Die Woche am Alsensund

„Hattet ihr tomates sur les yeux?“

Hattet ihr tomates sur les yeux?

Hattet ihr tomates sur les yeux?

Sonderburg/Sønderborg
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Eine neue Woche am Alsensund mit Kolumnistin Sara Eskildsen Foto: Karin Riggelsen

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In dieser Woche am Alsensund stellte Kolumnistin Sara Eskildsen fest: Leben kostet Energie. Doch wer bezahlt den Preis und entscheidet, was Erinnerungen wert sind?

Ja, wo laufen sie denn? Diese Frage von Loriot war angebracht, als die Tour de France durch Sonderburg raste. Jahrelang träumten wir am Alsensund davon, uns der ganzen Welt zu präsentieren, wenn die Tour in Echtzeit in alle Erdteile gestreamt wird. Eine TV-Übertragung live aus Sonderburg – welche Bilder hätte man da nicht alles einfangen können!

Die Düppeler Schanzen mit frisch gekalkter Mühle. Den neuen Stadthafen inklusive 18-stöckigem Hotel Alsik. Die gelb verpackte Klappbrücke. Sogar das Deutsche Museum Sonderburg als architektonisches Schmuckstück konnte von Weltruhm träumen. Und was wurde am Ende gezeigt? Fahrradreifen. Fahrradreifen!

Zwar wurde am Ende der Innenstadt-Runde in einem kurzen gnädigen Schwank die Sønder Havnegade inklusive Schloss und Königsschiff Dannebrog gezeigt – doch der neue Stadthafen, das Alsion oder generell Sonderburgs Skyline wurden keines Blickes gewürdigt.

Wer hat denn da Regie geführt, vous êtes aveugles ou qoui?  Hattet ihr Tomaten auf den Augen?

Mir ist bewusst, dass die Tour de France im Grunde ein Sportereignis ist. Von daher sind minutenlange Nahaufnahmen von Fahrradreifen und Pedalen sicherlich nicht unangebracht.

Fahrradreifen und rasierte Männerbeine

Und doch. 21 Millionen Kronen hat die Kommune Sonderburg bezahlt, um als Zielstadt der Tour de France ins Spiel zu kommen und ins rechte Licht gerückt zu werden.

Wir haben eine komplette Brücke in gelbe Stoffbahnen gehüllt, ein überdimensionales Fahrrad aufs Alsik gestellt, wie wild Fenster geputzt. Uns Sorgen gemacht, dass das Hafenkontor nicht rechtzeitig zur Tour renoviert ist und entlang der Strecke wie verrückt Unkraut gezupft.

Um was zu sehen? Fahrradreifen und rasierte Männerbeine. Ich persönlich hatte mehr von einem Luftaufnahmen-Hafen-Panorama geträumt. TV-Aufnahmen aus der Luft, die Schloss, Brücke und Alsik in ihrer ganzen Pracht zeigen und Menschen in aller Welt vor Augen führen, wie wunderschön es hier ist.

Aber gut – vive le Radsport.

Und unbestritten haben am Sonntag viele Tausend Bilder auf unzähligen Kanälen den Alsensund verlassen, die weltweit Werbung für Sonderburg, Atzbüll oder Gravenstein gemacht haben. Regie hin oder her.

Nachdem das Tagesziel erreicht ist, geht es schon Minuten später ans Abbauen – um den Zielbereich in der nächsten Stadt wieder aufzubauen. Die Lkw-Kolonne machte sich Sonntagabend von Sonderburg auf nach Frankreich. Foto: Sara Eskildsen

Kurz nachdem die Fahrer auf dem Augustenburger Landevej über die Ziellinie geschossen waren, traf ich Stadtratspolitiker und Vize-Bürgermeister Stephan Kleinschmidt zum Interview vor der Tribüne.

Nur wenige Minuten zuvor waren die schnellsten Fahrer der Etappe dort mit Blumen wedelnd aufs Podest gestiegen, nun pflückten die Techniker die Tribüne schon wieder auseinander. Die Karawane zog weiter – über den Sonderburger Flughafen und die Autobahn Richtung Frankreich, wo nun an jedem Tag der Tour neue Straßensperrungen und Zielbereiche auf- und wieder abgebaut werden.

Ich fragte Stephan, ob es das Ganze wert war. All die Millionen, die ausgegeben wurden. All das CO₂, das mit den Flügen Sonderburg-Frankreich verballert wurde. Tausende von Mitarbeitenden und Lkw-Kolonnen, nur um eine kommerzielle Radrenn-Karawane durch Europa zu begleiten.

