vor uns liegenden Monate des Jahres 2021. Niemand weiß, was kommt. Worüber wir schreiben werden und was passieren wird. Mit oder ohne Corona – in einem Jahr wird nichts mehr so sein, wie es jetzt ist.

Welche Überschriften werden in den kommenden Monaten entstehen? Und werden Masken bald schon wieder nur noch unsichtbar getragen, bis sie fallen?

Sara Wasmund, Journalistin

Wer sitzt nach der Kommunalwahl im November noch im Stadtrat? Welche Namen werden unter „Todesfälle in Nordschleswig“ auftauchen? Wer wird im Sonderburger Gericht für Taten verurteilt werden, die noch gar nicht geschehen sind? Wie viele Menschen werden in der Kommune Sonderburg ermordet, geboren oder ausgezeichnet? Welche Überschriften werden in den kommenden Monaten entstehen? Und werden Masken bald schon wieder nur noch unsichtbar getragen, bis sie eines Tages fallen?

Cafés haben immernoch geschlossen, aber frisch gebrauten Kaffee gibt es immerhin, zum Mitnehmen. Foto: Sara Wasmund
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