Deutsche Minderheit

Neue Freundschaften: In Tingleffs Bücherei findet Sigrid mehr als nur Bücher

Veröffentlicht Geändert
Sigrid an ihrem Lieblingsplatz in der Deutschen Bücherei Tingleff

„Psssscht, hier wird nicht geredet!“ – das war einmal: Die Deutsche Bücherei in Tingleff entwickelt sich zum Gemeinschaftstreffpunkt. Immer mehr Menschen nehmen an Bastel-, Strick- oder Spieletreffen teil. So auch Sigrid Walter.

Mit Zettel und Stift in der Hand betrete ich die Deutsche Bücherei Tingleff. Als Praktikant des „Nordschleswigers“ habe ich mich hier mit Sigrid Walter verabredet. Sie sitzt an dem Tisch, der vermutlich mehr Geschichten zu erzählen hat als so mancher Roman. Hier trifft sie sich nämlich immer zum Spielen.

Als gebürtige Deutsche ist Sigrid vor knapp zwei Jahren von Südbaden allein nach Dänemark gezogen. Ein großer Schritt, meint sie, aber im Auswandern ist die 60-Jährige gewiss kein Neuling. Bereits 17 Jahre lebte sie in verschiedenen Ecken der Schweiz. Doch sie sehnte sich schon immer nach einem eigenen Haus. Nach einem, das auch bezahlbar ist, mit einem schönen großen Garten – der ist ihr besonders wichtig.

Sigrid lebt zwar wie erwähnt allein, aber einsam ist sie ganz und gar nicht. Elf schnurrende Vierbeiner wohnen bei ihr zur Untermiete. Während sie darüber erzählt, wird klar: Katzen haben es ihr einfach angetan. So verwundert es nicht, dass sie sich bereits seit vielen Jahren im Tierschutz engagiert.

Auch ihr beruflicher Alltag ist von sozialer Fürsorge geprägt, denn Sigrid ist gelernte Pflegefachfrau. So ist ihr regelmäßiger Kontakt zu Menschen wichtig. Fiel es ihr vorher in der Schweiz etwas schwer, Bekanntschaften zu knüpfen, so bewundert sie die offene Art der Menschen in Nordschleswig:

Die schnurrenden Untermieter fühlen sich sichtlich wohl.

„Sie hat mich sozusagen adoptiert“, verrät mir Sigrid mit einem Lächeln über ihre neue Nachbarin. Auch einen passenden Spitznamen hat sie für die ältere Dame: „Tingleff-Google“, denn von ihr bekommt sie auf jede ihrer Fragen zu ihrer neuen Heimat eine passende Antwort – etwa mit Tipps rund um Ausflugsmöglichkeiten, Besonderheiten oder welche die beste Autowerkstatt in der Gegend ist. Im All-Inclusive-Paket darf der Google-Übersetzer natürlich auch nicht fehlen, und so hilft die Nachbarin der Zugezogenen zusätzlich noch beim Dänischlernen.

Als „Leseratte“ wusste Sigrid selbstverständlich schon vor ihrem großen Umzug von der deutschen Bücherei vor Ort. Nach einer zweimonatigen Eingewöhnungsphase in ihr neues Leben wagte sie dann den Schritt: Sie machte sich auf den Weg in die Bücherei – zu einem Spieletreffen.

„Bibliotheken? Da kann man mich einsperren!“

Sigrid Walter

Und genau dieser führte nicht nur zu vielen weiteren gemeinsamen Spielstunden, sondern auch zu neuen Freunden. Einer davon ist Wolfgang. Auch er ist während meines Gesprächs mit Sigrid in der Bücherei anwesend, und ich sollte auch gleich erfahren, warum.

Sushi-Lieferung mal anders!

Die Eingangstür geht auf, Schritte kommen näher, ein freundliches „Moin“ dringt durch die Bücherregale, und eine Frau mit einem großen, viereckigen Rucksack – ähnlich wie der eines Pizzalieferanten – läuft auf unseren Tisch zu. „Ich bin Berrit“, stellt sie sich mir vor. Berrit ist gewissermaßen die Spielebeauftragte. Sie besitzt nämlich über 900 Gesellschafts- und Kartenspiele und hat für diese in ihrer Wohnung sogar ein eigenes Zimmer eingerichtet. Aus dieser riesigen Sammlung, die vermutlich schon einem Spielemuseum ernsthaft Konkurrenz macht, bringt sie dann immer eine kleine Auswahl mit.

Auch in ihr hat Sigrid eine neue Freundin gefunden: „Sollte mir mal etwas passieren, wären Berrit und Wolfgang sofort bereit, sich um meine vielen Katzen zu kümmern. Und das haben sie mir schon angeboten, da kannten wir uns noch gar nicht so lange.“

Ein Eindruck von dieser herzlichen Offenheit lässt nicht lange auf sich warten, denn prompt werde ich zum Mitspielen eingeladen. Auch Wolfgang, der anscheinend die ganze Zeit nur darauf wartete, hat mittlerweile an unserem Tisch Platz genommen. Berrit holt ein Spiel aus ihrem Rucksack: „Sushi Roll“ – das habe ich zuvor noch nie gesehen, geschweige denn gespielt. Aber Spieleexpertin Berrit kann die Regel super einfach erklären.

Bei dem Brettspiel „Sushi Roll“ gibt es spezielle Würfel, auf denen verschiedene Sushi-Symbole abgebildet sind. Diese würfelt man, wählt einen davon aus, legt ihn vor sich hin und gibt den Rest weiter. So sammelt man nach und nach Sushi-Kombinationen, die Punkte bringen. Wer am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt.

Berrit (unten links) erklärt uns gerade die Spielregeln von „Sushi Roll“.

Termine für einen solchen Spieletreff werden meist über eine WhatsApp-Gruppe abgesprochen. Bei Interesse kann direkt in der Deutschen Bücherei Tingleff nachgefragt werden.

Neben Spaß darf natürlich auch die Strategie nicht vernachlässigt werden. Hochkonzentriert plant Sigrid ihren nächsten Zug.

Einen offiziellen Termin gibt es aber auch: Am 29. September von 15.30 bis 17 Uhr findet ein Familienspieletreff statt. Anmeldung rechtzeitig per Mail an tingleff@buecherei.dk oder per Telefon an +45 74 64 35 77.

Mehr zum Thema 100 Jahre Bücherei

Am 5. September feiert die deutsche Minderheit ein besonderes Jubiläum: Seit 100 Jahren gibt es die Deutsche Bücherei in Nordschleswig. Aus diesem Anlass beleuchtet „Der Nordschleswiger“ diesen Sommer Geschichten, Erinnerungen und Entwicklungen rund um das Thema Bücherei. Alle Artikel und weitere spannende Schwerpunktthemen sammeln wir auf unserer Themenseite.