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Hamburg streitet über Bismarck-Denkmal

Hamburg streitet über Bismarck-Denkmal

Hamburg streitet über Bismarck-Denkmal

Markus Lorenz/shz.de
Hamburg
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In Hamburg stegt die größte Bismarck-Statue. Nun gibt es Forderungen nach einem Abriss. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

34 Meter hoch und 2800 Tonnen schwer: In Hamburg steht das größte Bismarck-Denkmal. Kritiker fordern den Abriss.

Entzaubern, enthaupten, oder gleich ganz abreißen? Um das riesige Bismarck-Denkmal über dem Hamburger Hafen tobt ein leidenschaftlicher Streit.

Im Fahrwasser der Rassismus-Debatte stellen sich immer mehr Kritiker gegen das mächtige Standbild im Alten Elbpark. Ihr Vorwurf: Bismarck sei Anti-Demokrat, Kriegstreiber und Wegbereiter des Kolonialismus gewesen, seine Verehrung in Gestalt des Denkmals unzeitgemäß.

"Kopf abmontieren und daneben legen"

Auch radikale Vorschläge sind zu hören, etwa von Ulrich Hentschel, ehemaliger Pastor der St. Johanniskirche in Altona und Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche.

Die „Monumentalität“ des Denkmals müsse gebrochen werden, sagt der Theologe und hat eine Idee: „Das könnte geschehen, indem man den Kopf abmontiert und neben dem Denkmal präsentiert.“ Die Darstellung des Reichskanzlers als „bewaffneter, kriegerischer Held“ sei überholt.

Energischer Widerspruch kommt von der Hamburger AfD. Fraktionschef Alexander Wolf sieht eine „linksideologische und geschichtsvergessene Bilderstürmerei“, den Kopf-ab-Vorschlag nennt er „Wahnsinn“.

Bismarck kehrt dem Rathaus den Rücken zu

1906 hatten die Hamburger Otto von Bismarck (1815-1898) ein weithin sichtbares Denkmal im Stil einer mittelalterlichen Roland-Figur gesetzt. Mit 34 Metern ist es nicht nur die höchste Statue in Hamburg, sondern das größte Bismarck-Denkmal überhaupt. Schon damals war das Standbild an der Elbe umstritten, nicht jedem gefiel die Geste der Huldigung.

Bis heute hält sich die Legende, der Granit-Bismarck wende Stadt und Rathaus den Rücken zu, um die gegenseitige Abneigung zwischen dem preußischen Adligen und den hanseatischen Kaufleuten zu zeigen.

"Otto must fall"

Anfang Juli hatten sich 120 Demonstranten im Alten Elbpark versammelt, um gegen die Statue Front zu machen, auf Plakaten forderten sie: „Otto must fall.“ Die Gruppe Intervention Bismarckdenkmal Hamburg verlangt zumindest den Stopp der Sanierungsarbeiten, sie argumentiert: „Wir lehnen Bismarck nicht nur wegen seiner Kolonialpolitik ab. Wir fordern auch einen Baustopp, weil hier Millionen Steuergelder für das Gedenken an einen Antidemokraten und Kriegstreiber ausgegeben.“

Die 2800 Tonnen schwere Statue ist baufällig, sie wird für neun Millionen Euro instandgesetzt.

Demonstration gegen das Denkmal am 28. Juni. Foto: Markus Scholz/dpa

Eine vollständige oder teilweise Zerstörung lehnt der Historiker Prof. Ulrich Lappenküper ab. Der Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh (Kreis Herzogtum Lauenburg) sieht im ersten deutschen Reichskanzler eine „ambivalente Figur mit Fehlern“, aber eben auch als Teil deutscher und Hamburger Geschichte.

Lappenküper: „Diese Figur aus der Geschichte herauszukatapultieren wäre für mich der völlig falsche Weg.“ Erforderlich sei eine „Kontextualsierung“ des Politikers, also dessen Wirken und Fehler im Rahmen historischer Bildungsarbeit in den Zusammenhang zu stellen.

Senator will künstlerischen Wettbewerb

Auch der rot-grüne Senat hält am Denkmal fest und setzt die Sanierung fort. Allerdings will Kultursenator Carsten Brosda (SPD) Bismarcks Rolle deutlicher einordnen und kündigt dazu einen künstlerischen Wettbewerb. „Wir brauchen etwas, was alle, die das Denkmal sehen, jenseits des ,Ich erkläre euch das mal’ anspricht.“ Dabei könne er sich auch radikale Gegenpositionen vorstellen, um dem „heroischen Gigantismus eine ironische Brechung“ entgegen zu setzen.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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