Leben kostet Energie, in jeder Hinsicht

Stephans Reaktion auf diese Frage ist hier zu lesen und kann für sich sprechen. Was ich an dieser Stelle noch hinzufügen möchte, ist folgender Gedanke: Leben kostet Energie, in jeder Hinsicht. Besondere Lebensmomente kosten noch mehr Energie – und sind am Ende tatsächlich unbezahlbar.

Im Grunde fand ich es total albern, dass die Tour de France für geschätzte 120 Millionen Steuerkronen nach Dänemark geholt wurde. Dass für ein paar Minuten – Sekunden – Weltruhm seit Monaten alles auf dieses eine Ereignis ausgerichtet war. Auf ein Radrennen, dessen Ausgang im Grunde überhaupt keinen Einfluss auf unser Leben hier am Alsensund hat.

Und dann gibt es jene Ereignisse, die mehr können. Jene, die zusammenschweißen, tief einwirken und stabilisieren. Wie eine Haarkur. Ein Elixier, das bis in die Spitzen eindringt und unter der Oberfläche wirkt.

Sara Eskildsen, Kolumnistin

Als ich am Sonntag an den Team-Bussen vorbeiging, die bei laufendem Motor stundenlang die Klimaanlage auf Hochtouren fuhren, füllte sich die Sonderburger Atemluft mit Auspuffabgasen.

Mir stank in dem Augenblick das ganze Gerede von „der weltweit nachhaltigsten Zielstadt“ ganz gewaltig. Und doch ließ auch mich diese Frage nicht mehr los. War es all das wert?

Wie lässt sich Lebensqualität herstellen – und messen?

Es waren die Berichte der Menschen entlang der Strecke, die mich zum Nachdenken brachten. Berichte von unvergesslichen Augenblicken, von Gänsehautmomenten und dem Gefühl, an etwas Einzigartigem teilgenommen zu haben. Und Stephans Satz, dass solche Großereignisse „etwas mit der Gemeinschaft und der Gesellschaft machen“.

Was hält uns zusammen? Was gibt uns Antrieb, und wie lässt sich Lebensqualität herstellen – und messen? Sind es nicht gerade die gemeinsamen Erinnerungen und Erlebnisse, die eine Gemeinschaft, unsere Gesellschaft zusammenhalten? Es gibt Jahresrituale und traditionelle Feierlichkeiten, vom Stadtfest über das Sonnenwendfest bis hin zu den Adventsfeiern. Gemeinsam zelebrierte Traditionen, die das Gefühl der Zusammengehörigkeit pflegen.

Als ich damals bei der Tour de France auf einem Straßenschild saß – den Augenblick am Rande der Strecke wird dieser Junge vermutlich nie vergessen … Foto: Sara Eskildsen

Und dann gibt es jene Ereignisse, die mehr können. Jene, die zusammenschweißen, tief einwirken und stabilisieren. Wie eine Haarkur. Ein Elixier, das bis in die Spitzen eindringt und unter der Oberfläche wirkt.

Das ist es, was die Tour de France in Dänemark erreicht hat. All jene, die in der ein oder anderen Form daran beteiligt waren, zugeschaut oder mitgearbeitet haben, werden dieses Erlebnis nie vergessen. Werden sich austauschen und verbunden fühlen. Verbunden sein, über gesellschaftliche Schichten und Grenzen hinweg.

Das ist es, was die Tour de France in der Kommune Sonderburg bewirkt hat: Gemeinschaft als Kitt für die Gesellschaft. Gemeinsam Riesen-Räder ins Kornfeld stellen, anstatt sich die Fahrradreifen zu zerstechen. Miteinander statt Gegeneinander – genau unser Motto hier im Grenzland.

Wer sehen will, wie wunderschön es bei uns am Alsensund ist, soll gefälligst persönlich herkommen und sich davon überzeugen. Jetzt, wo der Trubel der Tour vorbei ist, kann man Stadt und Sund endlich wieder richtig genießen.

Sara Eskildsen, Kolumnistin

 

Es gibt diese Augenblicke und Erinnerungen im Leben, die unvergesslich und unbezahlbar sind. Die Tour de France 2022 gehört definitiv dazu.

 

Wer Energie investiert und den Mut hat, Neues zu wagen, wird am Ende mit Erinnerungen belohnt, die keine TV-Kamera dieser Welt einfangen kann.

Und wer sehen will, wie wunderschön es bei uns am Alsensund ist, soll gefälligst persönlich herkommen und sich davon überzeugen. Jetzt, wo der Trubel der Tour vorbei ist, kann man Stadt und Sund endlich wieder richtig genießen. Hier läuft jetzt gar nichts mehr – außer dem Eis am Stiel.

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