Die Woche am Alsensund

Die nächsten 20 Jahre beginnen heute

Die nächsten 20 Jahre beginnen heute

Die nächsten 20 Jahre beginnen heute

Sonderburg/Sønderborg
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Eine neue Woche am Alsensund mit Kolumnistin Sara Eskildsen Foto: Karin Riggelsen

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Manchester meets Sonderburg: Ein Interview mit vier Studierenden aus England bringt Kolumnistin Sara Eskildsen in dieser Woche am Alsensund ins Nachdenken.

Wie wäre es wohl, noch mal ganz von vorne anzufangen? Am Anfang des Erwachsenenlebens zu stehen und nochmal durchzustarten. Erneut 20 Jahre jung, am Anfang des eigenen Lebensweges. Zu Beginn einer Kette von Entscheidungen, die alle aufeinander aufbauen: Ausbildung, Freundeskreis, Studienort, Partnerschaft, Freizeitbeschäftigung und Lebensstil. Stadt oder Land? Reisen oder Studieren? Ein Schritt ergibt den anderen, ergibt neue Bekanntschaften, Freundschaften und soziale Netze, die das ganze Leben bestimmen. 

Eine WG aus Manchester – vier Lebenswege

Diese Gedanken wurden mir auf einem Silbertablett serviert, als ich vier junge Studierende im Deutschen Museum in Sonderburg zum Interview traf. Mia, Oscar, Ellie und Ella sind 20 und 21 Jahre alt, studieren in Manchester Physik, Psychologie, Neurowissenschaften und Geschichte, und Mia wollte ihrer WG ihre Heimat im deutsch-dänischen Grenzland zeigen. Sie sind genau da, wo ich vor rund 20 Jahren war: am Lebensweg bauen.

 

Statt auf Barstühlen in Rauchwolken sitzen meine Berliner Freundin und ich mittlerweile am liebsten im Garten. Ganz rauchfrei, es sei denn, das Lagerfeuer lodert. 

Sara Eskildsen

Im Interview sprach ich mit den Vieren über das deutsch-dänische Grenzland und das friedliche Miteinander von Menschen im Allgemeinen. In Gedanken nahm ich mir vor, die vier in genau 20 Jahren erneut zum Interview ins Museum einzuladen. Was sie dann wohl aus ihrem Leben gemacht haben werden? Was das Leben mit ihnen gemacht haben wird? 

Kinder statt Kippen im Auto

Ob sie sich noch kennen werden? Ich kenne die allermeisten meiner Freunde und Freundinnen aus der Zeit an der Flensburger Uni nicht mehr. Unsere Lebenswege sind nach dem Studium nach und nach wieder auseinandergegangen. Lediglich eine Freundschaft ist geblieben, die ist dafür umso wertvoller. Am Ostermontag reist diese Freundschaft aus Berlin an. Mittlerweile nicht mehr im rostigen Golf 2 mit prall gefülltem Aschenbecher, sondern in der Familienkutsche mit drei Kindern auf dem Rücksitz. 

Die Babys von damals starten durch

20 Jahre nach Ende unserer Studienzeit an der Flensburger Förde starten nun die Babys von damals durch. Die zur Welt kamen, als ich mich gerade für die Prüfung in dänischer Gesellschaftskunde vorbereitete – oder für die Studi-Dance-Night im Speicher, letztes kam zugegebener Weise wesentlich öfters vor.

20 Jahre später bin ich abends einfach nur froh, meine Ruhe zu haben; eine Disco-Nacht in Flensburg wäre für mich die Höchststrafe und statt auf Barstühlen in Rauchwolken sitzen meine Berliner Freundin und ich mittlerweile am liebsten im Garten. Ganz rauchfrei, es sei denn, das Lagerfeuer lodert. 

Niemand kann nochmal von vorne anfangen

In 20 Jahren liegen erneut zwei Jahrzehnte voller Entscheidungen hinter uns. Die WG aus Manchester wird längst aufgelöst und viel Wasser den Alsensund hinauf- und hinabgeflossen sein. Zeit ist gerecht. Jeder ist jung, jugendlich, erwachsen, mittelalt und alt. Niemand kann nochmal von vorne anfangen oder wieder jung sein. Wir leben nach vorne. Aber immerhin kann man eines festhalten: egal, wie alt man ist, die nächsten 20 Jahre beginnen heute. 

 

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